LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

„Obsession“ mit Jude Law im „Grand Théâtre“

Um Leidenschaft soll es in „Obsession“ (dt. Besessenheit) gehen, der neuen Inszenierung des belgischen Theaterregisseurs Ivo van Hove. „Everybody wants passion, and to live a passionate life. This script demnostrates that this is almost impossible, because passion is a devouring force. Though passion is unliveable, we crave it“, erklärt der Regisseur in einem Interview.

Feuchtfröhliches Treiben

Vorerst scheint es so, als würde dem Publikum diese Leidenschaft auch geboten werden. Die Produktion der „Barbican Theatre Productions Limited“ und des „Toneelgroep Amsterdam“ zeigt den Weltstar Jude Law schon nach den ersten fünf Minuten oberkörperfrei auf der Bühne. Dabei kommt einem aber schnell der Verdacht, dass dies schon das Highlight gewesen sein könnte und man fragt sich, was denn jetzt noch folgen soll.

Nun, nicht mehr sehr viel. Spannung kommt nicht wirklich auf, spätestens nach einer halben Stunde wirkt das Geschehen langweilig und ermüdend auf das Publikum. Und zäh. So zäh wie das schwarze Motoröl, das Bühne und Darsteller besudelt - ein Glück nur, dass es ein zeitgenössisches Stück ist, Joseph deshalb von den Toten auferstehen darf, um mit einem Lappen die Spuren wegzuwischen, die sein Ableben verursacht hat und alle sich ausziehen können, um sich direkt auf der Bühne zu waschen!

Film- und Buchvorlage

Die Inszenierung beruht auf dem Film „Ossessione“ des Filmregisseurs Visconti aus dem Jahre 1942, welcher wiederum eine Adaptation der Novelle „The Postman Always Rings Twice“ von James M. Cain ist. Der Film wurde anlässlich der Theaterinszenierung am vergangenen Sonntag in der „Cinémathèque“ gezeigt.

Zäh ist es deshalb, weil van Hove in seiner Inszenierung, abgesehen von der Musik, bewusst alle Elemente der Filmvorlage ausklammert, die an Italien erinnern beziehungsweise die Kritik am faschistischen Regime Mussolinis, weshalb eine recht dünne und einfallslose Handlung übrig bleibt und der Plot recht schnell erzählt ist: Hanna, die am Rande der Armut lebt, heiratet den weitaus älteren Handwerker Joseph, der ihr zwar finanzielle Sicherheit bietet, aber weder Zuneigung, noch Zärtlichkeit. Als eines Tages der Landstreicher Gino auf das Ehepaar trifft, verliebt er sich augenblicklich in Hanna und plant, mit ihr zu fliehen, um ihr ein glücklicheres und vor allem freies Dasein zu bieten. Nach einigen Handlungstwists kommt Joseph bei einem „Autounfall“ ums Leben. Obwohl den beiden Liebenden nun nichts und niemand mehr im Wege stehen würde, geht die Beziehung nicht glimpflich aus...

Durch und durch zeitgenössisch

Zäh ist es auch, weil die Gefühle, die transportiert werden sollen, nicht echt wirken. Die Musik, die in schlechter Tonqualität ständig im Hintergrund dudelt, irritiert und man fragt sich stellenweise, ob sie wirklich zum Stück gehört, oder ob ein Zuschauer vergessen hat, sein Handy auszuschalten. Auch die bewegten Bilder, die an die Wände projiziert werden, lenken ab und wirken eher störend, als dass sie etwas zur Atmosphäre beitragen würden. So kann das Stück zwar neben nackter Haut und rauchenden Figuren einen weiteren Punkt abhaken, den zeitgenössische Inszenierungen auszeichnet, nämlich Multidisziplinarität, doch einen Mehrwert bringen die Videoausschnitte nicht mit sich, ebenso wenig wie das Auto, das permanent wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Figuren hängt.

In manchen Momenten fragt man sich gar, ob eine gewisse Komik bewusst erzeugt oder ungewollt hervorgerufen wird, so zum Beispiel bei dem Miauen der Katzen, das klingt, als würde aus einer blechernen Spieldose für Kinder ertönen, dem Laufband, auf dem die Liebenden auf pathetische Weise davonlaufen sollen oder dem Augenblick, in dem Hanna vor Verzweiflung mehrere Mülltüten über ihrem Gino entleert, der, wie könnte es dem romantischen Klischee nach schon anders sein, am Ende melancholisch in den Wellengang des Meeres blickt.

Dazu müsste man vielleicht ergänzen, dass die überaus große Leidenschaft ausgerechnet an etwas Unromantischem wie der Lebensversicherung zerbricht und damit an Glaubwürdigkeit einbüßt…

Kein einprägendes Erlebnis

Vielleicht hätte die Inszenierung mehr überzeugen können, wenn sie in einen aktuellen politischen Kontext gesetzt worden wäre. Denkbar wäre zum Beispiel die Finanzkrise von 2007 und deren Auswirkungen in Griechenland. Das Zusammenfinden zweier in Armut und am Rande der Gesellschaft lebender Menschen hätte thematisch gut in diesem Zusammenhang gepasst und es hätte dem Inhalt etwas mehr Tiefe, Struktur und Substanz verliehen.

Letztlich können die ausverkauften Vorstellungen am 23., 24. Und 25. Juni im „Grand Théâtre“ und die vereinzelten, zaghaften Begeisterungsrufe am Ende der Aufführung nur durch die Präsenz des Weltstars Law erklärt werden, der tatsächlich nicht nur mit seinem durchtrainierten Oberkörper zu glänzen vermag, sondern auch mit seiner schauspielerischen Leistung, die jene seiner Mitdarstellerin Halina Reijn in den Schatten stellt. Doch selbst er kann nichts daran ändern, dass „Obsession“ kein Stück ist, das einem noch lange in Erinnerung bleiben wird.