CLAUDE KARGER

Es wird immer dreister: Nun meldete die belgische Presse, dass das Veviba-Schlachthaus in Bastogne, das im Zentrum eines Fleischskandals steht, sogar herkömmliches Fleisch als „Bio“ verkauft haben soll. Wahrscheinlich werden noch andere Ungeheuerlichkeiten aufgedeckt, zusätzlich zu denen, die bereits vorliegen: Krasser Etikettenschwindel, zwölf Jahre altes Fleisch, das noch auf den Markt kommt, Innereien in Hackfleisch, die zum menschlichen Verzehr nicht geeignet sind usw. usf.

Die Tage von Veviba und vielleicht sogar des Mutterhauses Verbist, an das nun Rückzahlungsforderungen in Millionenhöhe von Wallonien gehen und das konsequenten Strafen entgegen sieht, scheinen gezählt. Ob ein anderes Unternehmen oder eine landwirtschaftliche Kooperative das Schlachthaus in Bastogne übernimmt, in dem im vergangenen Jahr auch 1.400 Rinder aus Luxemburg geschlachtet wurden, steht in den Sternen. Wie immer bei Lebensmittelskandalen trifft der Vertrauensverlust der Verbraucher auch eine Menge anderer Akteure in der Kette: Fleischerzeuger und -vertreiber und auch verarbeitende Betriebe, die sich strikt an die Regeln halten.

Und wie immer nach solchen unappetitlichen Vorfällen, deren es in den vergangenen Jahren viel zu viele gab - Dioxin-Hühnchen, die Pferdelasagne-Affäre vor fünf Jahren, der Fipronil-Eier-Skandal im vergangenen Sommer... -, wird nach mehr Kontrollen gerufen, mit dem Finger auf die Lebensmittelbehörden gezeigt, die diesen Machenschaften zu spät ein Ende bereitet hätten. Behörden, die personell viel zu schwach aufgestellt sind, um der ganzen kriminellen Energie Paroli zu bieten, die Manche aus Profitmaximierungsgründen offensichtlich aufbieten und ohne Skrupel mit der Gesundheit der Bürger spielen. Aber mal ehrlich, sind wir nicht selbst ein Stück weit mit Schuld an solchen Entgleisungen? Immer mehr, immer billiger konsumieren und dazu noch bequem, wo wir es gerade möchten. Darauf werden die Konsumenten nicht zuletzt von Großkonzernen per Werbung getrimmt. Und das seit Jahrzehnten. Unter anderem riesige Verschwendung ist die Folge und ein Preiskampf nach unten, die schon vielen Produzenten und Verarbeitern das Genick brach.

Die Nachfrage nach „Bio“, nach einer kurzen Lebensmittelkette, die Besinnung auf regionale Produkte, die für Qualität und Vertrauen stehen sind relativ neu, aber nach unserem Ermessen mittlerweile in den Gemütern verankert. Bei Konsumenten genauso wie im Vertrieb. Die Umstellung läuft also. Es dürfte allerdings noch dauern, bis der Qualitäts- und Wertreflex das Preisargument - das sicher eins ist für viele Familien mit wenigen Mitteln, das wollen wir hier gar nicht in Abrede stellen - schlägt. Wir sollten unseren Lebensstil auf jeden Fall öfter mal hinterfragen. Das haben wir diese Woche gleich mehrmals getan, angesichts der Veviba-Affäre, aber auch einer anderen Meldung: „Es muss von einer zivilisatorischen Grundlast von Mikroplastik in den Gewässern ausgegangen werden“, heißt es in einer großangelegten deutschen Studie. Während in den Meeren ganze Plastikkontinente schwimmen, sind also auch Flüsse und womöglich auch Grundwasser arg damit belastet. Natürlich schlägt das zurück, im Endeffekt auf den Menschen. Die Spezies, die zweifelsohne Weltmeister und möglicherweise Meister des Universums im Eigentorschießen ist.