LUXEMBURG
LJ MIT DPA

Das legendäre Jahr 1968 ist Zeit des Umbruchs und Höhepunkt der Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen

Schülerprotest statt brennender Barrikaden - In Luxemburg verlief das Jahr 1968 eher ruhig

Der Mai 1968 zeichnete sich in Luxemburg hauptsächlich durch eine Regierungskrise und einen Schülerstreik aus. So hatte der Fraktionschef der Arbeiterpartei, Robert Krieps, auf einem Landeskongress das staatsmännische Format von Premier Pierre Werner in Frage gestellt und diesen für die politischen Fehlleistungen dieses Jahrzehnts verantwortlich gemacht, was bei der CSV für großen Ärger sorgte, auch wenn der Parteivorsitzende der Sozialistischen Arbeiterpartei, Henry Cravatte, die Verteidigung des Premiers übernahm. Das „Journal“ titelte in seiner Ausgabe vom 17. Mai 1968 dann auch Seite 1 mit „Krise in der Koalition“.

Nur fünf Tage später sollte es dann zu einem - im Gegensatz zu den zum Teil blutigen Studentenprotesten in Frankreich und Deutschland - ruhig verlaufenden Protest der Sekundarschüler und verschiedener studentischer Organisationen kommen, die eine Reform des höheren Unterrichts einforderten. Über 2.000 Schüler und Studenten hatten sich seinerzeit vor dem Parlamentsgebäude eingefunden, um einen unbefristeten Schülerstreik anzudrohen.

Barrikaden gebrannt haben in Luxemburg also nicht; Auswirkungen hatte das Jahr 1968 aber selbstverständlich auch hierzulande, veränderte sich die Gesellschaft in den Nachfolgejahren doch auch im Großherzogtum.

„Et koum net zu där revolutionärer Ëmwälzung, déi sech munchereen erhofft hat“, meint Änder Hoffmann Foto: Editpress - Lëtzebuerger Journal
„Et koum net zu där revolutionärer Ëmwälzung, déi sech munchereen erhofft hat“, meint Änder Hoffmann Foto: Editpress

Wat den Änder Hoffmann haut nach mat 1968 verbënnt 

 

Et gi sou muncher, déi d’Ereegnisser vum Joer 1968 zu Lëtzebuerg materlieft hunn, mee et ginn der nëmme wéineg, déi 50 Joer dono och bereet sinn, sech zu dëser Zäit ze äusseren. De laangjäregen „déi Lénk“-Deputéierten Änder Hoffmann ass ee vun hinnen. Bereetwëlleg huet hien op eis dräi Froe geäntwert.

Wéi hutt Dir perséinlech 1968 erlieft?

Änder Hoffmann Mäi politeschen Engagement as Mëtt der 60er Joren ugaang, an der lénker Studentebewegung Assoss. Mir waren ugestach vun den Opbrochbeweegungen an eisen Nopeschlänner, entsat iwwert dee schreckleche Krich am Vietnam, sauer, datt zu Prag d’Perspektiv vun engem demokratesche Sozialismus eng an d’Genéck krut. An zu Lëtzebuerg gouf et genuch Grënn fir Kritik bis Rebellioun: dee konservative Geescht, déi autoritär Strukturen, déi dominant Roll vun der kathoulescher Kierch, déi ënnergeuerdent Roll vun der Fra an esou weider. Ech hunn d’Begeeschterung vum Engagement erlieft, mee och misse gesinn, wéi op der Lénker kleng Kapellen, déi all vun hirer Wourecht iwwerzeegt waren, sech géigesäiteg bekämpft an de Mouvement gebremst hunn.

Huet 1968 och zu Lëtzebuerg eppes verännert?

Hoffmann Et gouf zwar eng fundamental Kritik un de gesellschaftleche Strukturen, och um Kapitalismus, et koum awer net zu där revolutionärer Ëmwälzung, déi sech munchereen erhofft hat. Ma hannert de siichtbaren Evenementer vun 1968, vun 1971 (Schülerstreik) stoung eng jorelaang gesellschaftlech Entwécklung, déi nach bis op d’mannst wäit an d‘70er Joren nogewierkt huet. D’Gesellschaft gouf méi liberal (am gudde Sënn vum Wuert), déi Jonk an d’Frae krute méi Rechter, d’kathoulesch Kierch ass e bëssen an hir Grenzen verwise ginn. Déi grouss gewerkschaftlech Beweegung vun 1973, d’Reforme vun der LSAP-DP-Regierung 1974-79 gehéiere sécher och zu den Nowierkungen. Déi sougenannte Stolkris an de 70er Joren huet awer d’Kaarten nei gemëscht.

Wat bedeit 1968 haut nach fir Iech?

