LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die neu gegründete Mil asbl veranstaltet Kulturprojekte für Menschen mit Demenz

Für Menschen mit und ohne Demenz veranstaltet die neu gegründete Mil asbl Konzerte und andere Kulturprojekte. Den Auftakt machte am 12. Und 13. Oktober das Konzert „Kanner o Kanner , o quel Bonheur“. Wir haben mit Dani Jung, der Präsidentin und Gründerin, über die Idee hinter dem noch jungen Verein gesprochen.

Frau Jung, warum haben Sie die Mil asbl gegründet?

Dani Jung Für mich ist es ein absolutes Herzensprojekt, da mein Vater Mil seit rund zehn Jahren an Alzheimer erkrankt ist. Als sich die ersten Symptome bemerkbar machten, stand er noch mitten im Berufsleben und liebte es, in Konzerte und ins Theater zu gehen. Aber die Krankheit hat ihm über die Jahre viele Möglichkeiten und Fähigkeiten genommen.

Vor fast anderthalb Jahren kam er in ein Pflegeheim und ich lernte dann auch andere Betroffene kennen, deren Geschichten mich nicht losließen. Ich hatte von da an das Bedürfnis, „etwas zu machen“, aktiv zu werden. Als ich meinen Vater dann vor gut einem Jahr vom Geburtstag meiner Nichte mit dem Auto ins Heim zurückbrachte und erlebte, wie glücklich er war, als er eines seiner Lieblingslieder von früher hörte, er mitsummte und ich mich ihm in dem Moment so nahe wie lange nicht mehr fühlte, reifte in mir die Idee, eine asbl zu gründen, die speziell Kulturprojekte für Menschen mit Demenz organisiert. Ausschlaggebend war dann im Dezember letzten Jahres das Konzert zweier Musikerinnen der Fondation EME, die wir als Familie angefragt hatten und die sowohl die Bewohner und Bewohnerinnen als auch Personal begeisterten. Mein Vater hielt das ganze Konzert über meine Hand und meinte: „Kennst du diese Frauen? Sie singen wunderschön.“ Ich war so gerührt von seiner Freude und die der anderen. Danach machte ich dann zusammen mit einer meiner Schwestern und zwei Freundinnen Nägel mit Köpfen und im Februar dieses Jahres war die MIL asbl offiziell geboren.

Was sind die Ziele des Vereins?

Jung Ziel ist es, Menschen mit Demenz bestmöglich wieder am kulturellen und gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen und ihnen sowie ihren Familien, Freunden und Bekannten die Gelegenheit zu geben, schöne und intensive Momente zu erleben. Daher steht MIL als Name sowohl für meinen Vater Mil, als auch für „Momenter intensiv liewen“. Denn die Freude an der Kunst bleibt bei vielen. Menschen mit Demenz sollten zumindest die Möglichkeit bekommen für sie angepasste Kulturprojekte zu besuchen, wo sie so sein dürfen wie sie sind.

Was bieten Sie an?

Jung Einerseits wollen wir Projekte in Pflegeheimen anbieten, die in den Pflegealltag integrierbar sind. Wir wollen andererseits aber auch in Kulturhäusern sogenannte „relaxed performances“ organisieren. Diese Veranstaltungen sind an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz angepasst, beispielsweise finden sie nachmittags statt und nicht abends, sie dauern nicht so lang - ungefähr eine Stunde -, sind rollstuhlgerecht und bieten ein Programm an, das den Menschen vertraut ist und sie anspricht. Vor allem sind diese „relaxed performances“ offen für alle und sollen so zu einer besseren Sichtbarkeit und dem Abbau von Vorurteilen beitragen.

Warum sollten es ausgerechnet kulturelle Veranstaltungen sein?

