LUXEMBURG
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Selfpublishing als Option: zwei Autoren über ihre Erfahrungen

Nur weil die letzte Seite geschrieben ist, ist ein Schriftsteller längst nicht am Ziel. Von einem  Verlag zum nächsten muss das Manuskript geschickt werden - wo man wahrscheinlich dankend ablehnt. Zum Glück gibt es das Internet und die „Print on Demand“-Technik, womit der Autor sein Buch selbst verlegen kann. Doch lohnt es sich, diesen Weg zu gehen? Wir haben bei den beiden Autoren Dr. Anne Carina Hashagen und Luc François nachgefragt!

Lëtzebuerger Journal

Dr. Anne Carina Hashagen

Wer weiß, dass Umberto Eco über zwanzig Anläufe brauchte, „Der Name der Rose“ bei einem Verlag unterzubringen, der darf die Gatekeeper-Funktion der Verlagsanstalten zu Recht in Frage stellen. Selfpublishing ist eine Option. Jeder kann ein Buch veröffentlichen, Amazon und Co. machen es möglich. Und Goethe machte es vor mit seinem selbstverlegten „Götz von Berlichingen“. Wer jedoch glaubt, auf diesem Weg zum Star-Autor aufzusteigen, der sollte gewarnt sein: Erfolgreiche Selfpublisher sind nahezu ausschließlich im „Genre“-Bereich unterwegs. Krimis, Liebesgeschichten, Thriller. Wer eher auf Diogenes-Niveau schreibt und literarisch Anspruchsvolles platzieren möchte, findet sich in den Ranglisten weit abgeschlagen hinter „Heißblütige Millionärsgattinnen“ wieder.  Nur wenige Selfpublisher können vom Schreiben leben, und die es tun, veröffentlichen oft im Halbjahrestakt. Dazu kommt viel Arbeit: Vom Buch-Cover bis zum Marketing - selbst ist der Autor! Wer es mit seinem Buch bei Amazon in die Top 100 Kindle-Charts schafft, dankt dem undurchschaubaren Amazon-Algorithmus. Glück gehabt. Doch spielt Glück nicht genauso bei einer Verlagsveröffentlichung eine entscheidende Rolle? Ob ein Buch zum Bestseller wird, hängt davon ab, ob ein Verlag es zum „Spitzentitel“ macht: Das Buch ins Gespräch bringen; Buch-Blogger-Marketing; ein Platz auf den Tischen vorne in den Buchhandlungen. All das kostet Geld. Irgendwo in den Regalen der Buchhandlungen mag der tollste aller Romane schlummern. Und trotzdem weniger als hundert Mal verkauft worden sein. Es sei denn, es handelt sich um das Lieblingsbuch von Christine Westermann. Bestseller entstehen durch eine psychologische Motivierung der Masse. Da ist viel Wahres dran. Und warum veröffentliche ich selbst über Amazon? Zum Verständnis hier die Top Zwei meiner Lieblings-Verlagsabsagen: „Was? Das ist ja so ähnlich wie Harry Potter? Leider nein, Harry Potter ist von gestern“; „Tolles Buch, leider zu anspruchsvoll für unsere Leser“. Mein kürzlich veröffentlichter Roman heißt „Die Wette“, ein klassischer Schauerroman. Es ist ein Genre-Mix aus einer „Coming-of-Age“-Geschichte und Horror. Ein Genre, das sich in Hollywood großer Beliebtheit erfreut, man denke zum Beispiel an die erfolgreiche Neuverfilmung von „Es“ (Stephen King). Verlage jedoch wollen keine Risiken eingehen. Mainstream ist König, Genre-Mixes gelten als schwer vermarktbar. Schade eigentlich. Aktuell adaptiere ich „Die Wette“ zum englischen Drehbuch. Meine amerikanische Agentin mag das Thema. Warum nicht in Hollywood mit dem Glück spielen?

