PATRICK WELTER

Nun geht Mutti in die Dritte Runde, langsam kommt sie in Adenauer’sche und Kohl’sche Dimensionen. Drei Wahlen hintereinander zwischen gerade so und einigermaßen gewonnen, bei der Dritten sogar die absolute Mehrheit nur knapp verpasst. Chapeau Madame! Wir müssen aber festhalten, dass diese Erfolge auch nach den Rezepten der Herren errungen wurden: Einlullen à la Adenauer, Entscheidungsfreudigkeit à la Kohl, nur dann eine Entscheidung treffen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Scheinbar befriedigt dieses Rezept die deutsche Seele, nicht die Mehrheit der Deutschen, aber diejenigen, die für die Frau mit der Raute stimmten.

Eines kann Mutti genauso gut wie Kohl: Die Bayern klein halten. Der bayerische Löwe Horst Seehofer kann demnächst als Tigerersatz bei „Dinner for One“ mitspielen, so hat ihm Mutti das Fell über die Ohren gezogen. Anstelle von Schlüsselministerien gibt es eine Mogelpackung (Verkehr und Internet,), ein kastriertes Lobbyisten-Betreuungsbüro (Landwirtschaft, der Verbraucherschutz gehört jetzt zur Justiz) und ein Liliputministerium für die Entwicklungshilfe - damit hat die CSU Erfahrung, Franz-Josef Strauss hat vor Urzeiten eine Wurstfabrik in der Subsahara bauen lassen!

Der fröhliche SPD-Tanzbär Sigmar Gabriel hat zusammen mit dem Eifler Mädchen Andrea Nahles mehr herausgeholt als zu erwarten war. Offenbar war die Angst vor einem negativen Votum der SPD-Mitglieder so groß, dass sie auch die CDU-Unterhändler ergriffen hat. Es war aber nicht allzu schwierig, die Herz-Jesu-Sozialisten von sozialdemokratischen Ideen zu überzeugen. Der Mindestlohn, der nun irgendwann kommen soll, war schon lange überfällig - auch wenn er vielen Kleinbetrieben im deutschen Osten das Leben nicht leichter machen wird.

Aus liberaler Sicht sind Programm und Mannschaft der neuen „Groko“ (früher hat man Handtaschen aus so was gemacht) eine zweischneidige Angelegenheit. Zunächst ist es zu begrüßen, dass die pseudo-liberale Laienspielschar der Rösslers und Westerwelles im Orkus der Geschichte verschwunden ist. Die FDP war, spätestens seit Genschers Abgang, hohl wie eine mundgeblasene Christbaumkugel. Andererseits fehlt eine echte liberale Partei in Deutschland.

Eine Personalie ist vor allem zu begrüßen: Die Rückkehr von Frank Walter Steinmeier ins Auswärtige Amt, nicht nur weil er so schön mit Asselborns Jang kochen kann. Endlich wird wieder Außenpolitik mit Sachkenntnis gemacht werden. Steinmeier wird penibel darauf achten, dass Mutti die Peitsche wieder einpackt und Europapolitik gemacht wird, die den Namen verdient. Westerwelle war kein Außenminister, Westerwelle war ein Betriebsunfall.

Am Rande: Unsere direkten Nachbarn sind in der deutschen Regierung erfreulich überrepräsentiert, neben der Eiflerin Nahles sind es die beiden Saarländer Maas und Altmaier, die mitregieren dürfen.

Der Haken an der neuen Regierung ist das tolle Programm des sozialen Füllhorns, dass über dem Volk ausgeschüttet werden soll. Rente mit 63 klingt besser als Rente mit 67. Wer rechnen kann, weiß, dass Rente mit 69 besser wäre. Nicht schön, aber arithmetisch korrekt. Niemand muss fürchten, dass Mutti diese Kuh an den Hörnern packt und übers Eis zerrt - das wäre zu viel Adrenalin für die arme Volksseele. Nach uns die dicke Rechnung.