PATRICK WELTER

Wutbürger gehört zu den merkwürdigen Worten des letzten Jahres, früher war es mal der so genannte kleine Mann. In den USA war es gar die „Moral majority“. Aber nie hatten diejenigen die im Schema „Wir da unten, Ihr da oben“ verhaftet sind, derartige Wallung verbreitet wie im letzten Jahr - quer durch Europa und die USA. Trump lassen wir heute aber beiseite. Der Wutbürger hat nichts mit Klassenkampf oder sozialer Gerechtigkeit zu tun, es geht den Krakeelern nicht um Schaffung von irgendetwas oder Arbeitersolidarität - in ihrem Weltbild gehören auch die Gewerkschaften zu den Arrivierten. Ein Wutbürger ist nie für, er ist immer dagegen.

Im elitären Frankreich ist diese Tendenz leichter zu verstehen, weil die Oligarchie der Absolventen der „Grandes Ecoles“ seit Jahrzehnten d den Staat als ihr Eigentum betrachtet. Die daraus resultierende Reformunfähigkeit wird von der Linken als Schutz sozialer Errungenschaften verkauft. Dennoch jammert das Lager um Marine Le Pen vor allem der Zeit vor 1968 hinter. Fehlt nur noch der Spruch „Algerien ist unser“. Wer zu jung ist, um den Spruch ein zu kennen: Die deutschen Vertriebenenverbände kämpften unter dem Slogan „Schlesien ist unser“ in den 1970/1980ern gegen die westdeutsche Annäherung an Polen. Damals, in den Zeiten des Kalten Krieges, hatten die Vertriebenen ihre politische Heimat auf dem äußersten rechten Flügel der CDU. Dort durften sie in einer Enklave für Leute, die nichts verstanden hatten ihren sinnlosen Kampf gegen die Geschichte führen.

Das im Verhältnis zu Frankreich oder gar England sehr egalitäre Deutschland, wo Reichtum gerne versteckt wird und das seinen wirtschaftlichen Erfolg vor allem Mittelständlern und nur zum kleinen Teil Großkonzernen zu verdanken hat, sollte die Wut gegen die da oben eigentlich gar nicht kennen. Schließlich wurden dort der alltagsgraue reale Sozialismus und leider auch der mörderische Nationalsozialismus erfunden - ein Volk mit fatalem Hang zur Hammelherde. Adenauer fasste die westdeutsche Sicht perfekt in Worte: „Solange sich der deutsche Arbeiter sein klein Häuschen leisten kann, wird er keine Revolution machen!“

Seit 1989 bröckelt dieser gesellschaftliche Konsens, dass alle ziemlich gleich sind, auch wenn der ein oder andere mehr Geld hat. Das Prinzip des rheinischen Kapitalismus ist nie bei denen angekommen, die Neid, Unwissen, Angst und vor allem Dummheit für Bürgerrechte halten.

In den Kreisen Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens und auch Luxemburgs, die Nationalismus nicht für eine bösartige Krankheit halten, ist die Angst vor dem Anderen zum Leitbild geworden. Motto: „Wir verstehen nicht was die da oben sagen. Wir verstehen nicht wie Politik funktioniert und wir verstehen nicht worüber die Medien berichten.“ Aus dem mangelnden Durchblick wird dann die Angst vor allem Fremden und die Wut auf die, die man nicht versteht. Also skandiert der abgehängte Bürger „Merkel muss weg!“ oder „Lügenpresse“. Letzteres stammt auch aus dem Wörterbuch der Unmenschen, genauso wie „völkisch“. Kampfbegriffe der Nazis, für Frau-Petry-Heil ganz normale Worte. Spätestens hier wird klar, dass der Wutbürger kein Wutbürger, sondern ein sepiabrauner Dummdreistbürger ist.