Hoffmann Et ware fir mech entschedend politesch „Léierjoren“, e politesche „Bildungsprozess“, theoretesch a praktesch, an den Ufank vun engem politesche Liewenslaf, deen net esou geplangt war. Ech mengen, ech hätt och lues a lues geléiert, datt et tëschent dem Status quo an der radikaler Ëmwälzung vill Raum gëtt fir Ausenanersetzungen, fir Konzessiounen ze erstreiden, an datt d’Demokratie net esou séier vum Majoritéitsprinzip lieft, ma vun den oppenen, kontroversen Diskussiounen. 1968 ass fir mech och de Beweis, datt, och wann déi ursprénglech Ziler vun enger Beweegung net all erreecht ginn, si dach e gréisseren Afloss op gesellschatflech Entwécklungen kënnen hunn. 

Was 1968 so besonders macht

Globale Revolte

Ausgerechnet 50 Jahre nach dem Mai 1968 musste die französische Polizei am vergangenen Freitag wieder ein besetztes Universitätsgebäude in Paris räumen, nachdem kurzzeitig auch die Sorbonne besetzt war, die bei den Studentenprotesten im Jahr 1968 bekanntlich einer der Hauptschauplätze war. Der Studentenverband Unef verurteilte die Räumung als „untragbar“; die einzige Antwort der Regierung auf die Proteste der Studenten sei es, Ordnungskräfte zu schicken. Die Stellungnahme der Studenten hätte auch von 1968 stammen können.
Wenn heute vom Mai 68 die Rede geht, dann dürften die meisten Menschen dann auch an den Pariser Aufstand von damals denken, der fast zum Umsturz von General De Gaulle geführt hätte. Hoch her ging es in diesem Jahr aber auch bei unseren deutschen Nachbarn, wo es ebenfalls zu schweren Krawallen kam, nachdem Rudi Dutschke, der Anführer der Außerparlamentarischen Opposition (APO) bei einem Attentat in Berlin lebensgefährlich verletzt wurde.
Zuvor hatte es schon - aus Protest gegen den Vietnamkrieg - Brandanschläge auf zwei Kaufhäuser in Frankfurt gegeben, an dem die späteren RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Andreas Baader beteiligt waren, so dass 1968 auch in Deutschland zur Radikalisierung führte.
Was 1968 aber so besonders macht, das ist, dass die Revolte, die ihren Anfang in den USA nahm, wo Studenten gegen den Vietnamkrieg und für die Rechte der schwarzen Bevölkerung auf die Straße gingen, erstmals global war. So protestierten die Studenten nicht nur in einigen europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten, sondern - zusammen mit Arbeitern und Angestellten - auch in Mexiko (wo zehn Tage vor der Olympiade rund 300 demonstrierende Menschen von Soldaten erschossen wurden), in Brasilien (wo hunderttausende Menschen gegen die Militärdiktatur protestierten, und wo zu dieser Zeit als Reaktion die kulturrebellische Tropicalismo-Bewegung entstand) und sogar in Japan (wo sich Studenten einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft an den Universitäten lieferten). Sogar in Luxemburg gingen die Schüler - eine Universität gab es damals noch nicht - in diesem besonderen Jahr auf die Straße, dies jedoch sehr diszipliniert, so wie dies eben hierzulande Usus ist.
Auch ist in diesem Jahr weltweit so viel geschehen, wie wahrscheinlich nie mehr danach. Nicht nur, dass der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. und der US-amerikanische Hoffnungsträger Robert Kennedy ermordet wurden, sondern in diesem Jahr gelang dem südafrikanischen Chirurg Christian Barnard auch die erste Herztransplantation, entstanden weltweit überall Hippiekommunen, erlebte die Popmusik ihre Blütezeit, gingen die Bilder von verhungernden Kindern in Biafra um die Welt, erreichte die Kulturrevolution in China einen blutigen Höhepunkt, bereiteten russische Panzer in der Tschechoslowakei dem Prager Frühling ein brutales Ende, umkreiste erstmals ein mit Astronauten besetztes Raumschiff den Mond, und fand sogar die erste Computerrevolution statt, als in den USA erstmals Wörter und Daten per Computermaus auf einem Bildschirm verschoben wurden.
Fakt ist, dass 1968 und die daraus entstehende sogenannte 68er-Bewegung dazu beigetragen haben, dass sich die Gesellschaft zum Besseren gewendet hat. So hat sich diese in den Jahren darauf zu einer offeneren, liberaleren und toleranteren Gesellschaft entwickelt, was heute oft vergessen wird, wenn mal wieder ein nicht so offener, liberaler und toleranter Mensch über die 68er-Bewegung schimpft...  PASCAL STEINWACHS