LUXEMBURG
PEIRRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Fortsetzung im „Mühlenbacher Geiseldrama“-Prozess

Sie sollen ihre Opfer gefesselt, brutal misshandelt und mit dem Tode bedroht haben. Die Tatorte: eine Villa und eine Treuhandgesellschaft in Luxemburg. Die mutmaßlichen Täter stehen nun vor Gericht, die Verhandlungen finden unter hohen Sicherheitsmaßnahmen statt. Wegen Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung müssen sich seit Dienstag vier Männer vor der Kriminalkammer des Bezirksgericht Luxemburg verantworten (das „Journal“ berichtete).

Am Mittwoch und Donnerstag gab ein Ermittler einen tieferen Einblick in die Geschichte. In dem gut eingefädelten Coup hatte jeder seine Rolle: Ali A. (48) war der Prinz. Redda B. (49) der Sicherheitschef. Nach dem Coup brachten die beiden Gangster ihre Beute nach Paris, wo die zwei mutmaßlichen Komplizen Mohamed F. (38) und Daniel V. (33) sie weiterverkauften. F. sagte aus, nicht gewusst zu haben, dass die Uhren geklaut waren. Am Ende sollte dann ungefähr ein Erlös von rund einer Million Euro stehen, sagte der Ermittler, dank derer die vier Männer ein Luxusleben in Frankreich (Paris) und Spanien (Spanien) geführt haben sollen. Laut Ermittler lebten sie auf großem Fuß, ein Protz-Leben.

Jeder hatte seine Rolle

Die Männer hatten DNA an den Tatorten hinterlassen, die schließlich die Ermittler auf die Spur der vier führten. An einem Feuerzeug fanden die Genetiker DNA des Angeklagten Ali A., auf einer Perrier-Flasche DNA-Spuren des Angeklagten Redda B.. Ermittler in Paris und Spanien lieferten weitere Hinweise, sodass die Beamten die vier Männer in Paris und in Marbella (Spanien) festnehmen konnten.

Die Angeklagten Daniel V. und Mohamed F. wurden am 9. Juli 2013 nach Luxemburg ausgeliefert. Die mutmaßlichen Geiselnehmer Ali A. und Redda B. wurden am 22. Januar 2014 den luxemburgischen Behörden übergeben. B. gab zu Protokoll, keine Gewalt ausgeübt zu haben. V. soll die juristische Verteidigung von B. organisiert haben. B. soll der Kopf der Bande sein. Mohamed F. seine rechte Hand, so der Ermittler. B. habe im Gefängnis kein Hehl daraus gemacht, dass er seine Flucht plante. Er ist in Frankreich inhaftiert. Nur unter schwerster Bewachung nimmt er in Luxemburg am Prozess teil. B. soll sich mehrfach bei seinen Komplizen erkundigt haben, wie sie seine Flucht organisieren könnten. Offenbar war aber auch die französische Polizei über B.s Gedankenspiele im Bilde.

Ein Geschäftsmann, José R. gab gestern zu Protokoll, dass er am 13. Dezember 2012 mit seinem Auto von Genf nach Luxemburg gefahren sei. Im Koffer 16 hochwertige Uhren. Er fuhr zur Treuhandgesellschaft. Dort wurde er von einem der Gangster empfangen. Im ersten Stock warteten die anderen Juweliere. Der Mann musste sein Handy, seine Geldbörse und die Uhren auf den Tisch legen. Der eine Gangster sei freundlich, der andere sehr unangenehm und bedrohlich gewesen. Er wurde dann in den Keller geführt, wo sich schon andere Juweliere befanden. Da kein Klebeband mehr vorhanden war, wurde er mit einer Krawatte gefesselt. Zwei Opfer konnten sich befreien und die Holztür des Kellers kaputtschlagen. Um 19.15 wurde die Polizei benachrichtigt. Um 19.25 war die Polizei am Tatort. Der Zeuge gab weiter zu Protokoll, dass die Gangster mit zwei Pistolen bewaffnet waren. In seiner Nebenklage beantragte der Mann eine moralische Entschädigung von 50.000 Euro.

Am Donnerstag hörte das Gericht auch den Gerichtspsychiater Dr. Edmond Rénaud. Er hatte drei Opfer untersucht, unter anderen auch das Hauptopfer. Der Psychiater stellte fest, dass alle Opfer unter einem Trauma litten. Nervosität, Angst und Reizbarkeit, Verflachung der Gefühle und Interessen seien noch alltäglich präsent. Drei Opfern bescheinigte der Psychiater eine „Incapacité permanent partielle“ (IPP) von zehn bis 20 Prozent.


Der Prozess wird heute fortgesetzt