LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die Nachteile von Tiefgrund

Ich hatte keine Neujahrsvorsätze für 2018. Was ich ändern will, das gehe ich sofort an, ohne Umschweife. Um mir zu beweisen, dass ich den Jahreswechsel als Anreiz und Motivationsfaktor nicht brauche, räumte ich noch am 31. Dezember nachmittags mein ganzes Zimmer auf und um und machte das, was man einen Frühjahrsputz nennt, der übrigens nicht minder einem Brauch für Wasch-, äh Weicheier gleichkommt, finde ich.

Eine Erbse, zwei Erbsen, drei Erbsen

Eine Ausnahme gibt es dann doch. Einige Tage zuvor, also vor dem 31., hatte ich abends im Badezimmer neben meiner lieben Mama gestanden. Während wir uns die Zähne putzten, meinte sie, ganz beiläufig, zu mir, sie wisse einen Neujahresvorsatz für mich: Ich solle doch mal bitte etwas oberflächlicher werden!

Selbstverständlich ist dieser mütterliche Rat nicht ganz ernst gemeint, wir erstickten beinahe an der Zahnpasta, die uns beim Lauthalsloslachen in die Kehle rann, rät man jemanden doch meist genau das Gegenteil. Doch der Grund, warum wir losprusteten, ist nicht die Ironie und Absurdität dieses Vorsatzes, es ist vielmehr das Stückchen Ernst, das in ihm enthalten ist.

Als kleine Randanekdote: Als ich meine Mutter einmal mit meiner Pedanterie zur Weißglut gebracht hatte, hatte sie mir die Worte „Du blöde Philosoph“ entgegengeschmettert, was den Streit in einem ähnlichen Lachanfall, wie jenem, der uns jetzt gerade überkam, aufgehen ließ.

Es ist ein Vorwurf, der mich zugegebenermaßen ein kleines bisschen stolz machte. Ich war keine „Kou“, kein „Schwäin“ oder sonst irgendein Tier, nein, ich war ein „Philosoph“, was meine Stärke, zugleich aber auch meine Schwäche ist. Nicht umsonst habe ich mich dazu entschieden, mein Philosophiestudium im Master nicht fortzuführen, aus Angst, „ganz geckeg“ zu werden.

Übrigens meinte Mama noch im Scherz, das wäre doch mal ein gutes Thema für einen Artikel. Ich hoffe, sie verzeiht mir, denn: gesagt, getan!

Philosophin auf der Erbse

Ihr Ratschlag beschäftigt mich heute noch und ich muss mir die Frage stellen, ob ich womöglich gut daran täte, ihn in angemessener Dosierung und je nach Situation zu beherzigen. Denn ist es nicht so, dass die ständige, beinahe verzweifelte Suche nach (mehr) Tiefgrund, als wäre es der Heilige Gral, dass ein ständiges Nuancieren, Hinterfragen, Durchdenken und Begründen, dass die Auflistung von Gründen, Ausnahmen, Ungereimtheiten, logischen Fehlern und potenziellen Konsequenzen zu Unruhe und Unzufriedenheit führen können?

Nicht nur setzt man sich damit selbst ständig unter Druck. Es stellt sich unweigerlich Verdruss und Wut darüber ein, dass viele Dinge nun eben einmal nicht so durchdacht sind und nicht den Tiefgrund aufweisen, den der eigene Anspruch fordert. Mit Perfektionismus, dem Streben nach unerreichbaren Idealen bringt man sich selbst und seine Mitmenschen an seine Grenzen.

Außerdem führt er zu dem Unvermögen, Entscheidungen zu fällen, die nötig für das Durchführen von Handlungen aber auch für das Bilden von Meinungen und das Beziehen klarer Positionen sind. Wer immer im Bereich der Grautöne bleiben möchte und niemals „schwarz“ oder „weiß“ sagt, tritt unweigerlich auf der Stelle, es sei denn, er streicht das „Wenn und Aber“.

Im Grunde bleiben nur zwei Zwecke übrig, für die Tiefgrund einen Nutzen hat. Erstens lassen sich auf diese Weise spontane Fehlentscheidungen vermeiden, wobei zu bedenken gilt, dass es auch gute spontane Entscheidungen geben kann, die ein Kopfmensch, der das Risiko partout vermeidet, nicht treffen würde.

Zweitens bleibt das Vergnügen an anspruchsvoller Unterhaltung, Kunst und Literatur. Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung, denn wer Filme und Bücher mit tiefgründigen Inhalten und Figuren bevorzugt, hat womöglich keinen Gefallen mehr an anspruchsloseren Formen der Unterhaltung und nur ein Kopfschütteln übrig für Dinge, über die andere ungezwungen lachen können.

Erbsenbrei, einerlei

Vielleicht sollte ich 2018 also wirklich oberflächlicher werden. Vielleicht sollte ich mich nicht darüber ärgern, dass auf meiner Vierjahreszeitenpizza nur eine Jahreszeit zu erkennen ist. Vielleicht sollte ich mich nicht fragen, warum Tarzan der Sprache so gut mächtig ist, wo er doch im Dschungel von Affen großgezogen wurde. Vielleicht sollte ich mich mit diesem Artikel auch einfach mal zufriedengeben, anstatt ihn noch achtzig Mal zu überlesen. Vielleicht sollte ich aufhören, immer überall das Beste herausholen zu wollen und das heilige „Ausreichend“ zum Maßstab machen. Vielleicht sollte ich, wenn ich einen blöden Spruch auf Facebook lese, auch einfach jemanden taggen, anstatt ihn – den Spruch – nach den Regeln der Logik auseinanderzunehmen. Vielleicht sollte ich das nächste Mal, wenn mich jemand fragt, wie ich dieses oder jenes finde, auch einfach nur sagen „cool“ oder „schiel“ und, wenn ich nach einer Erklärung gefragt werde, ganz lässig hinzufügen: „Ma well“.

Ja, das ist mein Vorsatz: Kein „blöder Philosoph“ sein. Denn ich glaube, mit einer gesunden Oberflächlichkeit, so sehr es mir widerstrebt, dieses Adjektiv und Substantiv miteinander zu verbinden, kommt man ganz gut durchs Leben.