KOCKELSCHEUER
CORDELIA CHATON

Raymond Ackermann kämpft als Vertriebsdirektor bei Accumalux mit der Coronakrise

Accumalux ist als Zulieferer der Automobilindustrie besonders betroffen von der Coronakrise. Der Hersteller von Batterien und Kunstspritzgusslösungen hat in seiner Geschichte schon einige Schwierigkeiten meistern müssen. Heute stellt das Unternehmen Kästen, Deckel und Zubehör für verschiedene Batterien sowie verschiedene Batteriearten her, die vor allem an die Automobilindustrie geliefert werden. Aber die fällt als Kunde erstmal weg. Vertriebsdirektor Raymond Ackermann erklärt, wie der Industriebetrieb sich anpasst.

Herr Ackermann, in welcher Situation befindet sich das Unternehmen aktuell?

Raymond Ackermann Wir haben im Batteriebereich drei Segmente: Batterien für Pkw und Lkw, die über 50 Prozent unseres Geschäfts ausmachen, die anderen Segmente sind Traktionsbatterien und stationäre Batterien. In der Automobilbranche arbeiten viele Werke derzeit nicht. Daher gab es hier einen großen Einbruch. Doch unsere Kunden für Traktionsbatterien und stationäre Batterien haben ihr Volumen erhöht, denn diese Batterietypen sind für die Aufrechterhaltung wesentlicher Aktivitäten sowohl in Luxemburg als auch international unbedingt erforderlich. Traktionsbatterien werden beispielsweise in Gabelstaplern genutzt, die für die Lagerung von Lebensmitteln unverzichtbar sind. Stationäre Batterien werden beispielsweise in Rechenzentren für IT, Telefondienste, als Notaggregat in Krankenhäusern oder für Windenergie eingesetzt. Das ist in diesen Tagen wichtig. Wir setzen also die Produktion fort, weil sie laut Experten notwendig ist, damit es in den oben genannten Sektoren nicht zu Engpässen kommt. Doch den Einbruch im Automobilsektor gleichen die anderen Batteriezweige bei weitem nicht aus. Die Verschiebung der Produktion ist nicht einfach zu managen. VW, Peugeot, Renault, Dacia und viele andere Automobilhersteller haben einen großen Teil ihrer Fabriken geschlossen und daher liefern unsere Kunden, die Batteriefabrikanten, nichts mehr. Ein großer Kunde hat diese Woche Insolvenz angemeldet. Die Auswirkungen sind für uns also dramatisch. Dank vorsichtiger Handlungsweise in der Vergangenheit sind wir überzeugt, auch diese Krise zu meistern.

Sie sind ein Industriebetrieb. Wie organisieren Sie die Arbeit?

Ackermann Hier in Luxemburg haben wir 170 Mitarbeiter. Mehr als 65 Prozent der Verwaltungsangestellten nutzen Telearbeit. Wenn sich mehrere Personen in einer Abteilung oder sogar einem Büro befinden, dann rotieren wir zwischen Home- und Officework. Wenn es beispielsweise drei Mitarbeiter im Einkauf gibt, dann ist immer nur eine Person vor Ort im Unternehmen. Zehn unserer Mitarbeiter haben Urlaub aus familiären Gründen genommen. Wir arbeiten bereits in Kurzarbeit. Wir werden auch um eine Staffelung der Sozialbeiträge bitten. Im Werk selbst halten wir die Arbeitnehmerschutzmaßnahmen ein. Sehr viel ist ja automatisiert, daher arbeiten die Leute nicht eng beieinander. Darüber hinaus haben wir bereits letzte Woche um die Stornierung von Steuervorschüssen wie IRCC und ICC für alle unsere Unternehmen gebeten.

Wie sieht es mit Lieferungen aus? Kommen die Lieferanten durch?

Ackermann Probleme mit der Anlieferungen durch unsere Zulieferer gibt es wenig. Auch hier ist Reaktivität und schnelles Umstellen erfordert. Der Versand unserer Produkte zu den Kunden ist noch nicht gefährdet. Am Anfang gab es ein paar Schwierigkeiten an den Grenzen. Mittlerweile geht das besser. Schwierig sind Lieferungen nach Indien, denn es gibt kaum Frachtschiffe.

Die Regierung hat ein Hilfspaket geschnürt. Fehlt Ihnen darin noch etwas?

Ackermann Es gibt unendlich viel, das noch gemacht werden könnte, aber irgendjemand muss das bezahlen. Die Politik war sehr reaktiv. Die Priorität sollte und liegt glücklicherweise derzeit auf der Versorgung der Kranken und der Eindämmung der Verbreitung. Für uns ist es schlimm, dass Autohersteller ihre Produktion heruntergefahren haben, denn das sind unsere Hauptkunden. Die Frage ist, wie lange die Krise anhält. Wenn das jetzt länger dauert, bräuchten wir mehr Hilfen.

Wie ist Ihre finanzielle Situation?

Ackermann Wir haben in den letzten Jahren viel in unser Unternehmen investiert: 2017 haben wir einen großen Wettbewerber in Osteuropa zur Kapazitätserweiterung der Produktion von Traktionsbatterien gekauft. 2018 haben wir in Luxemburg die vollautomatische Produktionslinie für Doppeldeckel eröffnet. 2019 haben wir Rohstoffsilos für Recyclinggranulat zur Erhöhung der Lager- und Produktionskapazitäten aufgestellt. Außerdem haben wir in die höchste Zertifizierung in unserer Branche investiert. Darüber hinaus haben wir viel Geld in Forschungsprojekte gesteckt. Und seit 2014 ist die Entwicklung des ParcLuxite richtig in Schwung gekommen. Das sind sehr hohe Investitionen. Wir haben möglichst viel aus Eigenkapital finanziert. Einige unserer Banken haben uns bereits kontaktiert, um uns bei Bedarf Bargeldkredite anzubieten. Aber noch weiß man nicht, wie es weitergeht. Wir warten erstmal ab.

Wie geht es mit dem ParcLuxite weiter?

Ackermann Der ParcLuxite wird in verschiedenen Phasen eröffnet. Die Gesamtfläche des PAG, inklusive Accumalux, umfasst 36 ha. Die erste Phase wurde schon vor ein paar Jahren eingeläutet. Die zweite sollte in diesem Jahr fertig werden. Das wird vielleicht nicht 100 Prozent der Fall sein. Die aktuelle Coronvirus-Situation verzögert und schiebt einen Teil des Projektes. Somit fällt aus heutiger Sicht nichts ins Wasser. Allerdings, müssen wir als Unternehmen die Straßen, das Wasser, die Zinsen und das Kapital trotzdem weiterzahlen - und das tut weh.