LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Nach den „Assises culturelles“ und den „Ateliers du jeudi“ folgt der „warme Herbst“

Die „Assises culturelles“ sollen kein „one shot“ sein, wiederholte Kulturstaatssekretär Guy Arendt am Donnerstag. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Diskussionspunkte aufgearbeitet und die nötigen Schlüsse gezogen werden. Zur Erinnerung: Im vergangenen Juli hatten über 450 Akteure aus dem Kulturbereich zwei Tage lang im Großen Theater über den Stellenwert der Kultur, die Probleme sowie Herausforderungen in diesem Sektor debattiert. Die Themen, die zur Diskussion standen, hatten zuvor unterschiedliche Arbeitsgruppen in mehreren Sitzungen definiert. Anschließend wurden zwölf Themenkomplexe in den „Ateliers du jeudi“ mit bis zu 15 Teilnehmern vertieft, beziehungsweise werden vertieft, zwei thematische Workshops stehen noch an.

Zweite Auflage der „Assises culturelles“ im Juli 2018

Am Donnerstagmorgen hat Jo Kox, zuständig für die Koordination der „Assises culturelles“, dennoch bereits die zuständige Chamberkommission über den Stand der Dinge unterrichtet, danach wurde die Presse informiert. Am 1. Juli wird im Merscher Kulturhaus mit der Kulturszene über die Gesamtbilanz beratschlagt. Im Herbst soll ein Konsenspapier ausgearbeitet werden, das wiederum dem Kulturentwicklungsplan als Grundlage dienen soll. Im Juli 2018 wird indes die zweite Auflage der „Assises culturelles“ organisiert, im Juli 2020 die dritte und 2022 die vierte. Da es sich um ein „Work in progress“ handele und ohnehin viel Bewegung im Kulturbereich herrsche, sollen existierende Dossiers oder zuvor ausgearbeitete Strategien auch immer wieder überdacht werden können, sagte Kox.

Patient „Kultur“ kränkelt

Ein doch recht dicker mit „Rapports“ überschriebener Dokumentenstapel wurde den anwesenden Journalisten vorgestern ausgehändigt. „Das ist nur ein Zehntel von dem, was bislang zusammengetragen und niedergeschrieben wurde“, bemerkte Kox. „Ich habe in diesem ganzen Jahr viel hinzugelernt. Auch wenn man 20 Jahre lang an der Spitze einer Kulturinstitution gearbeitet hat, heißt das noch lange nicht, dass man mitbekommt, wo in anderen Institutionen die Probleme liegen. Nun hatte ich die Gelegenheit, während eines ganzen Jahres den Puls zu fühlen. Ich habe in gewisser Weise Doktor gespielt und den Patient ‚Kultur‘ gefragt, wie es ihm geht. Eine Schlussfolgerung ist, dass es dem Patienten gut geht, trotzdem kränkelt er auch. Wir haben nun die Chance, nicht nur rechts und links Pflaster anzubringen, sondern den Patienten auf die Pritsche zu legen, ihn einer Entgiftungskur zu unterziehen und zu überlegen, was getan werden kann, damit es ihm besser geht“, beschrieb Kox.

In den vergangenen Monaten sei alles in Frage gestellt worden. Über Geld sei während der „Ateliers du jeudi“ nicht geredet worden, sondern über Inhalte. Ein konstruktiver, sachlicher Austausch war das Ziel. In einem nächsten Schritt wird nun eine schriftliche Bestandsaufnahme realisiert. „Alles muss dokumentiert werden, sonst kann kein Kulturentwicklungsplan ausgearbeitet werden. Wir müssen wissen, worauf wir die nächsten Jahre aufbauen können“, sagte Kox.

Modell eines Kulturentwicklungsplans soll 2018 stehen

Im „warmen Herbst“, wie ihn der Koordinator nennt, werde man sich auf die „gouvernance culturelle“ konzentrieren, damit während der zweiten Auflage der „Assises“ schließlich eine kulturelle Strategie definiert werden könne. Bis dahin soll laut Kox das Modell eines Kulturentwicklungsplans zur Diskussion stehen. Gleichzeitig gelte es, die Prioritäten zu definieren, dies wie gehabt im Dialog mit der Kulturwelt.

Alle Dokumente zu den „Assises culturelles“ sollen indes künftig in einer eigenen Rubrik unter www.culture.lu abrufbar sein. Zudem wird momentan an einer Kartografie (was wird auf kultureller Ebene in welcher Gemeinde geboten?) und einer Nomenklatur gearbeitet. „Mit der Nomenklatur tun wir uns momentan noch sehr schwer in Luxemburg. Es geht nicht um Elitär gegen Populär, es geht nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern darum, die verschiedenen Bereiche endlich einmal zu klassifizieren, demnach um eine Klassifikation der verschiedenen Institutionen beispielsweise nach Funktion und Aktivität“, erklärte Kox.

Vier Kernfragen im „warmen Herbst“

Im „warmen Herbst“ sollen Antworten auf vier Kernfragen gefunden werden. „Wenn wir diese Kuh nicht schlachten, brauchen wir keinen neuen Bauernhof zu bauen, um neue Kühe zu züchten“, meinte Kox. Im September stehen die Missionen des Kulturministeriums im Fokus. „Wie sehen die Missionen aus und inwiefern dehnen wir sie aus? Wie gestaltet sich die aktuelle Subventionspolitik, nicht nur die des Ministeriums, sondern auch die des Focuna, des CNA, von music:LX und so weiter, und wie soll sie künftig aussehen, um effizient zu sein?“, präzisierte er die Diskussionspunkte. Im Oktober wird über den Exportbereich, demnach über die internationale Verbreitung diskutiert. Unter anderem soll der Sinn sowie der Aufgabenbereich einer möglichen Kulturstiftung, beziehungsweise -agentur thematisiert werden. Im November steht der konventionierte Sektor auf dem Programm. Im Dezember wird die Territorialität und die Dezentralisation besprochen.

„Nimmt man das Beispiel der regionalen Kulturhäuser, so gibt es meistens zwei oder drei Partner. In den häufigsten Fällen ist die Gemeinde der Initiator des Projekts, fragt aber nicht selten später eine Konvention mit dem Staat an. Sollen wir dem bisherigen Modell treu bleiben oder eine neue juristische Struktur erfinden? Die Franzosen haben zum Beispiel das Modell ,établissement public culturel et commercial‘“, schilderte Kox. In allen vier Punkten unterbreite er Vorschläge auf Basis dessen, was er rechts und links mitbekommen habe. „Es ist einfach ein Märtyrerpapier, über das man streiten kann“, so Kox. Fronten müssten letztlich geklärt werden, sonst würden immer wieder die gleichen Diskussionen aufkommen.

Große Umfrage zu kulturellen Praktiken im Jahr 2019

Parallel dazu solle aber auch das Publikum nicht vergessen werden. Die letzte große Umfrage über die kulturellen Praktiken der Einwohner Luxemburgs wurde 2009 durchgeführt. „Zehn Jahr danach wäre es angebracht, den Luxemburgern in diesem Punkt erneut auf den Zahn zu fühlen, damit wir wissen, wo wir stehen“, meinte Kox.

In vielen Bereichen bestehe Nachholbedarf, lautete am Ende das Fazit. „Wir nehmen uns Zeit, weil wir das Ganze mit der nötigen Seriosität anpacken wollen, und am Ende etwas herauskommen soll, was Bestand hat“, fügte Arendt abschließend hinzu.