Philippe Varin hat vor mehr als zehn Jahren den Stahlkonzern Corus Group Ltd. vor dem Bankrott gerettet. Für seine Verdienste wurde er dafür zum Mitglied des Order of the British Empire ernannt. Für seinen derzeitigen Job beim Autokonzern PSA Peugeot Citroen ist eine vergleichbare Ehrung durch den französischen Staat weniger wahrscheinlich.
Varin, 60, hat in dieser Woche seine zweite vierjährige Amtszeit an der Spitze des derzeit defizitären Traditionskonzerns begonnen. Oberstes Ziel ist das Überleben von Peugeot Citroen, und dafür muss Varin den Ausgleich schaffen zwischen zwei gewichtigen Interessengruppen: Der Eigentümerfamilie Peugeot, die teilweise mit Entscheidungen des Unternehmenschefs unzufrieden ist, und der vornehmlich an der Arbeitsplatzerhaltung interessierten französischen Regierung.
Schwierige Geschäftslage
„Die wenig konsistente Führung bei Peugeot ist weniger auf die Persönlichkeit von Varin zurückzuführen, sondern eher darauf, dass er nicht in der Lage ist, seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen“, stellt Bernard Jullien vom französischen Autoindustrie-Forschungsinstitut Gerpisa fest.
Peugeot hat unter der Krise der europäischen Autoindustrie im Gefolge der Finanzkrise wesentlich stärker gelitten als die meisten anderen Hersteller. Im Gegensatz zu deutschen Herstellern lassen sich für diese Fahrzeuge gerade auf Auslandsmärkten viel weniger höhere Preise durchsetzen.
Noch schwerer wiegt die unterdurchschnittliche Profitabilität. Der Konzern mit seiner 116-jährigen Tradition hat im letzten Jahr rund 510 Euro pro abgesetztem Fahrzeug verloren. Konkurrent Renault SA verlor 241 Euro, während der Volkswagen-Konzern 751 Euro verdiente.
Peugeot verbrennt auf diese Weise weiterhin Liquidität und hat bereits 2012 3 Mrd. Euro verbraucht. Jetzt steht nach Informationen von drei mit den Vorgängen vertrauten Personen als Option eine Kapitalerhöhung auf der Agenda. Doch dabei gebe es im Vorstand Sorgen über die Aufnahmefähigkeit des Marktes für neue Aktien, hieß es von den Personen.
Unter dem Druck von Regierung und EU
Überdies untersucht die EU, ob die gewährten Staatshilfen gegen Wettbewerbsregeln verstoßen. Im Februar hatte Brüssel dem Autokonzern vorläufig grünes Licht für Anleihen im Umfang von 1,2 Mrd. Euro mit einer Staatsgarantie gegeben, die im März ausgegeben wurden.
Eine schnelle Wende in die Gewinnzone erscheint im sechsten Jahr in Folge mit sinkenden Absatzzahlen in Europa unwahrscheinlich. Stärkstes Pfund für die Bilanz und als Verkaufsoption interessant erscheint die 57-prozentige Beteiligung an Faurecia SA, deren Aktien seit Jahresbeginn 49% zugelegt haben. Damit kommt der Autozulieferer auf eine Marktkapitalisierung von 1,93 Mrd. Euro.Varin hat es überdies mit einem steigenden Staatseinfluss im Konzern zu tun. So wurden Staatsgarantien im Umfang von 7 Mrd. Euro für Anleihen des konzerneigenen Autofinanzierers gegeben.
Ursprünglich stemmte sich der französische Staat gegen Varins Pläne zur Streichung von 11.200 Arbeitsplätzen bis zum Jahre 2015 und zur Schließung eines Werks nahe Paris. Als Peugeot im Juli letzten Jahres einen Restrukturierungsplan vorlegte, rund zwei Monate nach der Regierungsübernahme durch François Hollande, bezichtigte der neue Industrieminister Arnaud Montebourg Varin sogar der Lüge.
Industrieminister Montebourg entschuldigte sich nur sechs Monate später öffentlich im französischen Fernsehen bei Varin. Selbst von Gewerkschaftsseite kommt mittlerweile Unterstützung. „Varin kam mitten im Sturm“, sagt einer der beiden neuen Aufsichtsratsmitglieder, Jean-François Kondratiuk, „es wäre gefährlich, jetzt den Chef auszutauschen“.Bloomberg


