LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Dr. Joanne Liu hat als internationale Präsidentin von „Médecins sans frontières“ keine einfache Aufgabe -Ihr Arbeitsplatz sind die Krisengebiete, zu ihren Sorgen zählen Seuchen und Gewalt

Hoher Besuch in Luxemburg: Dr. Joanne Liu, Präsidentin des weltweiten Netzwerkes von „Médecins sans frontières“ (MSF), war in Luxemburg zu Gast. Die Kanadierin ist für die Nicht-Regierungs-Organisation verantwortlich, die in rund 70 Ländern weltweit vor allem in Krisengebieten aktiv ist. Die ausgebildete Kinderärztin beendet gerade ihr zweites Mandat.

Frau Dr. Liu, was machen Sie in Luxemburg?

Dr. Joanne Liu Zum Abschluss meines zweiten Mandats besuche ich alle Landesbüros von MSF, um mit den Mitarbeitern zu diskutieren und über ihre Aufgaben zu sprechen. Jetzt bleiben mir noch sechs Monate. In Luxemburg habe ich das „Centre Hospitalier de Luxembourg“ besucht und dort unsere Arbeit vorgestellt, insbesondere jene Punkte, die in meiner Amtszeit besonders wichtig waren.

Was waren die drei Themen, die in Ihrer Amtszeit zählten?

Dr. Liu Ebola, der Anschlag auf unser Krankenhaus in Afghanistan sowie die Flüchtlingskrise sind mir in bleibender Erinnerung. Bei Ebola handelte es sich um eine weltweite Krise des Managements von Gesundheitsfragen. Die Leute waren sich nicht bewusst, wie sie damit umgehen sollen und wie sie das kontrollieren sollen. Es gab schon 2003 einen ähnlichen Fall mit der SARS-Panepedemie, die in Südchina begann. Da zeigte sich schon, dass in einer Zeit, in der alle überall herumreisen, sich solche Viren rasend schnell übertragen. Als die Ebola-Krise 2013 ausbrach, haben die Leute 2014 gemerkt, dass sie nicht operationell waren. Mehr als 70 Prozent der Länder weltweit haben die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation nicht befolgt. Die Menschen merkten, dass ihre Gesundheit auch von der der anderen abhängt.

In Afghanistan hat die US Air Force am 3. Oktober 2015 eine Stunde lang unser Krankenhaus in Kundus bombardiert. Warum, weiß bis heute niemand. Als NGO arbeiten wir seit 1971 in Krisenregionen; 60 Prozent unserer Aktionen finden dort statt. Die USA haben die Verantwortung dafür übernommen. Wir wollten eine unabhängige Untersuchung, der die USA und Afghanistan hätten zustimmen müssen. Das ist nie geschehen. Insgesamt gab es zwar fünf Untersuchungen, aber keine Konsequenzen. Dabei sind 42 Menschen gestorben, manche verbrannten in ihren Betten, der OP-Saal wurde zerstört. Wir haben im Weltsicherheitsrat eine Resolution beantragt, die 2016 auch angenommen wurde - von 90 Ländern. Das war für uns wichtig. Jetzt wissen die Leute wenigstens, dass sie zur Verantwortung gezogen werden können.

Sie sprachen auch ein drittes Thema an.

Dr. Liu Ja, das sind die Flüchtlinge. Heute sehen die Leute das als Krise, vor allem wegen der Zahl. Aber es ist nichts Neues, dass es Flüchtlinge gibt. Allein 2011 waren es 40 Millionen. Für mich ist es wichtig, dass Migranten nicht kriminalisiert werden, ins Gefängnis kommen oder ähnliches. Da ist etwas gekippt; das entspricht nicht mehr der Genfer Flüchtlingskonventionen von 1951. Auch die Solidarität wird kriminalisiert - beispielsweise, wenn man jemanden bei sich aufnimmt oder aus dem Meer rettet. Man stelle sich das vor: Im 21. Jahrhundert fliegen wir zum Mars, aber lassen Menschen ertrinken. Das hätte ich früher niemals für möglich gehalten, das entmenschlicht. Wir haben uns im Dezember 2018 in Marrakesch sehr klar dazu geäußert. Wichtig ist, dass die Wähler heute verstehen, dass es keine einfache Antwort gibt. Jeder hat das Recht, mit Anstand behandelt zu werden. Wenn jemand wegen Armut, Hunger oder Krieg flieht, dann gibt es keinen schlechten Grund. Es gibt nur Flüchtlinge. Wenn die Leute die Wahl haben, gehen sie nicht. Die meisten bleiben in der Nähe ihres Landes, weil sie wieder zurück nach Hause wollen. Das zeigen die hohen Flüchtlingszahlen in der Türkei, dem Libanon oder Jordanien.

Als 13-Jährige haben Sie davon geträumt, zu den Ärzten ohne Grenzen zu gehen. Was machen Sie, jetzt, wo Sie Ihren Traum gelebt haben?

Dr. Liu Ich bin jeden Tag froh über mein Glück. Als Jugendliche hatte ich über die Ärzte ohne Grenzen gelesen und das gefiel mir. Aber auch Albert Camus hat mich geprägt, denn ich habe eine sehr existentielle, zerrissene Seite. Bei Camus gibt es in „Die Pest“ eine Stelle, an der der Priester den Arzt fragt: „Reicht es Dir nicht mit dem Leid?“ Und die Antwort des Arztes lautet: „Ich habe mich nie an den Tod gewöhnt.“ Das habe ich nie vergessen. Das Leben hat mir eine große Chance gewährt. Jetzt denke ich darüber nach, was ich im Anschluss an die Präsidentschaft bei MSF machen werde und verhandele gerade. Meinem Partner habe ich auf jeden Fall versprochen, Urlaub und einen Kochkurs zu machen. Ich liebe kochen. Mein Vater war Koch und hatte ein eigenes Restaurant. Auch mein Partner kocht sehr gut!

In Luxemburg findet Ende des Monats eine große Konferenz mit dem Titel „Stand Speak Rise up!“ gegen sexuelle Gewalt auf Initiative der Großherzogin statt. War das bei Ihrer Arbeit ein Thema?

Dr. Liu Ja, denn sexuelle Gewalt ist sehr stark präsent. Während des Kongokrieges habe ich 1998 an Maßnahmen für Betroffene gearbeitet: Die Pille danach, Abtreibungen, Prophylaxe, Betreuung. Als ich das offizielle vorgeschlagen habe, blickten mich die Leute an und sagten: „Man stirbt nicht an einer Vergewaltigung.“ Ich habe zurückgefragt: „Pardon????“ Es war nicht einfach, Mitstreiter zu finden und sie zu überzeugen. Mich hat das sehr berührt. Im Kongo gab es damals rund 4.000 Frauen, die nach Brazzaville zurückkamen. Fast alle waren von „rape gangs“ vergewaltigt worden. Ich erinnere mich an ein Schild: „Femmes violées à droite“ stand darauf. Wir haben mit Dr. Denis Mukwege, der später den Friedensnobelpreis für sein Engagement erhalten hat, zusammengearbeitet. Für MSF stand der Kampf gegen sexuelle Gewalt im Herzen der Aktionen. Heute ist das überall Teil der Maßnahmen. Wir versuchen, keine toten Winkel entstehen zu lassen. Denn 30 Prozent der sexuellen Gewalt richtet sich gegen Männer und Kinder.


In Luxemburg gibt es MSF seit 1986. Da über 96 Prozent der Arbeit sich aus Spenden finanzieren, bittet die unabhängige, überparteiliche Organisation darum unter LU 75 1111 0000 4848 0000