CHRISTINE MANDY

Über das Verhältnis von Spaß und Pflicht

Spaß haben wird gepriesen. Das ist an sich ja auch nichts Schlechtes. Nur vergessen wir manchmal, dass Spaß im Wesentlichen doch eine Sache der Einstellung ist und nicht des Charakters und dass wir damit doch ein bisschen Einfluss darauf haben, was uns Freude macht, und was nicht.

Definitorischer Widerspruch?

Um möglichst oft und möglichst viel Spaß zu haben, können wir versuchen, an allem Freude zu haben, was wir tun. Das wäre der vernünftige Weg. Wir können aber auch die Dinge vermeiden, die wir nicht gerne tun. Welche das sind, dürfte evident sein. Es sind vor allem die alltäglichen Pflichten wie Arbeit, Studium oder Schule, sowie Putzen, Einkaufen, Wäsche waschen und Kochen. Kurz gesagt: All jene Aktivitäten, die wir mit dem Verb „müssen“ in Verbindung bringen. Meistens jedoch können wir diese nur vor uns herschieben und nicht wirklich vermeiden und es wäre weitaus angenehmer, auch sie mit etwas Positivem zu verbinden.

Es scheint nun also so, als würden die Wörter „Pflicht“ und „Spaß“ sich per se widersprechen. Tatsächlich aber gibt es keinen vernünftigen Grund, das anzunehmen. Möglicherweise denken wir das, weil wir selbstbestimmt sein wollen, weil doch nur Dasjenige Spaß machen kann, das von uns selbst kommt. Alles wiederum, was uns von außen auferlegt wird, kann unmöglich unterhaltsam sein. Hierbei sei angemerkt, dass es eine Illusion ist, zu glauben, dass Spaß anders als Pflicht nicht von außen definiert wird und dass wir den Begriff völlig frei auf alles anwenden können.

Es gibt durchaus Konventionen, welche besagen, was für gewöhnlich Spaß zu machen hat, und was nicht. Die meisten Menschen freuen sich auf das Wochenende und auf die Ferien, wenn sie die Arbeit - bzw. die Pflicht - durch Freizeit - also Spaß - ersetzen können, und das, obwohl uns jungen Menschen doch immer ans Herz gelegt wird, wir sollen einen Beruf auswählen, an dem wir Freude haben. Eigentlich erntet doch jeder, der ein bisschen zu viel Spaß an seinen Pflichten hat, überraschte oder gar vorwurfsvolle Blicke.

Die Frage, die man sich dabei stellen muss: Ist das dadurch zu begründen, dass wir eigentlich Spaß an unserer Arbeit haben wollen, uns das aber meist nicht gelingt und wir deshalb neidisch auf Menschen sind, auf die das zutrifft? Oder behaupten wir gar oft, keinen Spaß dabei zu haben, weil das als „normal“ angesehen wird und wir denken in Wahrheit doch anders darüber? Es ist denkbar, dass wir diesbezüglich derart häufig lügen, dass wir diese Lüge am Ende selber glauben.

Was sein muss, muss sein?

Es gibt nun aber zwei Lösungsansätze, dem entgegen zu wirken und die Pflicht mit anderen Augen zu sehen. Wir können zum Einen versuchen, das „Muss“ auszuklammern bzw. es in ein „Können“ oder „Dürfen“ umzuwandeln und die jeweilige Tätigkeit so als etwas anzusehen, zu dem wir uns selbst aus freien Stücken entscheiden. Eigentlich stimmt das ja auch, dann das Wort „müssen“ ist nicht absolut, sondern relativ. Man muss sich immer fragen, was einen letztlich dazu zwingt, der jeweiligen Pflicht nachzugehen und was die möglichen Konsequenzen sind, wenn man sich dem widersetzt.

Wer diesen Ansatz auf die Spitze treibt, kommt unter Umständen sogar zu dem Schluss, dass es so etwas wie „müssen“ im Grunde gar nicht gibt. „Du muss nëmme stierwen“ pflegen Kinder doch zu sagen und so ganz Unrecht haben sie damit nicht - zumindest nicht in der Theorie. Doch selbst in dem Fall kann nicht von „müssen“ die Rede sein, da das Verb sich nur auf etwas beziehen kann, was wir aktiv tun, nicht etwas, das wir passiv erleiden. Mit dieser Betrachtungsweise wäre alles „müssen“ eliminiert und alle unsere Entscheidungen würden allein unserem freien Willen entspringen. Die Sprache beweist, dass das möglich ist, denn sagen wir, etwas sei „ein Muss“, so verweisen wir damit immer auf etwas Erfreuliches.

Routineaufgaben

Alternativ könnte man sich darin üben, Spaß an der Pflicht selbst zu haben. Denn bringt das nicht immer ein gewisses Glücksgefühl mit sich, eine Aufgabe erfolgreich abgeschlossen zu haben? Sind wir nicht immer ein bisschen stolz auf uns selbst, wenn wir etwas geleistet haben und etwas direkt Nützliches, Sinnvolles mit unserer Zeit angestellt haben, etwas, bei dem wir unmittelbar ein Ergebnis feststellen können?

Es kann durchaus etwas Beruhigendes haben, eine Routine in seinen Tagesablauf zu bringen und selbst zu bestimmen, zu welcher Uhrzeit was gemacht werden muss. Wobei die Tatsache, dass wir von „Routine“ sprechen, darauf hindeutet, dass das „müssen“ längst zu einem Automatismus geworden ist, über den wir nicht mehr reflektieren. Wer unregelmäßig spült, hat stets im Hinterkopf, dass er dem nachkommen muss. Wer hingegen zu festen Zeiten seinen Abwasch macht, der tut es einfach, ohne großartig darüber nachzudenken. Die Pflicht wird zur Normalität.

Pflicht erfüllt

Hiermit wäre ich, und wären Sie, lieber Leser, nun am Ende des Artikels angelangt und wir haben alle unsere Pflicht erfüllt. Als Korrespondentin ist es meine Aufgabe, Artikel zu verfassen, aber ich kann mit Überzeugung behaupten, dass ich sehr viel Freude dabei habe, und es keineswegs als Bürde empfinde. Ebenso hoffe ich, dass ein jeder, der sich für heute vorgenommen hat, das „Lëtzebuerger Journal“ zu lesen, der sich diese Pflicht also selbst auferlegt hat, auch ein bisschen Spaß am Lesen gehabt hat und seinen alltäglichen Pflichten ab jetzt ein klein wenig gelassener ins Auge blicken kann.