LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Prof. Hermann Simon ist einer der einflussreichsten Managementdenker und Wirtschaftsautoren – vor allem seit dem Millionen-Erfolg „Hidden Champions“ – mit uns blickt er zurück und nach vorn

Er begrüßt die Gäste persönlich und bietet Kaffee und Tee an: Prof. Hermann Simon ist zwar eine Koryphäe und ein international gefragter Redner – aber auch völlig unprätentiös. Dabei steht er als erster und einziger Deutscher auf der Liste der einflussreichsten Managementdenker, der „Thinkers50“. Er hat den Weltmarktführer für Preisberatung, Simon Kucher & Partners, mitgegründet und ist heute Ehrenvorsitzender. Als Gastprofessor war er bei den ersten Adressen der Welt unterwegs: Harvard, Stanford, INSEAD, London Business School, Keio University oder Massachusetts Institute of Technology. In China gibt es sogar eine Hermann Simon Business School. Aber der Herausgeber und Autor von über 40 Büchern und Erfinder des „Hidden Champions“-Konzepts ist weiter geerdet und eng mit seiner heimischen Eifel verbunden. Im 600-Seelenörtchen Hasborn ist er immer noch regelmäßig zu Gast und fährt manchmal mit seinem Enkel im Traktor über die Äcker. Dort haben wir Prof. Herman Simon zu einem Gespräch für einen Rückblick auf 71 Jahre seines Lebens und einen Ausblick auf wirtschaftliche Entwicklungen getroffen.

Herr Prof. Simon, was verbinden Sie mit Luxemburg?

Prof. Hermann Simon Zunächst haben wir – also Simon-Kucher & Partners - dort ein Büro, das sich auf Life Science konzentriert. In Luxemburg arbeitet auch Prof. Rudi Balling, der aus einem Nachbardorf hier in der Eifel kommt und ein Weltklasseforscher ist. Darüber hinaus war ich auch schon Key Note Speaker auf dem Neujahrsempfang des Industrieverbandes FEDIL und verfolge die Entwicklung, denn es liegt ja nahe zu meiner alten Heimat.

Sie sind bekannt geworden mit dem Buch „Hidden Champions“, in dem es um mittelständische Weltmarktführer geht. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Prof. Simon Eigentlich war das Zufall. 1987 hatte ein Harvard-Professor mich gefragt, warum die Deutschen so stark im Export sind – Deutschland war im Vorjahr erstmals Exportweltmeister geworden. Ich habe die Frage genauer untersucht und bin immer mehr zur Einsicht gelangt, dass das an den Mittelständlern liegt. Mehrere Arbeiten meiner Diplomanden und Doktoranden – ich war damals Professor – haben diese Vermutung bestätigt. Auch in Luxemburg gibt es mit Ceratizit oder SES Astra solche Unternehmen. Der Erfolg des Buches beruht nicht zuletzt darauf, dass es zunächst auf Englisch bei Harvard erschien und dann übersetzt wurde – immerhin in 26 Sprachen. Allein in China wurden mehr als eine Million Exemplare verkauft, insgesamt rund 3,5 Millionen.

Dabei ist Ihre Spezialität eigentlich das Festlegen von Preisen. Was darf also eine Zeitung kosten?

Prof. Simon Wenn wir eine solche Frage angehen, untersuchen wir das sehr grundlegend. Entscheidend ist der Wert oder der Kundennutzen. Nicht umsonst war das Wort „pretium“ bei den Römern gleichbedeutend mit „Preis“ und „Wert“. Umformuliert bedeutet die Frage: Was ist der Wert einer Tageszeitung? Da sind wir sofort bei einem anderen Problem: Je nach Kunde kann dieser Wert ganz unterschiedlich sein. Für mich ist es sehr wichtig, eine Zeitung zum Frühstück zu haben. Daher bin ich nicht preissensibel, andere aber schon. Nicht der Preis ist letztlich entscheidend, sondern das Verhältnis von Preis und Nutzen. Da kann man lange drüber diskutieren.

