PATRICK WELTER

Die Sache mit den - demokratischen - Überfliegern ist heikel. Meist bremst sie der anonyme Apparat, egal ob Partei oder Verwaltung, sowieso früh aus. Chancen haben Senkrechtstarter eigentlich nur ein einem System wie den USA, wo die Partei wenig zählt.

Jimmy Carter, ein Präsident aus dem nirgendwo, wurde triumphal gewählt und war bald wieder weg. Ronald Reagan versprach ökonomische Wunder, rüstete die Sowjetunion zu Tode und galt bald als Säulenheiliger, hinterließ aber das größte Haushaltsdefizits, dass die USA je gesehen haben. 20 Jahre später wurde Obama mit einem gottgleichen Heiligenschein ins Weiße Haus gewählt, mit Erwartungen die er unmöglich erfüllen konnte, aber einer dennoch positiven Bilanz - aus aufgeklärt-liberaler Sicht. Die Wahl nach ihm gewann ein Typ, der nicht für, sondern gegen alles war, vor allem gegen „das System, den Sumpf“, repräsentiert durch Hillary C.

Nach dem Ausflug in Gottes eigenes Land kommen wir wieder nach Europa zurück. Hier sind Überflieger grundsätzlich schlecht gelitten, besonders in der Politik. Im durchaus demokratischen System Europas hat sich nach und nach eine politische Klasse entwickelt, die sich am besten mit „normiert“ beschreiben lässt. Sie beugen sich stets der „normativen Kraft des Faktischen“ oder verschanzen sich hinter dem Wort „alternativlos“ und wenn sie Visionen haben, wollen sie zum Arzt gehen. Sie schmeißen den politischen Routinebetrieb mit Sachverstand, haben aber Angst vor allem was den Wähler - ein böses hinterhältiges Wesen - erschrecken könnte und wundern sich, dass sie dieses komische Volk da draußen nicht erreichen. Was hat das Volk bisher getan? Genervt von der „Norm“ hat es sich den Herrschaften an den linken und rechten Rändern zugewandt, den falschen Propheten mit den einfachen Antworten. „Eat the rich!“ und „Ausländer raus“ sind überall dumm und blöd.

Da taucht vor etwas mehr als einem Jahr ein Mann in Frankreich auf, der alles anders machen will - obwohl er zum Establishment gehört, schon Minister war und aus einer Kaderschmiede kommt. Belächelt von den Profis „Eine Bewegung, was ist das schon?“ Es würde sein wie immer: Nachdem ein Linker einen schwachen rechten Präsidenten abgesägt hatte, würde jetzt ein Konservativer den ebenso schwachen Linken beerben. Die letzten Monate haben aber bewiesen, dass Frankreich vom „wie immer“ die Schnauze gestrichen voll hat. So sehr, dass dieser gefühlte Außenseiter nicht nur die Präsidentschaftswahl gewann, sondern jetzt mit seiner Popup-Partei auch noch die Parlamentswahlen.

Das Geschrei über die geringe Wahlbeteiligung sollten sich die Politauguren sparen. Wer vor Wochen noch die braune Marine gewählt hat, ist jetzt zuhause geblieben und einstmals rechte oder linke Parteisoldaten wollten ihren Weggefährten nicht in den Rücken fallen, sie aber auch nicht wählen und haben den Angelausflug einer Stimmabgabe vorgezogen.

Es ist schade, das Macron so eine solitäre Figur ist und es im Rest Europas keinen anderen Macher gibt, der die Verhältnisse aus der Mitte der politischen Gesellschaft heraus aufbricht. Die rote Sternschnuppe Schulz ist schon lange verraucht und der alerte Herr Kurz ist zu gut gescheitelt, um echte Menschen erreichen zu können.