LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Fernand Ernster, Generaldirektor der Buchhandlung Ernster, steht durch die Coronakrise vor großen Herausforderungen in seinem Unternehmen

Diee Librairie Ernster gehört zu Luxemburg. Immerhin gibt es die Buchhandlung schon seit 1889. Der aktuelle Generaldirektor Fernand Ernster leitet das Familienunternehmen seit 1984. Er hat viel erlebt. Vor solchen Herausforderungen in so kurzer Zeit hat er allerdings noch nie gestanden, berichtet er im Interview. Denn seit Montag sind alle neun landesweiten Filialen geschlossen. Ein Trost: Online können Kunden weiterbestellen - und viele machen das auch.

Herr Ernster, welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf Ihr Geschäft?

Fernand Ernster Seit Montag sind alle unsere Geschäfte zu. Das bedeutet für uns, dass wir dramatische Umsatzeinbußen haben. Seit Anfang März summiert sich das auf über 300.000 Euro. Das sind Zahlen, die alles beinhalten. Wir arbeiten noch an den Bestellungen auf unserer Internetseite, die jetzt mehr genutzt wird. Auch über letzshop.lu kommen mehr Bestellungen herein. An einem Tag verschicken wir 150-200 Pakete mit steigender Tendenz. Aber das ist nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wie sieht es mit Ihren Mitarbeitern aus?

Ernster Wir beschäftigen insgesamt 98 Mitarbeiter. Davon sind jetzt alle bis auf 12 in Kurzarbeit; abzüglich der Geschäftsführung. Zum Teil haben die Mitarbeiter auch vorher schon Urlaub aus familiären Gründen genommen. Denn viele haben kleine Kinder und die Kindergärten und Schulen wurden ja schon vorher geschlossen.

Die Regierung hat gerade ein Hilfspaket beschlossen. Hilft Ihnen das?

Ernster Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich im Moment dazu noch nicht äußern will. Wie Sie wissen, habe ich verschiedene Ämter inne. Mir ist es wichtig, dass ich hier nur in meiner Funktion als Geschäftsführer der Librairie Ernster rede und nicht im Namen irgendwelcher Verbände. Mein großes Problem ist die Miete für unsere verschiedenen Filialen. Mir liegen unterschiedliche Angebote von den Vermietern vor. Mit der Bank bin ich schon seit drei Wochen in intensiven Gesprächen. Wir haben ein Monitoring vorbereitet, um die Finanzlage genau im Auge zu behalten. Ich hoffe, dass wir da zu einer Einigung kommen. Es gibt unterschiedliche Handhabungen dieser Situation, insbesondere in den verschiedenen Einkaufszentren. Jeder denkt natürlich an sich. Das ist wie beim Segeln, das ich ja auch praktiziere: Wenn eine Situation brenzlig wird, dann lernt man die Mannschaft besser kennen. Daher geht mein Appell auch an die Vermieter, den Mietvertrag vorübergehend auszusetzen und am Ende dann zu verlängern.

Erhalten Sie keine Hilfen, dass die Mieten ein solches Problem sind?

Ernster Nach den Personalausgaben sind die Mietkosten die höchsten Kosten, daher habe ich hier reagiert. Die Regierung hat bislang eher Garantien als Ausgaben versprochen. Das nimmt Risiko, aber nicht die Kosten. Das, was ich im Paket der Regierung für uns als Unternehmen sehe, sind also vor allem Garantien, weniger direkte Hilfen. Das heißt, alles, was ich annehme, werde ich irgendwann zurückzahlen müssen. Da stellen sich strategische Fragen. Ich will aber meinen Mitarbeitern Mut machen. Wir haben gestern eine Videokonferenz mit allen Mitarbeitern und mit verschiedenen Verantwortlichen abgehalten. Unsere Mitarbeiter erhalten am Monatsende ihr Gehalt. Wir sind auf kurze und mittlere Sicht gerüstet. Die Frage ist, wie lange das noch dauert.

Welche Strategie fahren Sie jetzt?

Ernster Wir kümmern uns jetzt um die Online-Bestellungen. Das Onlinegeschäft hilft uns natürlich auch, weiter Bücher zu verkaufen und Lager abzubauen, damit wir unseren Rechnungen nachkommen können und auch unsere Lieferanten. Das Schlimmste, was wir tun können, ist, unsere Lieferanten nicht zu bezahlen, die schon geliefert haben. Wenn wir jetzt noch Bücher verkaufen, klappt das. Wir prüfen jeden Morgen genau, was wir wo nehmen können und was wir noch wo im Laden haben. Ich bin heilfroh, dass ich dabei auf engagierte Mitarbeiter zählen kann.

Rechnen Sie mit einer baldigen Verbesserung der Situation?

Ernster Als Unternehmer wünsche ich mir, dass die Leute verstehen, dass wir umso schneller aus der Situation kommen, je mehr die Leute zu Hause bleiben. Wenn ich wüsste, dass jeder sich dran halten würde, wäre eine Woche Shutdown gut. Hier sind aber viele Regeln nicht klar: Darf man Sport treiben oder nicht? Wie gut wird der Abstand im Supermarkt eingehalten? Als ich samstags in der Stadt war, war ich überrascht, wie viele Menschen dort unterwegs waren.

Wie reagieren Ihre Kunden?

Ernster Seit dem 16. März haben wir alle Kundenbestellungen aus den Geschäften geholt, kontaktieren telefonisch die Kunden und senden ihnen die Ware kostenlos zu. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert gut. Darüber hinaus haben wir klare Vorteile, auch gegenüber der großen Konkurrenz. Wir sind zurzeit schneller als Amazon. Einem Branchennewsletter zufolge haben deren Bücher sieben bis vierzehn Tage Lieferzeit. Da liegen wird weit drunter. Das zeigt: Für einen Buchhändler, der fit im Internet ist, hat das Vorteile. Und: Ein gutes Buch zur Hand zu nehmen, kommt in diesen Zeiten wieder in Mode. Wir merken das. Jede zweite Internetbestellung erfolgt von Neukunden. Das ist schön, reicht aber nicht aus, um unser Unternehmen über längere Zeit am Leben zu halten. Dennoch bin ich natürlich für jeden Kunden dankbar.