CHRISTINE MANDY

Warum er den Details nicht standhält

Ich sitze vor einem Stapel Blätter, bedruckt mit engzeiligem Text bestehend aus winzig kleinen Buchstaben, die mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen sind. Ich lese gutwillig den ersten Satz, der sich über eine halbe Seite zieht. Und jetzt habe ich keine Lust. Oder besser gesagt: Ich habe keine Lust MEHR. Doch in Wahrheit ist der Mangel an Motivation und Tatendrang gar nicht das eigentliche Problem. Wenn ich mich nämlich frage, wo diese Unlust und Energielosigkeit, wo mein ständiges Erschöpfungsgähnen herrühren, dann fällt mir vor allem eines ein: Fehlende Geduld.

Kunst als Liebe zum Detail

Mir wird bewusst, dass mein jugendliches Ungestüm mir recht häufig ein Strich durch die Rechnung macht. Hobbies beispielsweise erfordern viel Zeit und damit auch Geduld, die ich schlichtweg nicht habe. Als Kind habe ich liebend gern gemalt. Moderne Kunst lag mir ganz besonders, also die Herausforderung, in möglichst kurzer Zeit so viel Farbe wie möglich aufs Papier, die Kleidung und den Schreibtisch zu schmieren. Das Saubermachen dauerte meist länger als der eigentliche künstlerische Schaffensprozess. Wenn ich meinem Blatt Papier Leben einhauchen wollte, dann zeichnete ich ein Strichmännchen, einen Kreis mit Fransen, der eine Teletubbies- Sonne darstellen sollte und ein schiefes, wabbliges Rechteck als Haus.

Heute, als Erwachsene, empfinde ich es als ziemlich problematisch, ein Haus zu zeichnen. Denn ich sehe gar keine Häuser mehr als einzelnes, von anderen abgetrenntes Objekt sondern einen mannigfaltigen Gegenstand mit einer schwindelerregenden Fülle an Details. Und genau diese Details überfordern mich. Da macht mein Gehirn nicht mit. Ich bin noch nicht bereit, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich könnte mich auch gar nicht so lange auf eine Sache konzentrieren. Ich bin es gewohnt, dass alles schnell über die Bühne geht, dass ich, vor allem dank des Internets, alles ratzfatz erledigen und abhaken kann. Warten und mir Zeit lassen, das funktioniert in meinem Alter einfach noch nicht. Schon gar nicht, wenn man ein Smartphone besitzt.

Turboerfolg

Mir graut es wie gesagt vor langen Texten. Genau deshalb lese ich auch keine Zeitung, und wenn dann nur die kurzen, höchstens zweispaltigen Artikel. Aber nach maximal zwei Minuten muss ich mit dem Lesen fertigsein, sonst wird mir langweilig, weil mir überhaupt sehr schnell langweilig wird. Die Push- Nachrichten auf meinem Smartphone sind die angenehmere, weniger anstrengende Art und Weise, mich zu informieren. Da bin ich nach ein paar Zeilen fertig und ich mag es, fertig zu sein mit etwas, weil, wie gesagt, sich kein lästiges retardierendes Moment durch ablenkende, ermüdende, redundante Details einstellt, deren Sinn ich ja mal so gar nicht einsehe. Das ist genau so, wie wenn meine Tante Geschichten aus ihrer Jugend erzählt. Sie kommt auch nie auf den Punkt und redet und redet und redet, ohne je am Ende, an der Pointe anzugelangen. Aber genau das ist doch mein Leben: Eine Aneinanderreihung von gratis vergebenen, rasch aufeinanderfolgenden Belohnungen und Abschlüssen, ein ziel- und orientierungsloses, ohne Mühe erreichtes Ankommen. Ich hoffe, liebe Tante, du verstehst, dass ich jung und nervös und ungeduldig bin und dass ich deswegen auch für lange Gespräche und für Menschen im Allgemeinen einfach keine Geduld aufbringe. Menschen sind mir zu kompliziert, zu mannigfaltig, da gibt es ebenfalls zu viele Details, die ich entschlüsseln müsste und da bevorzuge ich eben oberflächliche Kontakte und keine engen Freundschaften und Beziehungen, die man mühselig aufbauen muss.

Des Lebens Kern

Manchmal bringe ich glaube ich auch für mich selbst einfach zu wenig Geduld auf. Ich will direkt alles können und beherrschen, so wie ich mit einem Klick mit meiner Computermaus auch immer gleich ein Resultat erzeugen kann, bzw. wird es für mich erzeugt ohne meine aktive Beteiligung. Aber auch wenn meine Welt, oder zumindest der virtuelle Teil davon, immer schneller wird: Ich werde es nicht. Und daran muss ich mich erst einmal gewöhnen. Letztens dachte ich, ich schreibe mal einen Roman. Aber es geht nicht. Weil ich vorher so viel planen muss, weil ich stundenlang dasitze und mir überlege, wie die Figuren heißen und wo sie wohnen und was sie anhaben und welchen Beruf sie ausüben und wie sie reden und wen sie lieben und wen sie hassen und - irgendwann ganz am Ende - kann ich mir erst überlegen, was ihnen widerfährt.

Nun werde ich zwar mit zunehmendem Alter immer geduldiger, doch gleichzeitig ändert sich mein Blick. Mein Blick lernt, zu analysieren, näher an Dinge und Sachverhalte „heranzuzoomen“ und so erkenne ich immer mehr Details, die ich verarbeiten muss. Das bereitet mir Unbehagen und deshalb flüchte ich vor ihnen, vor den Details, die mir überall auflauern, die das Leben wirklich schwermachen. Aber sie machen das Leben nicht nur schwer, sie machen es überhaupt erst zum Leben. Was ist das Leben anderes, als eine große Mannigfaltigkeit, die in ihre Einzelteile zerlegt werden muss? Leben ist wie Holz hacken. Wenn ich mich dem Leben also stellen will, dann muss ich mir ein Herz nehmen. Dann muss ich mit meiner intellektuellen Axt losziehen und die Bäume fällen, einzeln, um sie dann in Ruhe zu zerstückeln und diese wiederum auseinanderzunehmen, bis ich die Oberfläche durchbrochen habe und in das tiefste Innere vorgedrungen bin. Und das ist keineswegs langweilig!