Jung Davon abgesehen, dass es viele Studien gibt, die die positiven Effekte von Musik oder Tanz auf Menschen mit Demenz belegen, ist Kultur generell ein wichtiger Inklusionsfaktor. Da, wo Sprache weniger und Kommunikation schwieriger wird, stellt ein gemeinsamer Konzertbesuch eine Möglichkeit dar, sich nahe zu sein, Emotionen auszutauschen und intensive Momente zu leben. Vielleicht fällt es Manchen auch leichter mit einem Betroffenen eine kulturelle Veranstaltung zu besuchen, als ihn in einem Pflegeheim zu besuchen. Viele haben Angst vor der Krankheit. Wenn sie da ist, können wir sie aber leider nicht heilen. Wir können aber unsere Einstellung zu ihr ändern und wir können alle zusammen dazu beitragen, dass Menschen mit Demenz nicht vergessen werden.

Wie sind die Reaktionen auf Ihre Veranstaltungen?

Jung Am 12. Oktober war Premiere unseres ersten großen Projekts „Kanner o Kanner, o quel bonheur“ im Wohn - und Pflegeheim „Beim Goldknapp“ in Erpeldingen, wo 116 Menschen, die an einer Form von Demenz erkrankt sind, leben. Im Vorfeld hatten wir die Heimbewohner und Bewohnerinnen nach ihren Lieblingsliedern befragt. Die alten luxemburgischen Klassiker kamen am häufigsten vor, so dass ich Georges Urwald fragte, ob er mit uns auf diese Reise geht. Er schlug mir sein Ensemble FLOTT vor, mit Franck Hemmerlé am Schlagzeug und dem Clown Joe del Toe. Als Sängerin holten wir noch Mady Weber ins Boot. Diese Kombination von Gesang, Musik und Clowneinlagen erwies sich als Glücksfall. Zusammen mit der Bühnenbildnerin Anouk Schiltz sowie dem Makeup Künstler Joel Seiller, der neben der Band noch etliche Bewohnerinnen vor den Vorstellungen schminkte und frisierte, haben wir zwei ganz besondere Nachmittage erlebt, die alle begeisterten und für so manchen Gänsehautmoment sorgten. Einige freuten sich unheimlich über den speziellen Friseurbesuch - „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schön gemacht werde“ -, andere dirigierten das gesamte Konzert mit, es wurde mitgesungen und über die Clownereien gelacht. Getanzt werden konnte leider nicht mehr, da der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt war. Beim Lied „t’gi vill schéi Rousen an der Stad“ wurden Rosen verteilt. Ein Bewohner rührte uns alle sehr, als er am Schluss mit Tränen in den Augen sagte, es sei wunderschön gewesen. Die Spontanität und Freude war einfach nur ansteckend. Für meine Mitstreiterinnen und mich ein unbeschreibliches Gefühl.

Haben Sie noch weitere Pläne?

Jung Ja, wir machen mit dem Projekt „Kanner, o Kanner, o quel bonheur“ weiter. Im CAPE in Ettelbrück sind am 25. und 26. Januar um 15.00 öffentliche Vorstellungen für Menschen mit und ohne Demenz. Danach würden wir gerne durch Altersheime oder Kulturhäuser touren. Bei Interesse kann man sich gerne bei uns melden. In Planung sind zudem Tanzkurse, ein Chor und ein großes inklusives Konzert 2020 um den Weltalzheimertag. In den Startlöchern stehen auch Kurzgeschichten und Märchen umrahmt von Musik, die wir auf regelmäßiger Basis in unterschiedlichen Pflegeheimen anbieten wollen. Diese Kunstform hat nachweisbar einen sehr positiven Einfluss auf Menschen mit Demenz. In Bayern beispielsweise werden Märchen nach einem wissenschaftlich erarbeiteten Qualitätsstandard in der Pflege eingesetzt und einige Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Wer kann beim Verein mitmachen?

Jung Mitmachen kann jeder, ob aktiv bei den Projekten durch eine Mitgliedschaft oder einfach durch eine Spende. Es gibt auch die Möglichkeit Spenden an uns steuerlich über den Fonds Culturel National abzusetzen. Wir würden uns auch über viele Kontakte zu Pflegeheimen oder Kulturinstitutionen freuen, die interessiert sind, die Projekte mit umzusetzen. Denn eines ist mir unheimlich wichtig: Dass wir die Menschen die vergessen, nicht vergessen.


www.milasbl.lu, Mail: info@milasbl.lu