LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Auf dem Weg zur Inklusion in der Bildung gibt es noch viel zu tun

Mit der Unterzeichnung und der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2007 beziehungsweise 2011 hat sich Luxemburg dazu verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten. Erreicht ist dieses Ziel noch nicht, auch wenn es zu diesem Schulbeginn Ankündigungen in diese Richtung gegeben habe, sagt Patrick Hurst, Präsident von „Nëmme Mat Eis!“. Der Verein ohne Gewinnzweck beobachtet die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Luxemburg und fordert, das Recht auf Inklusion durchzusetzen. Auf einer ersten Ebene meint Hurst damit das Recht, im Sinne des Anti-Diskriminierungsgesetzes aus dem Jahr 2011 nicht aufgrund einer Behinderung benachteiligt zu werden. Zweitens, dass ihre Bedürfnisse auch in der Politik berücksichtigt werden und eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft ermöglicht wird. Das sei „bis jetzt nicht immer garantiert“, sagt Hurst. Was Inklusion in der Schule betrifft, müsse es mehr Unterstützung für Kinder mit Behinderungen geben und mehr Vorschriften, was die Zugänglichkeit von Schulen betrifft, Braille-Markierungen zum Beispiel.

Auch wenn der Weg in bestimmten Fällen nicht an einer Sonder- oder Spezialschule vorbeiführe, sollte das Recht, dass alle Kinder und Jugendliche eine normale Schule besuchen, „die Regel sein“, sagt Hurst. „Kinder mit Behinderung sollten die gleichen Chancen haben, auch auf einen entsprechenden Abschluss“.

Exklusion statt Inklusion

Auch Chantal Mertens, Präsidentin von „Zesummen fir Inklusion“, spricht sich für Inklusion aus. Im Grunde unterscheidet sie zwei Fälle: Bei einer schweren Behinderung gebe es praktisch direkt nach der Geburt eine Betreuung, die über die Nationale schulmedizinische Kommission (CMPP) läuft. Wird ein Kind in der Schule auffällig, ist eine der rund 20 Kommissionen für schulische Inklusion (CIS) zuständig, die mit dem Schulgesetz aus dem Jahr 2009 geschaffen wurden. Diese Kommissionen setzen sich aus dem jeweiligen Schulinspektor, einem Lehrer sowie drei Mitglieder der „Equipes multiprofessionnelles“ zusammen, davon mindestens einer aus der „Education differenciée“ (EDIFF). Die CIS entscheidet auf der Grundlage von Tests, wo ein Kind hinkommt. Die Eltern könnten zwar laut Gesetz Einspruch erheben, doch das sei schwierig, berichtet Mertens. Zudem spricht sie von Fällen, in denen Eltern ein schlechtes Gewissen gemacht werde. Ein weiteres Problem sei, dass die meisten Schüler nicht mehr ins normale System zurückkehren, was mit Inklusion nicht viel zu tun habe. Viele Eltern würden auch aus Unzufriedenheit über das System ihre Kinder im nahen Ausland unterbringen.

Vorteile für alle Schüler

Aufgabe der CIS sei es, sicherzustellen, dass genug Hilfe verfügbar ist. „Das ist eine Personalfrage“, sagt Mertens. Dabei gebe es ihr zufolge auch Lösungen, die wenig kosten würden, wenn man die „Education differenciée“ in die normale Schule hineinbringen würde. So könnte es in einer Klasse neben dem Lehrer noch einen Erzieher geben, der sich spezifisch um Schüler mit Behinderung kümmert. „Das wäre auch eine Chance für nicht-behinderte Schüler, einen unproblematischen Umgang mit einer Behinderung zu erlernen“, sagt Hurst. Auch könne man sich einen Stundenplan vorstellen, in dem Kinder mit einer Behinderung zumindest stundenweise von der restlichen Klasse getrennt sind. In vielen Schulen fehlt es allerdings an Rückzugsräumen und es würde Hurst zufolge auch mehr Personal gebraucht werden. Zudem sind nicht alle Gebäude barrierefrei. Das entsprechende Gesetz von 2001 sieht vor, dass neue und renovierte Gebäude zugänglich sein müssen.

Eine weitere Hürde ist die Einstellungsprozedur. Der Staat richte sich bei der Personalrekrutierung nach dem administrativen, nicht nach dem Schuljahr, wo bereits im Juli zuvor bekannt sei, wie viel Personal gebraucht werde.

Im Gespräch mit Mertens und Hurst wird auch deutlich, dass noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Zwar gebe es Lehrer, die dem Thema Behinderung positiv gegenüber stehen würden, andere aber wiederum nicht, berichtet Hurst. Zum Teil lasse sich das auch auf den Leistungsdruck zurückführen, der in den Schulen herrsche, sagt Mertens. „Da stören diese Kinder“.

Schritte in die „richtige Richtung“

Die von Bildungsminister Claude Meisch zum Schulbeginn vorgestellten Projekte zum Thema Inklusion gehen für Patrick Hurst „in die richtige Richtung“, auch wenn das Ergebnis abzuwarten bleibe. Meisch kündigte konkrete Reformpläne für die „Education differenciée“ in den kommenden Monaten an. Unter anderem soll die CIS stärker mit dem „Office National de l’Enfance“ (ONE) zusammenarbeiten.

Für die Betreuung von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten oder Lernschwierigkeiten soll ein Stufenmodell eingeführt werden, wobei zunächst ein inklusiver Ansatz verfolgt wird: „Zuerst sollen die Schulen dazu befähigt werden, sich selbst mit dieser flächendeckenden Problematik auseinanderzusetzen“. Zu den angekündigten zwei Instituten heißt es von Seiten des Ministeriums, dass „dadurch zeitnahe Interventionen im Klassensaal durchgeführt werden und gegebenenfalls eine Förderung in den Instituten selbst ermöglicht werden“. Schüler mit „niedrigem Förderbedarf“ sollen mittels „kohärenter, lokal angepasster Konzepte für die Remediation und Nachhilfe (...) in ihrer Klasse beziehungsweise Schule aufgefangen werden“.

Auf jeden Fall müsse das Ziel lauten „mehr Inklusion zu haben“, sagt Patrick Hurst abschließend. Chantal Mertens gibt zu bedenken, dass Kinder, die in der normalen Schule bleiben konnten, heute einer regulärer Arbeit nachgehen. Darüber hinaus wäre es auch für Kinder mit Behinderung förderlich, in gemischten Gruppen zu sein.

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