LUXEMBURG
PATRICK WELTER

„Bentley Mulsanne Extended Wheelbase“ - Erfahrungen am Steuer einer Chauffeurlimousine

Vorne, ganz weit vorne, steht ein geflügeltes B im Fahrtwind und trotzt den Witterungen, schließlich sind wir in einem Bentley unterwegs. Vor der Windschutzscheibe bis hin zum fernen Flügel-B dehnt sich eine Motorhaube, die man erstens sehen kann, weil sie nicht im aerodynamischen Nirgendwo verschwindet, und die zweitens so verdammt groß ist, das dort bequem ein Helikopter landen könnte. Allein aus dem Blech dieser Haube werden in Rumänien zwei Kleinwagen geklöppelt. Dieses Auto steht noch aufrecht im Wind.

Platz der Werktätigen

Bevor der Blick nach draußen fällt, wandert der Blick über ein ungeahnt vornehmes Armaturenbrett. Echte analoge Instrumente, eingefasst in wunderbar poliertes Wurzelholz - natürlich gibt es auch einen Bildschirm, aber zum Glück dominiert er nicht und man muss auch nicht durch ein Dutzend Menüs klicken, um die wichtigsten Basisinformationen zu finden. Drei schlicht-elegante Rundinstrumente in der Mittelkonsole informieren über Kraftstoffvorrat, Wassertemperatur und Zeit. Vor dem Fahrer sitzen Tachometer und Drehzahlmesser, die in alter englischer Rennsporttradition von rechts oben nach links oben drehen, also auf „ein Uhr“ beginnend und bei „elf Uhr“ die Höchstleistung erreichend. Der Tachometer reicht bis 330 km/h, der rote Bereich des Drehzahlmessers beginnt bei 4.500 Touren. Ähnlich wie beim entfernten Verwandten Audi A8 sitzt zwischen den runden Klassikern ein weiterer unauffälliger Bildschirm für den Bordcomputer. Lenkrad und Mittelkonsole zeigen sich als Komposition aus hellem Leder, Chrom und Holz. Auch die Sitze strahlen in hellem Leder. Selbst die beiden Pedale sind durchgestylt - poliertes und gelochtes Aluminium. Der perfekte Arbeitsplatz. Richtig gelesen - diese Ansammlung von gediegenem Luxus ist dem Personal vorbehalten.

Alle Macht dem Fond

Im „Bentley Mulsanne Extended Wheelbase“ spielt die Musik hinten. Der lange Name entschlüsselt sich ganz leicht. Es handelt sich bei unserem Testwagen um eine Bentley Sportlimousine - benannt nach der schnellsten Geraden von Le Mans - mit verlängertem Fahrgestell. Die gegenüber der Standardlimousine eingefügten 25 cm Länge kommen allein den beiden Fondpassagieren zu Gute.

Das von Bentley ausgegebene und erreichte Ziel hieß: Komfort wie in der First-Class einer Airline. Hier gibt es das volle Programm: Elektrisch bis zur Schlafposition verstellbare Sitze, ein Kühlschrank mit Sektkühler, traditionelle ausklappbare Holztischchen in den Vordersitzen, ausfahrbare Arbeitstische in der Mittelkonsole, aus den Rückenlehnen der Vordersitze ausfahrende Bildschirme, elektrische Vorhänge, separate Steuerungseinheiten für Klimaanlage und Unterhaltungselektronik. Alles dreht sich um den Gast in diesem rasenden Luxusetablissement. Um den Genuss perfekt zu machen, sitzt das Schiebedach „hinten“, ist also um 180° gedreht eingebaut und öffnet sich über dem Fond - es erlaubt dem Fahrgast auch, sich zu erheben und stehend dem Volk zuzujubeln.

Länge läuft

Trotzdem, der Platz des Motorjournalisten ist vorne. Dankenswerterweise hat der Testwagen keine Trennscheibe, die den Plebs von der Upperclass trennt, so dass man auch auf dem Arbeitsplatz vorne links bestens sitzt. Der „Bentley Mulsanne Extended Wheelbase“ bringt es auf eine Länge von 5,825 Metern. Der einzige längere Testwagen, den ich in all den Jahren mit nach Hause gebracht habe, war ein Mercedes-Sprinter in der Schulbuskonfiguration. Die Suche nach einem normalen Parkplatz kann man bei dieser Länge vergessen, aber dafür hat man ja einen Fahrer der Runden drehen kann oder bis zum Auftauchen einer Politesse abfahrbereit im Halteverbot steht.

Der Bentley fährt sich trotz seiner schieren Größe überraschend leichtfüßig, er ist natürlich lang und ordentlich breit. Dank der angenehm konservativen Karosserie ist er dennoch recht übersichtlich. Beim Blick nach hinten und auch unmittelbar vor den Kühlergrill helfen Kameras.

Unendlich scheinende Kraft

Wer angesichts einer Länge von fast sechs Metern über den Begriff Sportlimousine lächelt oder gar lacht, muss sich eines Besseren belehren lassen. In der Stadt dreht der 6,7 Liter V8-Motor gerade einmal 1.000 Touren. Leider war an dem Testwochenende das Wetter verheerend schlecht, so dass der Versuch hohe Drehzahlen zu erreichen, auf beeindruckende Art und Weise scheiterte. Auf der deutschen A8, zwischen dem Pellinger Tunnel und Perl frei von jedem Tempolimit, kann man den über 500 Pferden die Sporen geben, die Kraft von 1.000 (!) Newtonmetern schiebt drei Tonnen Automobil an. Langsam klettert das Drehzahlniveau, 1.500, 1.800, 2.000, 2.500… Bei 2.700 U/Min breche ich ab - zu diesem Zeitpunkt zeigt der Tacho 210 km/h an. Für mehr ist das Wetter zu schlecht, obwohl das luftgefederte Fahrwerk absolute Sicherheit vermittelt.

Zur Erinnerung: Der rote Bereich beginnt bei 4.500 Touren, in Sachen Endgeschwindigkeit ist da noch einiges drin. Die magischen 300 sind erreichbar. Ettore Bugatti, Anhänger des „leicht und schnell“, sagte über seinen Dauerkonkurrenten Walter Owen Bentley einmal: „Mr. Bentley baut die schnellsten Lastwagen der Welt.“ Obwohl despektierlich gemeint, halte ich das für ein ganz großes Kompliment.

Majestätischer Preis

Eine Kleinigkeit sorgt dafür, dass man dieses Auto auch in Zukunft nicht an jeder Straßenecke sehen wird - der Testwagen kostet inklusive Sonderausstattungen runde 360.000 Euro. Die englische Königin fährt übrigens auch Bentley.

Übrigens: Miss Daisy wurde im gleichnamigen Film nicht in einem Bentley, sondern in einem „Hudson“ von AMC gefahren.

www.luxembourg.bentleymotors.com