CLAUDE KARGER

„Geisteskrankheiten und Hass drücken ab, nicht die Waffe“. Diesen Satz hat der US-Präsident nach den neuerlichen Massakern in El Paso und Dayton, wo am Wochenende 32 Menschen von Schwerbewaffneten getötet und 50 verletzt wurden, tatsächlich am Montag so gesagt. Donald Trump ist zwar dafür bekannt, jeden Tag unfassbare Sätze vom Stapel zu lassen, dieser ist aber gleich dreimal unfassbar.

Erstens: Wenn also so offensichtlich ist, dass Geisteskrankheiten hinter Amokläufen stecken, weshalb hat der Präsident dann die strengeren Regeln aus der Obama-Zeit aufgeweicht, die es psychisch Kranken erschwerten, an Waffen zu kommen? Und warum kürzt die Trump-Administration - so der Vorwurf von Vereinigungen für mentale Gesundheit - die Finanzierung von Programmen, um „Geisteskranken“ zu helfen?

Zweitens: Wenn „Hass abdrückt“, weshalb nimmt er all jenen, die öffentlich Hass predigen und permanent ihren Rassismus zur Schau tragen, ihre Waffen nicht ab? Und warum facht er selbst mit seinen rassistischen und herablassenden Bemerkungen diesen Hass auch noch an, faselt dauernd von „Invasionen“ und brandmarkt ganze Bevölkerungsgruppen als Kriminelle und behauptet dann noch, wie gestern auf eine Journalistenfrage, ob seine Rhetorik zu Gewalt beitrage: „Ich denke, meine Rhetorik bringt Menschen zusammen“.

Drittens: Trump nimmt die Waffe sofort aus der Schusslinie und spielt damit die Notwendigkeit einer strikteren Waffengesetzgebung runter. Fakt ist aber, dass „Geistesgestörte“ oder Hasserfüllte keine solchen Blutbäder anrichten könnten, wenn sie nicht so leicht an Sturmgewehre und anderes Kriegsgerät rankämen. Es muss doch Gründe geben, weshalb in Ländern, die restriktive Waffengesetzgebungen haben, jährlich proportional viel weniger Menschen erschossen werden, als in den USA, wo es in diesem Jahr bereits sage und schreibe laut der Plattform „Gun Violence Archive“ 253 „Mass shootings“ gab, bei denen jeweils mindestens vier Menschen ihr Leben verloren?

Das Recht, eine Waffe zu besitzen, mag den Amerikanern heilig sein, aber was war mit dem Recht all der Opfer, weiterzuleben?

Die Debatte ist wieder voll entbrannt, die Chance, dass sie Früchte trägt, ist aber wie immer gering in einem Land, wo das Bauchgefühl des Präsidenten alle Argumente überlagert und die Republikaner Verschärfungen der Waffengesetze aus Überzeugung aber natürlich auch aus elektoralen Gründen mit allen Mitteln blockieren. Aber es braucht nicht nur Waffengesetze, um der Waffengewalt Einhalt zu gebieten. „E pluribus unum“ - „Aus vielen eines“ steht im großen Siegel der Vereinigten Staaten, deren Lenker derzeit genau das Gegenteil macht: Er spaltet und schließt aus - zugunsten seines Bildes einer USA, in der die Weißen das Sagen haben müssen. Weiße, die sich durch die Globalisierung und den damit einhergehenden Veränderungen bedroht fühlen und zur Gewalt greifen. Zum Teil, weil die Politik dabei versagt, aufzuklären und Brücken zu bauen. Wer die Lage der USA besser verstehen will, sollte auf jeden Fall die Bücher und Essays der großen Toni Morrison lesen, die uns am Dienstag leider verlassen hat. Insbesondere „Mourning for Whiteness“ aus dem November 2016.