LUXEMBURG
GUSTY GRAAS

Vor 200 Jahren wurde Prinz Heinrich der Niederlande geboren

Noch heute ist seine Popularität in Luxemburg unbestritten: „Prënz Hary“, im Gegensatz zu seinem Bruder König Wilhelm der Niederlande, genoss in Luxemburg hohes Ansehen. Geboren am 13. Juni 1820 auf Schloss Soestdijk, lebte er abwechselnd mit seinen Eltern Kronprinz Wilhelm Georg Friedrich, dem späteren König-Großherzog Wilhelm II., und der russischen Großfürstin Anna Paulowna in Soestdijk und Brüssel. Ein Rückblick auf sein Wirken in Luxemburg erlaubt zudem, die wesentlichsten Entwicklungen der nationalen Politik in diesem Zeitraum zu beleuchten.

Bereits im Kindesalter entdeckte der kleine Heinrich sein Interesse für die Marine. Mit 10 Jahren wurde er von seinem königlichen Großvater zum See-Fähnrich erster Klasse ernannt und der Jüngling stach alsdann zu mehreren Fahrten in See. In der Funktion als Seeleutnant zweiter Klasse – Heinrich war gerade 16 Jahre alt - führte ihn unter anderem eine Reise nach Ostindien. Am 12. Juni 1839 zum Kapitän-Leutnant erster Klasse befördert, stieg er schließlich am 7. Januar 1879 in der Hierarchie zum Groß-Admiral auf.

Zurück zum autokratischen Regime

Seit Oktober 1840 amtierte Wilhelm II., König der Niederlande und Herzog von Limburg, ebenfalls als Großherzog von Luxemburg. Nach seinem Tod am 17. März 1849 verschlechterten sich die Verbindungen zwischen der Luxemburger Regierung und der Krone, wollte sein Nachfolger Wilhelm III. doch das autoritäre Regime von vor 1848 wiederherstellen. Als Vorwand galt die gewünschte Restauration der Monarchien in sämtlichen Mitgliedstaaten des deutschen Bundes, dem auch Luxemburg angehörte. Der König sah allerdings in der Regierung Jean-Jacques Willmar keinen Verbündeten für das Erreichen seiner Ziele. Dementsprechend war die Zusammenarbeit mit Wilmar mehr als gefährdet.

Am 5. Februar 1850 ernannte er seinen Bruder Prinz Heinrich zum Statthalter in unserem Land. Heinrich, der Staatsminister Wilmar aber gut gesinnt war, verriet bei einer Unterredung auf Schloss Walferdingen Minister Edouard Thilges, dass erst auf Druck des Königs das Kabinett Willmar-Metz demissionierte. Immerhin wartete der Statthalter drei Wochen, bevor er dem neuen Kabinett Simons Charles-Mathias seine Zustimmung gab.

Im Oktober 1856 legte die Regierung Simons einen Entwurf der Verfassungsrevision vor. Allerdings lehnte die Abgeordnetenkammer eine diesbezügliche Debatte ab und sprach der Regierung ihr Misstrauen aus. Der König verordnete daraufhin das Ende der parlamentarischen Session und setzte die angepasste Verfassung in Kraft. Dieses autoritäre Vorgehen von Wilhelm III. kam einem echten Staatsstreich gleich, wollte er doch nur seinen eigenen Machtbereich festigen. Die Abgeordnetenkammer wurde auf eine Ständeversammlung zurückgestuft. Erste Ansätze zu einem Rechtsstaat mit demokratisch gewählten Institutionen wurden urplötzlich zunichtegemacht. Unser Land befand sich erneut im Zustand einer absoluten Monarchie. Die Zugehörigkeit zum deutschen Bund kam in der Verfassung von 1856 noch deutlicher zum Ausdruck, in dem Maße, dass die in Deutschland geltenden restriktiven Gesetze über die Presse und die Gesellschaften auch im Großherzogtum anwendbar waren.

