PATRICK WELTER

Clash der Kulturen in der Redaktion. Einer unserer jüngeren Mitarbeiter regt sich darüber auf, dass eBooks vom Europäischer Gerichtshof (EuGH) steuerlich nicht als Bücher, sondern als Dienstleistung gewertet werden. Das sei doch anachronistischer Schwachsinn. Der EuGH hat dennoch Recht, ein Buch bleibt ein Buch, hat einen Deckel vorne und hinten und jede Menge bedrucktes Papier mitten drin. Wenn es ein gutes Buch war und man seinen Rücken zufällig im Regal sieht, blitzen positive Gefühle auf. Ein eBook-Reader bleibt eine Ansammlung von Bits und Bytes ohne jeden Charme. Ich bekenne, ein Reaktionär zu sein.

Nicht ist mächtiger als das gedruckte Wort, von den Räuberpistolen der Bibel über die Sozialanalysen des „Kapital“ bis hin zur heute Mao-Bibel. Alle drei Bücher steckten voller guter Absichten und brachten stattdessen extrem totalitäre Systeme hervor. Von denen ausgerechnet das älteste, Mutter Kirche, die beiden anderen locker überstanden hat.

Marx ist ziemlich tot. Seine Analyse war richtig. Aber die Schlussfolgerungen führten nicht zum utopischen Idealstaat, sondern in ein fatales Unrechtssystem. Mao Tse-Tungs Büchlein war im Kern nur eine Ansammlung von Sprüchen, vergleichbar mit den Liedtexten des „Grafen“. Eine leere Worthülse nach der anderen. Das Büchlein hat während der Kulturrevolution Millionen Chinesen das Leben gekostet. Trotzdem war es in den 1970ern schick, das kleine rote Ding auf dem Nachtisch liegen zu haben. Man darf vermuten, dass beim heutigen Zustand der Volksrepublik China das rote Buch eine beliebte Dreingabe beim Kauf eines rosa Rolls-Royce mit echten Tigerfellsitzen ist. Obwohl nirgendwo bei Mao der Satz „Bereichert Euch!“ zu finden ist.

Dann haben wir da ein Buch, das eine starke strukturelle Verwandtschaft zur Maos rotem Büchlein aufweist - es ist auch nur eine Ansammlung von Plattitüden, Halbwissen und Halbwahrheiten. Im Gegensatz zu Mao ist aber der Hass des Autors aus jeder Seite herauszulesen. Das politische Manifest eines frustrierten Veteranen und Häftlings der Festung Landsberg: „Mein Kampf“ - verfasst von Adolf H. aus Braunau. Die Sammlung von Irrsinn wurde millionenfach gekauft, von den wenigsten gelesen und von noch weniger Leuten verstanden. Wer es ernst nahm, packte seine Koffer und sah zu, dass er mit heiler Haut davon kam. Siebzig Jahre nach dem Untergang des Autors, traut sich jetzt der Freistaat Bayern, der juristische Erbe Hitlers, das Unglücksbuch wieder auf den Markt zu bringen - in einer kommentierten Fassung mit doppelt so viel Anmerkungen wie Inhalt. Zuvor haben die Münchner alles getan, diesen mörderischen Schwachsinn so weit wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Neo-Nazis gab und gibt es trotzdem. Aber selbst Schwachsinn muss das Recht haben, gedruckt zu werden, denn nicht nur die Nazis haben es bewiesen - wer Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen.

Ist die Macht des Buches nur dunkel? Es kann auch ganz anders sein: Mit Pierre Besuchow fasziniert die Schlacht von Borodino erleben, mit dem kleinen dicken Kurt fröhlich um Schloss Gripsholm spazieren oder mit Commissario Montalbano in einer Trattoria über die Kunst des Essens philosophieren.

Ohne eBookreader in der Hand.