LUXEMBURG
DANIEL OLY

Die „Anonym Glécksspiller“ bieten ein offenes Ohr für Problemspieler

Seit nunmehr 15 Jahren gibt es die „Anonym Glécksspiller asbl.“, die seit über acht Jahren die Beratungsstelle „ausgespillt“ betreibt. Im anonymen Rahmen beraten hier auf Verhaltenssüchte spezialisierte Psychotherapeuten Problemspieler, für die das Glücksspiel längst kein harmloser Spaß mehr, sondern zum bitteren Ernst geworden ist.

In Luxemburg sind das geschätzt 5.000 Menschen - aber die Dunkelziffer könnte noch höher sein, meint der Leiter der Beratungsstelle, Dr. Andreas König. „Davon muss man schlimmstenfalls ausgehen“, weiß er. Denn die Problemspieler kommen selten aus eigener Initiative in die Beratungszentrale. Und wenn, dann meist, weil die mit der Sucht einhergehenden Probleme bereits sehr weit fortgeschritten sind.

Dabei bestehe eine große Sorge um die nötige Anonymität. „Ganz klar ist: Wenn wir diese Anonymität nicht bieten würden, könnten wir wesentlich weniger Menschen erreichen“, erklärt er. „Es besteht einfach eine große Angst davor, erkannt zu werden - dass Menschen (der Chef, die Familie, andere Bekannte oder Angehörige) von der Spielsucht wissen. Entsprechend verlangen sogar manche Spieler, die bereits wegen anderer Probleme in psychiatrischer Behandlung sind, dass wir dem Behandler nichts von der Spielsucht mitteilen, weil es bei der CNS aktenkundig werden könnte.“

Kontrolle zurückgewinnen

Inzwischen hat die Organisation im Sommer neue Büros in Strassen bezogen. In den neuen Örtlichkeiten finden sich auch anderen gemeinnützigen Gesundheitsorganisationen wie zum Beispiel die „Patientevertriedung“. Auch die Vereinigung „Alcool Medicaments Addictions“ (AMA) sitzt im selben Gebäude, mit der man gemeinsam eine Selbsthilfegruppe für Angehörige anbiete. „Das macht prinzipiell auch Sinn, alles an einem Ort zu haben“, meint König. „So können wir gemeinnützige Asbls uns gegenseitig unterstützen und Synergien zum Beispiel bei der Infrastruktur nutzen“.

In den Büros im vierten Stock bieten die Experten vor allem eins: Ein offenes Ohr, um über Probleme rund um das exzessive Glücksspiel und mögliche Auswege zu sprechen. „Es geht bei der Therapie darum, unter Berücksichtigung der glücksspielspezifischen Dynamik die Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen“, meint König.

Wenn keine Vermittlung in eine stationäre Therapie gewünscht ist, geschehe das in Form einstündiger ambulanter Therapiegespräche. „Wir versuchen, den Betroffenen anfangs möglichst engmaschig Termine anbieten zu können, um sie möglichst schnell zu stabilisieren und sie von der Phase der Änderungsmotivation profitieren zu lassen“, erklärt König. Bei Paar- oder Familiengesprächen nimmt man sich auch etwas länger Zeit. „Wir versuchen dabei immer, jeden mit einzubeziehen und alle Perspektiven zu verstehen.“ Dabei wird dann über Motivationen gesprochen - über die eigentlichen Ursachen für das Spielen. „Damit wollen wir den Druck nehmen, für den das Spielen als Ventil gebraucht wird.“ So ersetze das Glücksspiel für viele Problemspieler positive Erlebnisse, die sonst im Leben verloren gegangen sind oder sei ein Vermeidungsverhalten gegenüber anderen Problemen oder Konflikten.

Kontaktpflege

Erste positive Veränderungen können bereits wenigen Sitzungen beginnen. „Den Spieldrang ein für alle Mal komplett zu eliminieren, ist aber kaum möglich“, meint König. Mit fortschreitender Therapie können sich die Intervalle dann verlängern. „Manche längst spielfreie Klienten schauen noch zweimal im Jahr vorbei“, erklärt König. „Sie nutzen den Kontakt sogar gerne, um über die Belastungen im Alltag zu reden, die ein Rückfallrisiko erhöhen.“ Eine gewisse Rückfall- und Therapieabbruchsquote seien in diesem Bereich immer zu erwarten, aber Luxemburg steht laut König hier vor einem besonderen Problem: „Uns fehlen schlichtweg die personellen Ressourcen, um Termine in gebotener Abständen und Umfang anbieten zu können. Kein Kollege in Europa ist so schlecht gestellt wie wir“.

