MONT ST MICHEL
HELMUT WYRWICH MIT DPA

Wie es zur Landung der Alliierten in der Normandie kam

Das Wetter ist schlecht über dem Ärmelkanal und die deutschen Meteorologen sehen an jenem 4. Juni 1944 keine Besserung für die kommenden Tage voraus. Berichte nach Berlin sagen aus, dass mit einer Invasion nicht zu rechnen ist.

Ein guter Moment für die kommandierenden Generäle entlang des Atlantiks und der Küste des Ärmelkanals, sich im Hauptquartier in Rennes zu treffen und in einem Kriegsspiel zu üben, wie sie sich bei einer Landung alliierter Truppen an einer französischen Küste verhalten sollen. In Berlin geht man von einer Landung in Calais aus. In Rennes denkt man an die Normandie. Berlin aber ist fasziniert von einem General, der eine ganze Armee gegenüber Calais zusammengestellt haben soll.

George Smith Patton hat bei den Deutschen einen Ruf wie Donnerhall: Siegreich in Afrika, siegreich in Sizilien, Durchmarsch durch Süditalien nach Rom. Wenn Patton eine Armee aufbaut, muss dort auch der Landungsversuch erfolgen, ist die Schlussfolgerung in Berlin. Allerdings: Eisenhower hält Patton dort nur in Reserve. Nichts von dem was die deutsche Aufklärung sieht, ist echt.

„Keine Wahl“

Das Wetter ist schlecht in England an jenem 4. Juni 1944. Der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte, General Dwight D. Eisenhower sitzt mit den alliierten Generälen zu einer Stabsbesprechung zusammen. Die britischen Meteorologen sagen weiterhin schlechtes Wetter voraus. Das ist nicht gut für die Luftlandetruppen, für die Lastensegler, für die Landungstruppen an der Küste. Eisenhower zögert. Bei einer Generalprobe an einem britischen Küstenstreifen hat es fast 800 tote eigene Soldaten gegeben. Eine Landung in der Normandie könnte Tausende von Toten bedeuten. Andererseits gibt es nur noch den 6. und den 7. Juni wegen der günstigen Gezeiten und des abnehmenden Mondes. „Ich bin nicht wirklich überzeugt. Aber wir haben wohl keine andere Wahl“ soll er gesagt und grünes Licht für den 6. Juni gegeben haben.

Es ist schlechtes Wetter am 5. Juni 1944. Die BBC gibt am Ende eines jeden Nachrichtenblocks seltsame Nachrichten. „Mathurin mag Spinat“ heißt eine. Oder: „Die Würfel liegen auf dem Spieltisch“. In der deutschen Abhörzentrale der deutschen Spionageabwehr wird man hellhörig und aufgeregt, als diese Wörter erklingen: „blessent mon coeur, d´une langueur monotone“. Es ist der zweite Vers eines Gedichtes von Verlaine. Die Abwehrexperten geben Alarm. Sie wissen: Mit Verlaine wird der Angriff beschrieben. In ganz Frankreich verdoppelt sich die Zahl der aktiven Resistenzler.

Das Wetter ist nicht gut, an jenem 6. Juni 1944 als man aus Rennes sicherheitshalber einen Posten auf dem Felsen von Omaha Beach, oberhalb von Port en Bressin, anruft. Der blickt routinemäßig durch ein kleines Loch in der Betonburg, die in den Felsen eingelassen ist... und sieht gar nichts. Wenige Augenblicke später aber greift er wieder zum Telefon und schreit hinein: „Sie sind da, sie sind ganz nah. Kriegsschiffe, Truppentransporter, Landungsboote“.

Es ist 6.40 Uhr am 6. Juni 1944. Amerikanische Ranger springen in kaltes und aufgewühltes Meereswasser. Die Landung verläuft nicht wie geplant. Die Panzer rollen zu früh aus, weil die Ebbe nicht ganz da ist, 30 von 64 saufen mit ihren Besatzungen ab. Die Elite Einheit der Ranger geht mit 225 Soldaten die Pointe du Hoc an, klettert wie im Mittelalter mit Seilen hoch. Von 225 Rangern überleben 90. Da, wo 135 Ranger gestorben sind, gibt es heute einen Golfplatz. Loch eins ist Eisenhower, Loch acht ist Patton gewidmet. Der Name des Platzes: Omaha Beach.

Blutige Schlacht um die Normandie

Am Abend des D-Day registrierten die Alliierten Verluste von rund 12.000 Mann, darunter etwa 4.400 Tote. Die Zahl der deutschen Verwundeten, Vermissten und Gefallenen wird auf 4.000 bis 9.000 Mann geschätzt. Während am 6. und am 7. Juni der Durchbruch an den Stränden erkämpft werden, mobilisiert George S. Patton seine neu geformte dritte Armee. Mit ihm beginnt die Schlacht um die Normandie. Bei Avranches in der Bucht des Mont St. Michel gelingt ihm ein Durchbruch. Die Schlacht bei Mortain gewinnt er, und bei Falaise nehmen die erste britische und seine dritte Armee die siebte deutsche Armee und die fünfte Panzerarmee in die Zange und reiben sie auf. Der Fluchtweg für die beiden Armeen heißt heute noch „Flur des Todes“.

Im weiteren Verlauf der „Operation Overlord“ sollen bis zur Eroberung von Paris im August 200.000 Deutsche und 70.000 Verbündete ums Leben gekommen sein.

Der Preis, den die Normannen selbst zahlen, ist hoch: 20.000 tote Zivilisten und zerstörte Städte wie Caen, Avranches, Mortain, Falaise, Lisieux oder Pont l’Evêque.