Lëtzebuerger Journal

Durch Fallen lernt man gehen – aber auf keinen Fall in der Literatur! Wo es in vielen Bereichen der Kunst Usus ist, die ersten Schritte auf eigene Faust zu machen und in Eigenregie zu veröffentlichen, wurde der Selfpublishing-Ansatz in der Literatur lange tabuisiert. Man muss es sich einmal vor Augen halten: Gerade in dieser einsamen Sparte, wo der Kunstschaffende über Jahre im stillen Kämmerlein tüftelt, muss er sich am Ende vorsehen, wenn er sich und sein Werk der Welt zeigen will. Klar, indem die Voraussetzungen für eine Veröffentlichung gelockert werden, wird auch mehr Schrott angespült. Das ist alles nichts Neues, aber auch kein Grund, abwertend mit dem Finger auf das Selfpublishing zu zeigen. Auch dass es heute immer seltener damit getan ist, ein überzeugendes Werk abzuliefern, sondern der Künstler gut damit beraten ist, auch aktiv sein Netzwerk zu spinnen, clevere Ideen für die Werbung auszutüfteln und seine Person beziehungsweise Rolle nach außen hin zu verkaufen, ist Realität. Diese Fertigkeiten werden durch das Selfpublishing geschult, sofern es der Kunstschaffende denn wirklich ernst meint und die Anstrengung auf sich nimmt. Und anstrengend, das ist es in der Tat. Der Markt ist übersättigt, die Medien schauen immer noch gerne weg, wenn nicht das Gütesiegel eines Verlags die eigene Arbeit ziert, und schnell fühlt man sich übergangen. Einer Sache muss man sich eben bewusst sein: Im Selfpublishing sind die Schritte gemeinhin kleiner und nur allzu beschwerlich. Ziel jedes Schreibers sollte natürlich die bestmögliche Veröffentlichung sein, und da ist ein Verlag mitsamt seiner Infrastruktur nach wie vor eine wertvolle Hilfe. Auf dem Weg dorthin ist es aber sicher nicht verkehrt, einmal die andere Seite im Kleinen zu erleben, um ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Aufgaben seitens des Verlags anstehen, und wie man als Schreiber dem stärkenden Partner am besten entgegenkommen kann, ist dieser erst gefunden. Schieben wir abschließend einmal den Nutzen zur Seite und widmen uns dem Wesentlichen: der Leidenschaft. Das Schreiben ist für mich eine Herzensangelegenheit, und es würde mir nicht im Traum einfallen, eine meiner Geschichten und Welten in der virtuellen Schublade zu begraben, nur weil es jemand gerne so hätte, oder weil sie auf dem Bewerbungsstapel wieder ganz unten lag.

Lëtzebuerger Journal

Emil Ferris - Am liebsten mag ich Monster

Karen Reyes ist zehn Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter und ihrem großen Bruder Diego in einer Kellerwohnung in Chicago. Es ist Valentinstag, und Anka Silverberg, die Nachbarin der Reyes’, die schönste Frau, die Karen je gesehen hat, ist tot. Die Polizei fand sie erschossen in ihrem von innen verriegelten Schlafzimmer. Von der Tatwaffe keine Spur. Karen leiht sich von ihrem Bruder Hut und Trenchcoat und beginnt zu ermitteln. „Am liebsten mag ich Monster“ ist ihr Notizbuch. Kugelschreiber und Filzstift auf liniertem Papier, komplexe, fein schraffierte Zeichnungen und rasch hingeworfene Skizzen, die Texte sind krude, kraftvoll, vielschichtig. Karen zeichnet Ankas Geschichte auf, ihr Überleben als Kinderprostituierte in Nazideutschland als Horrorgeschichte mit okkulten Elementen. Erinnerungen an ihre Mutter, die an Krebs erkrankt ist. Erkenntnisse über Diego, der sein eigenes geheimes Leben führt. Porträts der Bewohner ihres Viertels, allesamt „Passagiere des Arschtritt-Express“. Sich selbst zeichnet sie als Monster mit müden Augen, Fangzähnen und Unterbiss. Die erste Graphic Novel der Schriftstellerin und Designerin Emil Ferris ist eine klassische Detektivgeschichte, ein queerer Coming-of-age-Roman, eine Horror-Collage und ein Porträt der späten Sechzigerjahre in Chicago. Ein vielschichtiger, packender, wunderschöner erster Band. von Elisabeth Dietz