Eine häufige Konstellation bei der Entwicklung einer Glücksspielsucht sei übrigens ein größerer Gewinn direkt zum Beginn der Spielerkarriere. „Wer in einer Phase mit niedrigem Selbstwertgefühl plötzlich eine größere Summe gewinnt, für den überwiegen beim Spielen immer die positiven Erinnerungen an die Gewinne“, meint König. Ohnehin rationalisierten Problemspieler ihre Erfolge (und damit ihr Verhalten) mit den seltenen Gewinnen. Die Nieten und Dürrestrecken blenden sie in der Wahrnehmung aus. Zudem handle es sich meist um sehr ambivalente Klienten. „Manche wollen weiter spielen, ohne die Negativ-Effekte mitzunehmen“, erklärt König. „Da heißt es dann oft ,Ich will lernen nur bis zum Gewinn zu spielen und dann aufzuhören‘ oder ähnliches.“

„Da hängen ganze Existenzen dran“

Das Problemspielen betrifft dabei alle: Nicht nur die Spieler selbst, sondern auch alle Angehörigen, das direkte Umfeld, die Familie. „Da hängen ganze Existenzen dran, wenn Menschen sich überschulden und ihre Kinder vernachlässigen, um Spielen zu können“, weiß König. „Es gibt sehr viel familiäres Konfliktpotenzial“, meint er. Etwa, weil das Problem mit immer konfuseren Lügen vor dem Partner versteckt werden soll und Vertrauen zerbricht. Deshalb bietet die Organisation auch explizit an Angehörige gerichtete Beratungen an.

Die Familienangehörigen sind deshalb auch meist diejenigen, die den ersten Schritt wagen. „In gut zwei Drittel der Fälle kommt die Erstanfrage durch Angehörige, die zunächst alleine kommen, den Betroffene begleiten, oder ihn zu uns schicken“, weiß König. Nur ein kleiner Teil melde sich aus Eigeninitiative. „Und dann auch meist erst, wenn es bereits sehr spät und die Problematik schon weit fortgeschritten ist“, erklärt er. Das Spektrum der Spieler ist ebenfalls sehr breit: Vom hoch gebildeten, erfolgreichen Manager über höhere Beamte bis zum Bauarbeiter ist praktisch alles dabei. Einziger Faktor: Es sind hauptsächlich Männer. Zudem habe die Problematik oft zu Unrecht das Image einer reinen Charakterschwäche. „Es wird manchmal mit-einem ,Der soll doch einfach aufhören!‘ abgetan. Die pathologische Dynamik wird dabei leider oft übersehen oder missverstanden“, bedauert König.

Automatenglücksspiel überwiegt

Außerdem ändere sich die Art des Spielens. So gebe es zwar auch Menschen, die mit Rubbellosen ein Problemspiel entwickeln. „Derzeit überwiegt aber ganz klar das Automatenglücksspiel“, weiß König. „Die Automaten sind so konstruiert, dass sie den Spieler bei seinem Tun ständig bestärken und ihn durch eine ausgeklügelte Ausnutzung von Reizen dazu verleiten, immer weiterzumachen.“ Hinzu kommen moderne Probleme: Jederzeit mobil nutzbare Online-Sportwetten und Online- Casinos sorgen für zunehmende Probleme und erschweren den Jugendschutz erheblich. Das traditionelle Lotto ist im Vergleich wenig gefährdend. „Wenn, dann nur als Ergänzung“, erklärt er.

Was wäre also nötig? „Ein Modell wie in der Schweiz“, meint König. Dort werden per Gesetz 0,5 Prozent aller Umsätze aus dem Glücksspiel abgeführt, die die Kantone direkt und zweckgebunden in Forschung, Prävention und Therapie von Glücksspielsucht investieren müssen; „noch vor Steuern, das ist ganz wichtig“, erklärt er. „Ein solches Modell würde in Luxemburg ebenfalls helfen“, meint König. Die derzeitige Hilfe, die indirekt durch Spieleinnahmen finanziert wird, erfolge nur punktuell für kleinere Zusatzprojekte und könne die benötigten Ressourcen für die Arbeit der Beratungsstelle nicht ansatzweise decken.

Ihr 15-jähriges Bestehen möchte die Vereinigung demnächst gebührend feiern „Damit möchten wir auch besonders dem Gründer und ehemaligen Präsidenten Romain Juncker für seine wertvolle Aufbauarbeit danken“, erklärt König, der seit zwei Jahren die Leitung der Beratungsstelle übernommen hat. Wie hat sich die Problematik in den vergangenen Jahren seitdem verändert? „Ganz klar: Mehr online und mehr illegales, unreguliertes Glücksspiel“, weiß König. Nicht grundlos bieten die „Anonym Glécksspiller“ inzwischen auch unter gameover.lu Hilfe bei Problemen, die in Verbindung mit dem Digitalen stehen - Internetsucht oder Digitalspiele zum Beispiel. Die Vereinigung erwägt zudem auch eine Namensänderung. „Damit auch andere Verhaltenssüchte mit einfließen, die wir jetzt schon mit abdecken“, meinte König.