Solche Fragen kennen Sie ja aus Aufsichtsräten…

Prof. Simon Ja, ich habe in sieben Aufsichtsräten gesessen, aber ich mache das nicht mehr, denn es macht keinen Spaß, nur Zahlen zu diskutieren und meine Zeit ist mir zu schade dafür. Daher lehne ich heute alle diesbezüglichen Anfragen ab.

Als Preisspezialist haben Sie sicher auch eine Meinung zum öffentlichen Nahverkehr, der in Luxemburg ab 2020 gratis sein wird.

Prof. Simon Diese Diskussion hatten wir vor zwei oder drei Jahren auch in Deutschland. Ich halte das aus mehreren Gründen für Blödsinn: Der Preis ist in der Regel nicht das, was die Leute von der Nutzung des Nahverkehrs abhält. Das hat eher mit Bequemlichkeit und oft auch mit der Frage der Kapazitäten zu tun. Mein Sekretär kommt täglich aus Köln nach Bonn und beschwert sich über schlechte Pünktlichkeit, Verschmutzung und Überfüllung der Züge. Vielleicht ist das in Luxemberg besser. Jedenfalls gilt das für Tokio, wo ich einige Zeit gelebt habe. Dort gibt es fast keinen Verkehr in der Stadt, dafür ein unschlagbares Metro-System. In deutschen Städten wäre eine Gratis-Lösung nicht finanzierbar und würde auch die Probleme nicht lösen. Die liegen ursächliche in der Trennung von Wohn- und Arbeitsort sowie der Einkaufsstätte. Das erzeugt den starken Nahverkehr.

Sie sitzen oft im Flugzeug. Wo waren Sie diesen Monat schon?

Prof. Simon In Yale und in Boston in den USA, in Frankfurt und davor in China. Solche Reisen kommen durch meine Vorträge zustande. 80 Prozent der Einladungen lehne ich aber ab. Die Themen der Vorträge ändern sich auch. Heute geht es sehr stark um Digitalisierung. Vor drei oder vier Jahren war das noch kein Thema; heute ist es ein Schwerpunkt. Vorträge zu Innovationen sind ebenfalls stärker gefragt. Womit wir wieder beim Thema Hidden Champions wären. Kennen Sie beispielsweise Igus? Das ist ein Kölner Unternehmen, das Kunststoffgleitlager und Energieführungsketten aus Vollkunststoff herstellt und in diesem Bereich Weltmarktführer ist. Oder TeamViewer aus Göppingen bei Stuttgart, die Fernsupport anbieten und deren Software auf 1,5 Milliarden Geräten weltweit installiert ist. Oder das Kölner Start-up Deep-L, das die besten maschinellen Übersetzungen weltweit anbietet. Von 7.300 Patenten für autonomes Fahren kommen 48,8 Prozent aus Deutschland.

Sie sind oft in China. Das wird in letzter Zeit als Handelspartner immer kritischer gesehen – zu Recht?

Prof. Simon Man muss zwei Dinge unterscheiden: Die Wirtschaft und die Politik. Zum zweiten Bereich sage ich nichts, weil man das nicht ändern kann. In Deutschland hat es in den vergangenen vier Jahren rund 200 Übernahmen durch chinesische Unternehmen gegeben. Das erzeugt Angst. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Man muss nämlich sehen, dass 8.500 deutsche Unternehmen in China aktiv sind und dort über 2.000 Fabriken betreiben. In Deutschland gibt es nur eine chinesische Fabrik, eine weitere ist im Bau. China hat Aufholbedarf bei der Internationalisierung, und die Chinesen machen das durch Übernahmen. Die gleiche Aufregung gab es bei vor 100 Jahren, als die Amerikaner Opel kauften, und später nochmals über Japan. Tatsache ist: Wir profitieren enorm von China. Denken Sie daran, dass VW Marktführer in China ist. Was gäbe das bei uns für einen Aufstand, wenn ein chinesisches Unternehmen Marktführer im Automarkt wäre?

Sie haben einen 7-jährigen Enkel. Was würden Sie ihm zur Berufswahl raten?