Die Wahlen von 1857 gaben der Opposition allerdings neuen Auftrieb. Mathias Simons reichte daraufhin am 26. September 1860 seine Demission ein und Baron Victor de Tornaco wurde mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Wenngleich der neue Staatsminister sich bemühte, die Wogen zu glätten, so sollte die politische Atmosphäre im Land doch weiterhin vergiftet bleiben. Treffend schrieb der spätere Staatsminister Emmanuel Servais in seiner Autobiografie „Ce n’étaient pas des questions politiques, mais des animosités personnelles qui excitaient des passions...les discussions à la Chambre étaient irritantes... la polémique des journaux était d’une insolence excessive“. Erst die Verfassung von 1868 stellte wieder ein Gleichgewicht zwischen der Regierung und dem Parlament her.

Verkauf von Luxemburg verhindert

Durch seinen uneigennützigen Einsatz erwarb der Prinz, der 1853 Amalia Maria Augusta Da Gloria von Saxen-Weimar-Eisenach ehelichte, in seiner Heimat große Sympathien. Doch auch im Großherzogtum Luxemburg genoss der niederländische Prinz ein hohes Ansehen. Sein besonderes Interesse galt der Landwirtschaft und der Eisenbahn. Fernerhin wurde ihm diplomatisches Geschick nachgesagt, das besonders während der schweren Krise im Jahre 1867 benötigt wurde. Bedingt durch den Krieg zwischen Preußen und Österreich war es zu einer Auflösung des deutschen Bundes gekommen. Wegen seiner Neutralität in diesem Krieg forderte Napoleon III. den Kauf Luxemburgs für 5 Millionen Goldfranken. Wilhelm III. gab seine Zustimmung, doch Bismarck sprach sich glücklicherweise dagegen aus, ansonsten das Großherzogtum Luxemburg heute Geschichte wäre! Unser Land schloss sich nicht dem neuen norddeutschen Bund an. Damit Napoeon III. sein Gesicht bewahren konnte, hielt der Kongress von London 1867 fest, dass eine preußische Garnison in Luxemburg blieb und die Festung geschleift wurde. Der Kongress zementierte definitiv unsere Unabhängigkeit und führte zur Demission von Staatsminister Tornaco, der mit seiner geplanten militärischen Reorganisation keinen Sukkurs in der Abgeordnetenkammer fand.

1851 debattierte die Abgeordnetenkammer über die Opportunität, nationales Geld herzustellen. Welches ist die angepasste Währung für ein kleines Land, so eine der zentralen Fragen? Schließlich ermächtigte ein Gesetz vom 9. Januar 1852 den Luxemburger Staat, Kupfermünzen in Umlauf zu bringen. Zwei Jahre später konnten die Einwohner unseres Landes dann erstmals Waren mit Luxemburger Geld bezahlen. Im Zuge der Modernisierung des Landes benötigte der Staat ein neues Kreditsystem. Die Verhandlungen mit deutschen Geldgebern führten 1856 zur Gründung der BIL (Banque internationale à Luxembourg). Im selben Jahr schlug die Geburtsstunde der Sparkasse.

Prinz Heinrich, der nach dem Tode von Amalia im Jahre 1872 am 24. August 1878 seine zweite Frau Prinzessin Maria heiratete, amtierte immerhin während 28 Jahren als Statthalter in unserem Land. In dieser Zeitspanne wurden viele zukunftsorientierte Entscheidungen getroffen, die Luxemburg auf die Schiene eines modernen Staates brachten. Apropos Schienen: viele neue Bahnlinien setzten in seiner Regentschaft Maßstäbe in der Transportinfrastruktur. 1859 konnten die ersten Strecken nach Arlon beziehungsweise Diedenhofen in Betrieb genommen werden. Ab 1861 rollte der Zug nach Wasserbillig und Trier, nur ein Jahr später war die Nordstrecke nach Ettelbrück fertiggestellt. 1872 wurde die Linie Athus-Lamadelaine eingeweiht. 1873 folgte die Sauerlinie und 1878 kam es zum Fortbau der Attertlinie. Heute dienen manche alten Trassen nur noch als Fahrradwege. 1877 wurde die „Société anonyme luxembourgeoise des chemins de fer et minières du Prince Henri“ gegründet. Es war auch die Epoche der heute von verschiedenen Seiten verschmähten Freihandelsabkommen. Preußen unterschrieb solche Abkommen mit Frankreich (1862) und Belgien (1863). Als Mitglied des Zollvereins konnte Luxemburg hiervon profitieren.

