Es dauerte lange, bis die Ebola-Krise in Westafrika die Weltöffentlichkeit wirklich interessierte. Die Verankerung der Krankheit im kulturellen Kontext Westafrikas macht Ebola zum Symbol dessen, was Europäer und Afrikaner voneinander trennt.

Während in Europa die Angst wächst, die Krankheit könnte auf unseren Kontinent importiert werden, bleibt deren Ausbreitung bei uns eher unwahrscheinlich, da wir gut funktionierende Spitäler und qualifizierte Ärzte haben, denen die Menschen hier auch Vertrauen.

In Afrika holen sich die Menschen oft noch zusätzliche Krankheiten in schlecht ausgestatteten Spitälern, europäische Ärzte schüren Misstrauen, und Mangel an Information und an Bildung führt dazu, dass Krankheit und Tod nicht mit biologischen, hygienischen oder viralen Realitäten, sondern mit Glaube und Aberglaube in Verbindung gebracht werden.

Die psychologische Nähe der Westafrikaner zu ihren Toten, die Art und Weise, wie sie Tote waschen und umarmen, führt zu zahlreichen Ansteckungen und zur rasanten Ausbreitung von Ebola. Eine Krankheit, die die Menschen nicht verstehen, wird verdrängt, und dies ist bei Ebola genauso der Fall wie bei Aids. Beide Viren werden verneint, ein Spital wurde in Westafrika gestürmt und die Kranken „befreit“, die Matratzen wurden gestohlen und waren hochinfiziert, so dass sich immer wieder weitere Menschen ansteckten. Solche Geschichten offenbaren das Ausmaß der Misere in jenen Regionen der Welt, die von der Ebola-Epidemie heimgesucht werden. Es fehlt an Gesundheitsstrukturen, Medikamenten, Ärzten und Krankenschwestern, es fehlt jedoch vor allem an einer Akzeptanz der europäischen Medizin bei der lokalen Bevölkerung, an elementarem Wissen über Hygiene und Gesundheit. Um europäische Ärzte zirkulieren Gerüchte, sie würden Medikamente an Schwarzen ausprobieren.

Das Wissen um lokale Kulturen und um die Werte anderer Menschen ist heute von der Entwicklungshilfe, aber auch von der humanitären Akuthilfe nicht mehr wegzudenken. Im Falle von Ebola wären also die Totenrituale der Westafrikaner zu berücksichtigen, wenn es darum geht, die Krankheit wirksam zu bekämpfen. Wenn Familien nämlich fürchten, von ihren Ahnen völlig getrennt zu werden, wenn sie darüber hinaus meinen, sie könnten ihre Verstorbenen nicht einfach einer europäischen Strategie zur Eindämmung einer Krankheit überlassen, wäre zum Beispiel, nach Ansicht des Soziologen und Anthropologen Pascal Hug zu überlegen, wie man den Menschen erlauben kann, Abschied von den Toten zu nehmen, und sich trotzdem selber zu schützen.

Die kulturellen Gräben offenbaren sich bei der Bekämpfung von Ebola, genauso übrigens wie in der Bekämpfung von Aids, als unheimlich tief. Unser medizinisches Wissen reicht in der Entwicklungshilfe nicht mehr aus; in der Bekämpfung von Ebola und Aids geht es darum, andere Wertesysteme, von denen wir auch lernen können, zu verstehen, mit einzuberechnen und mit in die westliche Hilfe zu integrieren, was immer noch ungenügend geschieht, so dass jede noch so gut gemeinte Hilfe nicht unbedingt die erwünschten Ziele erreicht.