PATRICK VERSALL

Es war irgendwann Anfang Dezember, als ich in einer Zeitung las, dass in einer mittelgroßen deutschen Stadt Jugendfußballbegegnungen neuerdings hinter Gittern, also Absperrgittern stattfinden müssten. Einige Fans - hier Synonym für die Eltern und Vormünder - hatten mehrfach den Spielablauf gestört und den die Partie leitenden Schiedsrichter nicht nur verbal bedroht, sondern den Rasen erstürmt, um den Unparteiischen zurecht zu weisen. Jeder Zuschauer ist ja bekanntlich ein geborener Schiedsrichter. Ein ähnliches Szenario hat sich zur gleichen Zeit im Norden Luxemburgs abgespielt: Hier gerieten nicht die Zuschauer, sondern die Spielerinnen aneinander, bis das Blut floss, so dass Trainer und Klubverantwortliche massiv eingreifen mussten. Gewalt neben und auf dem Sportplatz ist ein Phänomen, das man sonst in professionellen Sportligen antrifft.

Wieso torpedieren Eltern einen ehrenamtlich engagierten Spielleiter mit Hassausbrüchen, kloppen sich pubertierende, talentierte Hobbysportlerinnen auf dem Rasen, bis die Knochen brechen? Vielleicht wegen des Drucks, der von außen auf sie ausgeübt wird. Druck, auch in der Freizeit Topleistungen abzuliefern. Nun bin ich vielleicht ein alter Idealist, der nach wie vor der Meinung ist, dass Freizeitaktivitäten generell in erster Linie - und speziell in Jugendjahren - als Ventil für Stress und Aggressionen betrachtet werden sollten.

Das Gegenteil ist aber heute eher der Fall: Anstatt in der freien Zeit den Stresspegel möglichst tief zu senken, werden die jüngeren Generationen heute zu Hochleistungskühen herangezüchtet, die fast 24 Stunden am Tag perfekt funktionieren sollen.

Das Klischee vom Fünftklässler, der von montags bis freitags einen elektronischen Terminkalender braucht, um seine schulfreie Zeit möglichst sinnvoll zu planen, hat mit einem Klischee heute nichts mehr gemein. Kinder und Jugendliche avancieren immer häufiger in jungen Jahren zu eins zu eins Kopien ihrer Eltern und übernehmen deren Lebensmodelle, die selber für Erwachsene auf Dauer nur bedingt lebenswert sind. Der Sinn hinter diesem rastlosen Streben nach einem kontrollierten Tagesablauf und Höchstleitungen abseits der Schulräume ist schwer ersichtlich, die Folgen dieses Phänomens aber unverkennbar.

Jugendliche, die dem Druck nicht mehr standhalten schlagen sich auf dem Sportplatz die Nase blutig oder, im schlimmsten Fall, lassen ihre Existenz hinter sich, steigen aus und landen ab und an im Auffangnetz von Terrororganisationen, die ihnen ein glorreiches irdisches Leben versprechen, das auf pseudo-religiösen Un- und Halbwahrheiten fußt. Nicht jeder, der sich auf dem Fußballplatz kloppt, wird zum IS-Krieger.

Organisationen mit terroristischem Hintergrund werden allerdings vermehrt zum Auffanghort für junge Europäer, die in der westlichen Zivilisation keinen Platz mehr für sich sehen oder dem Druck, die diese auf sie ausübt, nicht mehr gewachsen sind. Denn jedes Jahr kehrt eine nicht unwesentliche Zahl an Jugendlichen dem Schulsystem den Rücken, Ziel unbekannt, die Gründe seien vielfältig, heißt es immer nur lapidar.