Unter den vielen Bauten und Infrastrukturen, die in dieser Zeit realisiert wurden, seien der Ausbau des Walferdinger Schlosses, ein neues Postgebäude am Bahnhof, das Gefängnis im Grund sowie die Normalschule der Lehrerinnen erwähnt.

Huldigungen für den Prinz

Heinrich, der zusammen mit seiner zweiten Frau Maria die neuen Gemächer von Schloss Walferdingen während mehrerer Monate im Jahr bewohnte, entwickelte ebenfalls ein hohes Empfinden für Kunst, Naturwissenschaften und Musik. So war er etwa Ehrenvorsitzender des Luxemburger Musikvereins, dem 60 Musik- und Gesangvereine angeschlossen waren. Das Prinzenpaar zeichnete sich zudem durch sein Engagement in der Gemeinde Walferdingen aus. Vor allem die alljährlichen Weihnachtsfeiern mit den Schülern erfreuten sich großer Beliebtheit.

Vom 5. bis 7. Oktober 1875 fanden Feierlichkeiten aus Anlass des 25-jährigen Thronjubiläums des Fürsten statt. Mithin nahm Prinz Heinrich, zu dessen vielen Besitztümern die Burgen Berg, Fels, Vianden sowie Schloss Fischbach zählten, auch an einer Sitzung der Abgeordnetenkammer sowie an einer landwirtschaftlichen Ausstellung teil. Die folgenden Auszüge von eigens zu seiner Feier verfassten Gedichten spiegeln wohl am besten wider, wie rege der Fürst vom Volk verehrt wurde: „So rausche denn empor in mächtig’n Wellen, Prinz Heinrich, Dir des Volkes Hochgesang! – Die Jubelhymne steigt - die Herzen schwellen -, Zum Himmel schwebt des Dankes Feierklang... Wir jauchzen heute dankend Deine Thaten“ oder „Lorsque la vague gronde, Henri marin sans peur, sait braver la fureur ...“ Unser Nationaldichter Michel Lentz griff ebenfalls zur Feder: „Him onsen Dank aus èngem Monn, Zum Himmel hèch fun Ost no Wèst, En Dank so feiereg wé d’Sonn, Dém Papp vum Volk so eisefèst, Hie bleif nach lang mat Scheld a Schwiért...“ Der Ton solcher Huldigungen wäre in unseren Tagen sicherlich unpassend! Er erinnert eher an diktatorische Regime, in welchen die Machthaber sich wie Halbgötter vom Volk bejubeln lassen.

Leider erkrankte der Prinz Anfang des Jahres 1879 und sollte am 13. Januar an einem Hirnschlag sterben. Am 25. Januar fand ein feierlicher Leichenzug von Schloss Walferdingen bis zur Trauerkapelle im Hauptbahnhof statt. Der Sarg wurde zwei Tage später nach Delft in Holland überführt und in der Oranier-Gruft beigesetzt.

Zwar sorgte die fast 29-jährige Präsenz von Statthalter Prinz Heinrich in unserem Land für ein besseres Verhältnis mit der holländischen Krone, doch war die Spannung zu der Oranien-Nassau Dynastie allenthalben spürbar. Besonders das autokratische Vorgehen von König Wilhelm III. engte den Drang des Großherzogtums nach Autonomie ein. Wohl oder übel musste sein Bruder Heinrich aber die Befehle von Wilhelm ausführen. Seiner Popularität in unserem Land tat das aber keinen Abbruch. Immerhin sind noch heute zwölf Straßen nach ihm benannt und in Walferdingen trägt das Kulturzentrum seinen Namen.


Bibliografie: Arendt K., Heinrich, Prinz der Niederlande, Druck und Verlag der Hofdruckerei V. Bück,

Luxemburg, 1870; Thewes Guy, Les gouvernements du Grand-Duché de Luxembourg

depuis 1848, SIP, février 2003