 Panini, 420 Seiten, 39 Euro

Lukas Rietzschel  - Mit der Faust in die Welt schlagen

Tobias und Philipp wachsen mit ihren Eltern in der sächsischen Provinz auf. Vor verfallenen Industrieanlagen aus DDR-Zeiten baut sich die Familie ein Haus und versucht Fuß zu fassen. In der Schule schmieren Schüler ein Hakenkreuz auf einen großen Findling im Hof, Ressentiments gegen die Sorben im Ort sind an der Tagesordnung. Die Wut über Perspektivlosigkeit und zerstörte Hoffnungen entlädt sich gegen Unschuldige. Während die Ehe der Eltern auseinanderbricht, gelangen Tobias und Philipp in Kontakt mit örtlichen Rechtsextremisten. Lukas Rietzschel, der selbst in der sächsischen Provinz aufwuchs, zeichnet sie als phlegmatische Jugendliche, ohne Ziel und nicht selten aus einem dysfunktionalen Elternhaus. Sie trinken und randalieren, sie beschimpfen und kokettieren mit NS-Symbolik. Der Rechtsradikalismus ist Kompensation und Rebellion in einem. Bis in die Gegenwart 2015 zeichnet der Roman den Verfall einer Region und ihr verfehltes Aufbegehren gegen Flüchtlinge nach. Dort, wo blühende Landschaften ein ewig uneingelöstes Versprechen geblieben sind, wissen die jungen Männer nicht wohin mit ihrer Wut. Es geht Rietzschel weniger um rechtsradikale Strukturen als um die spezifische Attraktivität dieses Protests. Ein bedrückender, hoffnungsloser Roman, ein Abgesang.Von Sophie Weigand

 Ullstein Verlag, 320 Seiten, 20 Euro

Ian McGuire - Nordwasser

„Sehet den Menschen!“ Ecce homo: Mit archaisch-biblischen Worten hebt die Geschichte an und erzählt von der Nordmeerfahrt eines Walfängers, die katastrophal endet. McGuire stützt sich auf große Vorbilder wie Melville, Conrad, Poe und London, aber raubt in seiner Aneignung den bekannten Stoffen jegliche geheuchelte Metaphysik. Das Böse wird hier ästhetisiert und überhöht, aber nicht verdammt. Weil es im Menschen steckt, wird es vorgeführt. Wider die Tradition seiner Vorbilder erzählt McGuire im Präsenz, schnörkellos und hyperrealistisch. Die Story rollt ab wie ein Tarantino-Film, strotzt vor physischer Gewalt, ist blutig, stinkend. Milde Metaphorik kennt dieser Roman nicht. Die Symbolik steckt im Offensichtlichen. Hier wird nur gesagt, was ist. Punkt. Die Mannschaft: lebende Tote. Das Schiff: dem Untergang geweiht. Der Walfang: ein sterbendes Geschäft. Die Fahrt: ein großer Betrug! Am Ende sind nahezu alle gestorben. Das Eis, der arktische Himmel, das Meer übernehmen die Macht. Der Mensch fürchtet das Schicksal, die Natur nicht. Sie kennt weder gut, noch böse, sie ist einfach nur da. „Nordwasser“ ist ein abgründiger Geniestreich und kalkulierter Fausthieb, rast als tiefsinniger Trip ungebremst seinem Finale zu. Großartig! Und großartig übersetzt von Joachim Körber.Von Jochen Kienbaum

 mare Verlag, 336 Seiten, 22 Euro

Lëtzebuerger Journal

Ödön von Horváth - Jugend ohne Gott

Vor 30 Jahren haben mich meine Lehrer nicht besonders gemocht. Vor 30 Jahren habe ich meinem Deutschlehrer vor versammelter Klasse gesagt, dass ich die Bücher, die Unterrichtsstoff sein würden, schon im Sommer vor Schulbeginn gelesen hatte, damit er sie mir nicht verhunzen konnte. „Verschäissen“ hab ich gesagt. Kein Wunder, dass er mich nicht gemocht hat. Eines dieser Bücher war „Jugend ohne Gott“. Hätte ich es nicht gelesen, oder hätte ich es mir „verschäissen“ lassen, vielleicht wär ich nie Schriftsteller geworden.

Seit 30 Jahren habe ich „Jugend ohne Gott“ zum ersten Mal wieder gelesen und ich habe mir Zeile für Zeile gedacht: Ich tu immer noch nichts anderes, als Zeile für Zeile Horváth nachzuahmen. Und: Das Buch könnte gerade eben erst verfasst worden sein. Die heutigen Plebejer versuchen es wieder (oder immer noch), den anderen vorzusagen, was sie zu denken haben. Erfolgreicher denn je. Und wenn ich bedenke, dass Horváth all das geschrieben hat, bevor es aber so richtig losging, damals, da kommt mir das Grausen, was uns noch bevorsteht, heute.

Doch es ist auch die Sprache, die Horváth schreibt, die selbst 80 Jahre nach der Veröffentlichung moderner ist als die von so manch modernem Schriftsteller. Und es geht um Sex und einen Kriminalfall und um Lügen und Wahrheit und darum, kein feiger Fisch zu sein, der nur schaut und nichts tut. Also: Lasst euch die Literatur nicht „verschäissen“, sie kann mehr, als der eine oder andere Lehrer vermutet.

Bei Philippi sehen wir uns wieder.von Raoul Biltgen

 Suhrkamp, 208 Seiten, 7,50 Euro