TEHERAN
AP

Iran: Inklusions-Café in Teheran kämpft gegen Stigmatisierung

Die Finger von Melika Aghaei bewegen sich langsam über die Tasten des digitalen Klaviers, während sie zur Freude der Cafébesucher ein Kinderlied singt. Mehdi Chakian nimmt derweil Bestellungen für Espressi und Milchkaffees entgegen. Das „Downtism Café“ in der Nähe des lebhaften Wanak-Platzes im Norden von Teheran unterscheidet sich durch sein Personal von anderen Kaffeehäusern in dem Nobelviertel: Alle Mitarbeiter haben entweder wie Aghaei das Down-Syndrom oder wie Chakian Autismus. Sie leiten das gesamte Lokal aus eigener Kraft.

Für Menschen mit Behinderungist die Arbeitssuche besonders schwierig

Nur drei Monate nach der Eröffnung brummt das „Downtism“, dessen Namen auf das Down-Syndrom und auf Autismus verweist. „Alle Leute sind freundlich und herzlich zu uns“, erzählt der 31-jährige Chakian. „Ich lade jeden ein, in unser Café zu kommen und uns zu unterstützen. Ich verspreche, dass wir ihnen einen sehr sauberen und perfekten Service bieten, wenn sie kommen.“

Angesichts der Wiedereinführung der US-Sanktionen, die unter dem Atomabkommen von 2015 ausgesetzt waren, und einer Arbeitslosigkeit von 12,5 Prozent sind Jobs im Iran Mangelware. Für Menschen mit Behinderung ist die Arbeitssuche besonders schwierig.

Das neue Inklusions-Café bietet den behinderten Mitarbeitern nach Angaben von Initiatorin Ailin Agahi nicht nur eine Beschäftigung, sondern auch die Möglichkeit zu zeigen, was in ihnen steckt. „Das Ziel, das ich bei der Eröffnung dieses Cafés im Kopf hatte, war, diesen Leuten eine Rolle in der Gesellschaft zu geben“, erklärt die 36-jährige Musikerin. Sie hat 17 Jahre lang Menschen mit Behinderung unterrichtet und im ganzen Land Konzerte mit ihren Schülern gegeben.

„Ich wollte die Menschen mit ihnen vertraut machen - viele wissen nicht genug über das Down-Syndrom; hier können sie sie von Angesicht zu Angesicht treffen“, sagt Agahi. Die Idee für „Downtism“ entstand bereits 2016. Am 1. Mai dieses Jahres konnte Agahi schließlich ihren Plan umsetzen, mit der Unterstützung von zehn Familien ihrer Musikschüler und staatlicher Finanzhilfe.

Sie organisierte ein einmonatiges, professionelles Barista-Training für die Mitarbeiter, dann ging das Café mit zehn Beschäftigten an den Start. Drei Monate später sind schon 40 Mitarbeiter hier tätig, die meisten von ihnen Jugendliche und junge Erwachsene in den 20-ern, die für kurze, dreistündige Schichten im Einsatz sind. Sie verdienen den Mindestlohn und teilen sich das Trinkgeld am Ende des Monats gleichmäßig auf.

Anders als viele schummrig beleuchtete Kaffeehäuser in der iranischen Hauptstadt ist das „Downtism“ in hellen Farben gestaltet. An den Wänden hängen selbst gemalte Bilder der Beschäftigten und Ballons. Die Speisekarte ist momentan noch auf Kaffee, andere traditionelle Getränke und Kuchen beschränkt. Doch bald sollen auch Snacks und Mahlzeiten angeboten werden.

Aghaei ist mit ihren 14 Jahren die jüngste Mitarbeiterin. „Ich arbeite als Bedienung im Café“, erzählt die Schülerin. „Und ich spiele Klavier.“ Der Besucher Farsaneh Heidari hat in sozialen Medien von dem neuen Kaffeehaus erfahren. Er lobt den „exzellenten Service“. „Ich bin wirklich froh, hier zu sein und zu sehen, dass Menschen mit außergewöhnlichen Voraussetzungen die Möglichkeiten bekommen zu arbeiten“, sagt der 28-jährige Mitarbeiter eines Pharmaunternehmens. „Sie tun ihr Bestes, um sich zu beweisen und zu zeigen, dass sie zu vielen Dingen in der Lage sind, wenn sie die Chance bekommen.“ Im Fall von Aghaei hat schon die kurze Mitarbeit im Café Wunder für das Selbstvertrauen des Mädchens bewirkt, wie ihre Mutter Pari Samani sagt. „Für mich ist es mehr als nur ein Job für meine Tochter, es bedeutet mehr Selbstbewusstsein für sie“, erklärt die Physiklehrerin. „Viele Kinder mit Down-Syndrom werden aus verschiedenen Gründen in die Isolation gedrängt und können keine Freundschaften schließen, aber hier ist jeder in der gleichen Situation.“ Nach Angaben von Initiatorin Agahi bemerken auch die Familien anderer junger Mitarbeiter große Veränderungen. Die jungen Leute seien nun begierig, aus dem Haus und zur Arbeit zu gehen, anstatt nur zu Hause zu bleiben. „Manchmal schicken mir die Eltern spät abends Fotos, auf denen man sieht, wie ihre Kinder ordentlich ihre Schuhe und ihre Arbeitskleidung bereitgelegt haben, um am nächsten Tag ins Café zu gehen“, erzählt Agahi. „Wenn man ihnen sagt, dass sie nicht eingeteilt sind, bestehen sie trotzdem darauf zu kommen, und sagen, dass sie es einfach lieben, hier zu sein.“