Prof. Simon Wenn Kinder auf ihre Eltern hören würden, würden sie alle Juristen oder Mediziner werden. Wir waren 22 Schüler in der Abiklasse und die meisten haben Jura, Mathe oder Medizin studiert. Einer ist zur BASF gegangen und hat eine IT-Ausbildung gemacht, weil es damals noch kein Informatik-Studium gab. Das haben damals viele nicht verstanden. Heute geht es um Themen wie Internet oder Start-ups. Ich denke, die jungen Leute sollen selbst herausfinden, was sie wollen. Hilfreich dabei können vier Fragen sein: Was macht mir Spaß? Kann ich das? Gibt es ein Bedürfnis am Markt? Ist die Kaufkraft dafür da?

Sie haben vergangenen Sommer Ihre Autobiografie „Zwei Welten, ein Leben: Vom Eifelkind zum Global Player“ veröffentlicht. Planen Sie noch mehr Bücher?

Prof. Simon Ja, an einem schreibe ich gerade konkret. Der Titel lautet: „Am Gewinnmachen ist noch keine Firma kaputt gegangen“. Dazu habe ich Leute auf der Straße in Bonn befragt: Was glauben Sie, wieviel Gewinn bleibt einem Unternehmen von 100 Euro Umsatz nach Steuern? Der Durchschnitt der Antworten lag bei 23 Euro. Aber die Realität in Deutschland liegt bei 3,25 Euro in den vergangenen 15 Jahren. Doch die Leute glauben, dass Unternehmen viel mehr verdienen.

In Ihrer Biografie sprechen Sie über Ihre Heimat, die Eifel. Dazu geben Sie eine besondere Serie heraus?

Prof. Simon Ja, die „Kinder der Eifel – erfolgreich in der Welt“! Es ist interessant, wie die Idee dazu entstanden ist. Ich habe immer wieder Menschen getroffen, die aus der Eifel stammen und es „draußen in der Welt“ weit gebracht haben. Erst wurde daraus in der hiesigen Lokalzeitung die Serie „Kinder der Eifel erfolgreich in der Welt“, dann ein Event, das alle zwei Jahre stattfindet. Daran nehmen Leute wie Schauspieler Mario Adorf teil, Vorstände von Bosch oder Mathematikprofessoren – alleine sechs kommen aus der Eifel – oder auch Prof. Rudi Balling. Die Eifel macht offenbar etwas Besonderes aus den Menschen. Wir haben hier aber auch eine ganz einzigartige Natur. In Hasborn, dem 600-Seelen-Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es beispielsweise einen Eichenhain, der noch auf den 30-jährigen Krieg zurück geht und somit fast 400 Jahre alt ist. Wir haben gerade ein Gutachten von einem Professor aus Hannover machen lassen und sind optimistisch, dass dieser Eichenhain als „nationales Naturdenkmal“ eingestuft wird. Für mich persönlich ist Hasborn mein „global village“, in das ich gern und regelmäßig zurückkehre. Mein Rekord Tokio-Hasborn liegt bei 12,5 Stunden. Ich hatte das Glück, mein ganzes Leben in Frieden zu verbringen und an einer ungeheuren Entwicklung teilzuhaben. Zwischen den Spannungspunkten des Dorfes und der modernen Welt, die ich „Globalia“ nenne, pulsiere ich schon lange – und bin trotzdem der Bauernjunge aus dem Eifeldorf geblieben.

Zwei Welten, ein Leben

Das Buch von Prof. Hermann Simon „Zwei Welten, ein Leben - vom Eifelkind zum Global Player“ ist nicht nur ein Buch über einen steilen Aufstieg, sondern auch eine Nachkriegsgeschichte mit vielen interessanten Beobachtungen. Simon muss als Kind vorm Pfarrer knien, auf dem Feld helfen und sieht Schweineschlachtungen zu. Vom Luftgeschwader geht es an die Uni und von dort in eine Welt, die sich stetig wandelt. Marken- und Markterfolge beschreibt er ebenso anschaulich wie bekannte Zeitgenossen und neue Wirtschaftsmächte. Dem Entdecker der „Hidden Champions“ ist ein leicht lesbares Buch mit Tiefgang gelungen, zugleich persönlich bereichernd und voller Allgemeinwissen.
Campus Verlag | 352 Seiten | 2018 | 32 Euro