LUXEMBURG
MARIANNE DONVEN

Marianne Donven ist Mitbegründerin der Initiative „Oppent Haus – Open Home“ und setzt sich sehr für Flüchtlinge ein. Seit drei Jahren hat sie bei sich zu Hause drei afghanische Flüchtlinge aufgenommen.

„Es macht mich immer wieder wütend, wenn in den Medien die Rede von einer Flüchtlingskrise geht, und von Massen von Flüchtlingen, die ankommen. Man sollte keine Angst vor Flüchtlingen haben. Es sind Menschen wie wir. Was uns als engagierte Bürger am meisten zu schaffen macht, ist das Dublin-Abkommen, in dem ja geregelt wird, welches EU-Land für ankommende Flüchtlinge zuständig ist. Vereinfacht dargestellt ist der Staat, in dem der Flüchtling erstmals registriert wurde, für den Asylantrag zuständig.

Wir begegnen täglich vielen Menschen, die durch Europa irren und von Land zu Land reisen, ohne irgendwo anzukommen. Oder die sich verstecken, um nicht in ihr erstes Zufluchtsland zurückgeschickt zu werden und dort auf der Straße zu landen oder in ihr Ursprungsland abgeschoben zu werden. Für die Flüchtlinge ist das Dublin-System eine Katastrophe. Es ist manchmal schwer zu glauben, wo sie schon überall waren, unter welchen Bedingungen sie gelebt haben, und was sie schon alles mitgemacht haben – auch bevor sie überhaupt in Europa angekommen sind. Und dann werden sie in Europa derart kriminalisiert und von einer Abschiebehaft in die andere gesteckt. Auch die SHUK in Kirchberg ist keine menschenwürdige Unterkunft für schutzsuchende Menschen. Am 20. Juni werden der LFR und einige Vereinigungen auf dem Clairefontaine-Platz zeigen, wie ‚Dublin-Fälle‘ dort leben.

 Das ganze Dublin-System müsste reformiert werden, weil es nicht funktioniert, nicht zuletzt auch, weil die Chancen, Asyl zu bekommen, von Land zu Land verschieden sind. Wer zum Beispiel als Afghane in Deutschland einen Asylantrag stellt, riskiert abgeschoben zu werden, hat in Luxemburg aber sehr gute Chancen, seinen Antrag genehmigt zu bekommen. Aus diesem Grund kommen viele Asylbewerber nach Luxemburg, die anderswo schon abgelehnt wurden, um hier eine zweite Chance zu bekommen, die ihnen aber nicht gewährt wird.

Das ganze Dublin-System ist unglaublich aufwendig, wobei es nur 15 Prozent der Flüchtlinge betrifft. Auch ist es ungeheuer kostenintensiv – es soll drei bis fünf Milliarden Euro pro Jahr verschlingen - um die Flüchtlinge zwischen den Ländern hin und herzuschieben. Unter dem Strich verweilt deshalb nicht ein Flüchtling mehr oder weniger in Europa. Man wird das Gefühl nicht los, dass dieser ganze administrative Aufwand nur deshalb betrieben wird, um die Flüchtlinge bereits im Vorfeld zu entmutigen, überhaupt nach Europa zu kommen.

Hört man sich die vielen einzelnen Schicksale an, versteht man, dass das Dublin-Abkommen viele Menschen regelrecht in die Illegalität und die Prekarität zwingt. Durch das System leben Tausende Menschen in Angst und Ungewissheit, und ihre Grundrechte werden nicht respektiert. ‚Life in Limbo‘, wie das UNO-Flüchlingswerk es beschreibt.

Luxemburg müsste insgesamt mehr Druck in Brüssel machen, um vergleichbare Aufnahmebedingungen, einheitliche Prozeduren und eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge in der EU durchzusetzen.“