LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Vereinigung der Hebammen feiert 100. Jubiläum - Premier Bettel und Familienministerin Cahen zu Gast

Premier Xavier Bettel hatte ein besonderes „Geschenk“ im Gepäck, als er gestern zur 100 Jahr-Feier der „Association Luxembourgeoise des Sages Femmes“ ins Auditorium der Banque de Luxembourg kam, wohin sich auch Familien- und Integrationsministerin Corinne Cahen begeben hatte. Auspacken tat er es allerdings erst ganz am Ende seiner Rede: Am Morgen erst hatte Gesundheitsminister Etienne Schneider (LSAP) die neue großherzogliche Bestimmung über die Reform der Berufsregelung der Hebammen unterzeichnet. „L’exercice des attributions de sage-femme repose sur un ensemble unique de connaissances, de compétences et d’attitudes professionnelles issues de disciplines partagées par d’autres professions de la santé telles que la science et la sociologie. Cet exercice nécessite autonomie, partenariat, éthique et

responsabilité“, heißt es in der Präambel der langersehnten Reform, die den Hebammen eben mehr Autonomie zuerkennt und so Mütter und Familien sie leichter und unkomplizierter in Anspruch nehemn können.

Bislang arbeiteten sie auf der Grundlage einer Bestimmung von 1981. Seither hat sich freilich vieles verändert. In der Medizin, in der Gesellschaft, aber auch in Sachen Ausbildung und Anerkennung der Diplome. Nadine Barthel, die Präsidentin der ALSF, hatte zu Beginn der Veranstaltung, die vor ausgebuchtem Saal stattfand - gestern Abend bot die ALSF zudem einen Cocktail an und heute ein Atelier mit der kanadischen Expertin Isabelle Brabant - versucht, den Alltag einer Hebamme zu beschreiben, der sich zwischen Terminen, Hilferufen und Notfällen bewegt, aber auch eine Achterbahn der Gefühle ist, auf der es freudige Momente, aber auch traurige Episoden gibt.

„Es gibt so viel rund um die Geburt“, meinte der Premier, der gekommen war, den Hebammen seinen Respekt zu zollen für ihren Einsatz. Ihr Beruf sei ein „außergewöhnlicher“. •

Immaterielles Kulturerbe

Hebammenkunst in UNESCO-Liste aufgenommen

Seit 2003 gibt es die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes. Seit vergangenem Juli steht auch die Hebammenkunst drauf. Darstellung davon gibt es bereits seit Jahrtausenden. Eines der ältesten Zeugnisse der Hebammenkunst ist eine Tempelmalerei aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., das die Drillingsgeburt der Pharaonenkinder des ägyptischen Sonnengottes Re zeigt.
Wie sich in Luxemburg das Statut der Hebammen und die Hebammenkunst veränderte, erzählte bei der 100. Jahr-Feier der ALSF Manon Pinatel, die an der Uni Luxemburg über die Ausbildung der Hebammen in Luxemburg im 19. Jahrhundert promoviert hat. Interessant, dass sie zu den ersten Frauen gehörten, die eine Waschmaschine, ein Telefon und einen Führerschein hatten - um ihre Berufskleidung und ihre Tücher sauber zu halten, um Kontakt zu Ärzten und Familien zu halten und um schnell vor Ort sein zu können.LJ

Die „weisen Frauen“ im Hintergrund

ALSF-Präsidentin Nadine Barthel über Lage und Zukunft der Hebammen in Luxemburg

LUXEMBURG „Keng Gebuert ouni Hiewan“ heißt es auf der Webseite der „Association Luxembourgeoise des Sages-Femmes“. Die Forderung ist Programm: Die Vereinigung kämpft für die stärkere Anerkennung eines Berufs, dessen Wurzeln sich im Dunkel der Zeiten verlieren. Die „weisen Frauen“ waren immer schon bei Geburten dabei, ihr Beruf nimmt aber an Vielfalt und an Herausforderungen zu. Im Vorfeld des 100. Jubiläums der Hebammenvereinigung sprachen wir darüber mit Präsidentin Nadine Barthel.

Frau Barthel, wie viele Hebammen gibt es eigentlich in Luxemburg?

Nadine Barthel Derzeit sind es 234, davon sind etwa 120 Mitglied der ALSF. Der Beruf ist zu 100 Prozent weiblich, wobei nur 10 Prozent der Hebammen ihn als liberalen Beruf ausüben. Bei 7.082 Geburten im vergangenen Jahr kam also eine Hebamme auf 29 Geburten.

Gibt es eigentlich noch Hausgeburten?

