LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Gaston Carré schreibt über einen Sozialplan und seine Folgen - eine Abrechnung oder Fiktion?

Gaston Carré hat viele Bücher geschrieben, aber nie zum gleichen Thema. Mal geht es um den IS und die Faszination der Gewalt, mal um den Sohn von Johann Sebastian Bach, der unter seinem berühmten Vater litt, mal um brasilianische Musik. Immer aber beschäftigt er sich mit Entwicklungen und Wandlungen der Menschen, denn Carré ist nicht umsonst promovierter Psychologe und Psychopathologe. Seit 1989 arbeitet er als Journalist - mit Ausflügen ins Marketing und die EU-Kommission - und ist seit 2005 beim „Luxemburger Wort“. Das ist nicht unerheblich für sein neuestes Werk.

In seinem Buch „Page Blanche“ schreibt Carré, der jahrelang das Kulturressort der größten und ältesten Zeitung Luxemburgs geleitet hat, über einen Sozialplan und seinen Einfluss auf die Mitarbeiter, aber auch über Veränderungen im Journalismus und bei den Kulturangeboten. Konkret geht es um eine Mediengruppe, die vor großen Herausforderungen steht, während sich gleichzeitig Kultur und Journalismus verändern. Carré hat ein spannendes Buch über soziale und gesellschaftliche Entwicklungen geschrieben, wie immer in flüssigem, leicht lesbarem Französisch.

Pikant: Bei der „Groupe Saint-Paul“ und ihrem „Luxemburger Wort“ gab es Anfang 2013 einen Sozialplan mit zahlreichen Entlassungen. Im Buch von Carré können Kenner des Hauses so manchen Charakter wiedererkennen. Andererseits ist nicht alles Fakt, sondern auch packende Fiktion. Was ist das Buch also: Fiktiver Roman oder Abrechnung, Sozialstudie oder Analyse?

Herr Carré, wie haben Ihre Kollegen auf das Buch reagiert?

Gaston Carré Es wird auf jeden Fall gelesen! Ich war selbst neugierig, was sie sagen würden und habe das Gefühl, dass es auf einen Bedarf antwortet. Wir haben hier zusammen eine schwere Zeit durchgemacht. Das wurde nie verarbeitet, nie ausgedrückt. Aber ich will auf gar keinen Fall, dass das Lesevergnügen zu Schadenfreude führt, denn die Verursacher des Schadens sind nicht mehr da. Mich hat vielmehr die Frage umgetrieben, ob das Buch zu einem Abrücken vom Image der Zeitung führt, in dem Sinn, dass eine Selbstkritik, eine Emanzipation möglich wird. Das „Luxemburger Wort“ ist schließlich eine Institution, die lange sich selbst treu war und ein sehr unveränderliches Image hatte. Nun ändern wir uns - und die Frage ist, wer sind wir?

Was sagt die jetzige Direktion?

Carré Ich habe es ihnen zu Jahresbeginn vorgeschlagen und sie fanden das interessant. Der Direktor und der Chefredakteur - beide sind nach dem Sozialplan gekommen - haben schnell zugestimmt; das war fast selbstverständlich. Es ist auch hier im Hause erschienen, was nicht bei allen meinen Büchern der Fall ist. Seit der Verkauf Ende Juni begonnen hat, gab es keinen Kommentar. Was hat der Sozialplan bewirkt?

Carré Als es losging, wussten wir nicht, was ein Sozialplan wirklich ist, denn so etwas hatte es nie gegeben. Wir haben schnell verstanden, dass es eine Prozedur ist, um eine bestimmte, größere Zahl an Mitarbeitern zu entlassen. Wohlgemerkt: Die Leute, die entlassen werden, sind nicht die schlechtesten. Das war ein Aspekt, der die Verarbeitung schwierig gemacht hat, denn wir verstanden die Auswahl nicht; es traf Junge wie Alte, Gute wie Schlechte. Die direkte Folge war, dass die, die blieben, viel mehr Arbeit erledigen mussten. Gleichzeitig stieg durch das neue Internetangebot die Arbeitslast.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Carré Was wir mit dem Sozialplan erlebt haben, war schwer. Das waren dramatische Tage. Wer morgens in der Konferenz saß, verabschiedete sich am Nachmittag. Das war umso brutaler, weil wir nicht darauf vorbereitet waren. Früher war es so: Wer beim „Luxemburger Wort“ anfing, blieb meist bis zur Pension. Ich habe in dieser Zeit viel beobachtet. Das Verhalten, die Reaktionen auf die Technologie, soziale Veränderungen. Die wirtschaftliche Krise schuf eine neue Krise. Ich war erstaunt, wie sehr sich einige, sogar von den Besten, unter diesen Umständen veränderten. Die Sanften wurden zu Raubvögeln. Jeder kämpfte um seinen Platz. Und das alles vor dem Hintergrund der Krise. Gleichzeitig litt das Gefühl der Verbundenheit mit dem Unternehmen. Diese Beobachtungen haben mich zum Roman inspiriert, denn es war eine Ausnahmesituation.

In Ihrem Buch geht auch um Veränderungen in der Kultur. Das scheint nicht nur romanesk zu sein...

Carré Es gibt einen Teufelskreis. Der Kulturverbraucher ist eiliger, ungeduldiger. Wir als Journalisten sollen die schnelle Information bieten, die sich leicht konsumieren lässt. Es geht immer öfter um Unterhaltung. Je mehr Leute an leichte Kost gewöhnt sind, desto mehr wird das nachgefragt. In der Kultur ist das besonders spürbar. Journalisten weltweit haben die Verantwortung, auf dieses nachlassende Interesse nicht so zu reagieren, dass es sich verstärkt, denke ich. Heute verlassen Besucher Konzerte früher, um schneller auf dem Parkplatz zu sein. Darauf kann man unterschiedlich reagieren.

Die fiktive Romanfigur beobachtet auch einen anderen Journalismus. Wie hat sich der Beruf in der Wirklichkeit verändert?

Carré Es gibt weniger Spezialisierungen, Ressorts werden leichter gewechselt. Heute einen Artikel schreiben, morgen ein Video drehen, noch eine Push-Nachricht und ein kleiner Text für die Webseite: Digitale Medien verändern den Journalismus, künstlerische Berater reden bei der Erscheinung mit, der Inhalt hat nicht mehr das gleiche Gewicht wie zuvor. Es gibt Consultants in den Redaktionen, die aus den großen Wirtschaftsprüfer- und Steuerberaterkanzleien kommen. Das verändert den Beruf.