Barthel Ja, aber 2018 wurden nur sieben gezählt. Das hängt damit zusammen dass Hausgeburten keinen Tarif in der Nomenklatur haben, die Frauen fast ausschließlich vom Frauenarzt in der Schwangerschaft betreut werden und weil es nur eine einzige liberale Hebamme gibt, die Geburten betreut.

Können Sie kurz die Zuständigkeitsbereich der Hebammen umreißen?

Barthel Hebammen kommen nicht nur unmittelbar bei der Geburt zum Einsatz. Sondern wir stehen der werdenden Mutter und ihrer Familie bereits während der Schwangerschaft mit Rat und Tat zur Seite. Diese Vorbereitungsarbeit ist ausgesprochen wichtig, auch für die Psyche. Die Hebamme ist während der Wehen und bei der Geburt dabei, damit diese so sicher wie möglich für Mutter und Kind verläuft. Sie betreut die beiden und manchmal auch die anderen Familienmitglieder auch nach der Geburt, nicht zuletzt mit Ratschlägen zu Ernährung und Hygiene bei Neugeborenen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass eine kontinuierliche Betreuung während der Schwangerschaft, bei der Geburt und in der Wochenbettzeit durch eine Hebamme das Risiko für Komplikationen jeglicher Art mindert.

Sie muss also über ein breites Spektrum an Kompetenzen verfügen. Wo lernt man die?

Barthel In Luxemburg gibt es am „Lycée Technique pour Professions de Santé“ einen BTS-Studiengang über drei Jahre dafür. Er besteht aus zwei Dritteln Theorie und einem Drittel Praxis. Während rund 18 bis 20 Schülerinnen im Jahr den BTS belegen, machen aber nur vier bis fünf jährlich ihren Abschluss. Das ist angesichts der Nachfrage viel zu wenig. Schon jetzt machen Hebammen vornehmlich aus Belgien und Frankreich über 60 Prozent des Gesamtanteils im Beruf aus. Wir setzen uns aber auf jeden Fall dafür ein, dass der Beruf auch für Luxemburger attraktiver wird.

Was wünschen Sie sich da genau?

Barthel Dass Luxemburg mit anderen Ländern aufschließt bei der Hebammenausbildung. Im Ausland muss man schon ein Bachelor oder sogar ein Master vorweisen können, um in den Beruf aufzusteigen. Hochschuldiplome eröffnen einfach ganz andere Berufsperspektiven und sind natürlich eine wichtige Anerkennung für die Professionalität der Diplomanden, die dadurch auch mehr Entscheidungsgewalt bekommen. Ganz konkret wünschen wir uns, dass es auch in Luxemburg zumindest ein Bachelor für Hebammen gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass das im Zusammenhang mit der geplanten „Medical School“ an der Uni auch irgendwann kommt.

Wie viel Entscheidungsgewalt haben Hebammen denn heute?

Barthel Sie ist ziemlich beschränkt, denn bei Schwangerschaften und Geburten haben die Frauenärzte im Endeffekt die alleinige Entscheidungsgewalt. Eine Hebamme kann nicht einmal eine Blutanalyse oder einen Rückbildungskurs nach der Schwangerschaft verschreiben. Wir finden das nicht nur verwaltungstechnisch kompliziert und anstrengend für die Mütter, die Kinder und uns, sondern irgendwie auch einen Beweis dafür, dass unserem Berufsstand zu wenig Vertrauen geschenkt wird. Das wollen wir ändern und wir hoffen, dass die Gesellschaft insgesamt uns auch dabei hilft, indem sie erkennt, wie wichtig Hebammen für die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden sind.

Haben Sie denn eine Kampagne in diesem Sinne geplant?

Barthel Wir wären natürlich froh, wenn die Vereinigung die Mittel dafür hätte. Aber unser Berufsstand macht nun mal nur 1,55 Prozent der gesamten Gesundheitsberufe aus und wird oft vergessen. Außerdem wird die Vereinigung ausschließlich ehrenamtlich betrieben und die Mittel sind knapp. Aber wir setzen alles daran, unseren Beruf bekannter zu machen. Unsere Jubiläumsfeier ist Teil dieser Bemühungen und wir freuen uns sehr, dass das Event bereits vor drei Wochen ausgebucht war und uns der Premierminister die Ehre erwies, dabei zu sein. CLAUDE KARGER

Wanderausstellung eingeweiht

„D’Hiewanskonscht“ in Fotos gebannt

Sie geht bald auf Reisen: Die Wanderausstellung „D’Hiewanskonscht“, die am Rande der Konferenz eingeweiht wurde. Verwirklicht haben sie die beiden Fotografen Jessica Theis und Raymond Clement. Sie soll in verschiedenen Kliniken, Schulen und an öffentlichen Plätzen in Luxemburg
gezeigt werden.  LJ