ECHTERNACH
PATRICK WELTER

Zum ersten Mal seit 1944 musste die Echternacher Springprozession ausfallen

Ein seltsamer Tag“, „Irgendwie ist es komisch“ oder „es ist alles so seltsam“, dass waren die Stimmen, die man von den wenigen Passanten rund und um die Echternacher Basilika hörte. Gespräche ergaben sich aufgrund der merkwürdigen Situation quasi von alleine. Anstatt von Tausenden, die sich sonst am Pfingstdienstag in Echternach drängen, um an der jahrhundertealten Springprozession teilzunehmen oder am Straßenrand zu stehen, um dem volkstümlichen Spektakel zuzusehen, herrschte im Corona-Jahr rund um die Abtei gähnende Leere.

Zwangspause nach 76 Jahren

Das letzte Mal, dass die Springprozession ausfiel, war im Jahr 1944, denn die Nazis hatten das religiöse Spektakel während der deutschen Besatzung schlicht verboten. Schon 1945, als Stadt und Basilika noch in Trümmern lagen waren die Echternacher und ihre (luxemburgischen) Nachbarn zu Ehren des heiligen Willibrord durch die Straßen gezogen. Dass die Springprozession ausgerechnet 2020 ausfallen musste, ist besonders bitter, denn es wäre ein Jubiläumsjahr für die Aufnahme der Echternacher Springprozession in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes vor zehn Jahren geworden.

Passende Panne

Es sollte nicht sein, für sehr gläubige Menschen gab es auch prompt einen göttlichen Kommentar für die Absage – plötzlich fiel in halb Echternach, vor allem in und um die Kathedrale, der Strom aus. Ein Zeichen oder nur der Fehler eines Baggerfahrers auf einer nahen Baustelle?

Messe am frühen Morgen

Die wenigen Besucher, die die stromlose dunkle, und dadurch selbst an einem hellen Sommertag mystisch wirkende Basilika betraten, wurden von einer Gruppe von Messdienern - Jungen und Mädchen - empfangen, die an die Maskenpflicht in der Kirche erinnerten und auf die Desinfektionsgeräte hinwiesen. Die jungen Leute wechselten sich stundenweise ab, daher konnte sie nur eine Schätzung abgeben über diejenigen, die trotz allem in die Kirche wollten. Wenige Besucher, aber mehr als sie persönlich erwartet hatten.

In der Kirche zeigt mir ein Mitglied der „Bech-Berbuerger Musek“ ein Handy-Video wie die Musikanten mit den Melodien, die sie sonst in Echternach bei der Prozession spielen, vorgestern – im Corona-konformen Abstand – durch die beiden Dörfer zogen um ihre Verbundenheit mit dem Echternacher Fest zu zeigen. Auch hier hieß es wieder: „Ein komisches Gefühl.“

Ein danebenstehender katholischer Geistlicher, maskiert wie wir alle, aber an seinem römischen Kragen gut zu erkennen, berichtet dann, dass es am frühen Morgen um 07.00 eine nicht-öffentliche Messe mit Kardinal Hollerich und dem Trier Bischof Ackermann gegeben habe. Diese Messe sei aber ganz bewusst nicht öffentlich bekannt gemacht worden, „…sonst wären tausend Leute gekommen, aber wir wollten nicht zum katholischen Ischgl werden.“ Dennoch, still und leise hatte sich auch eine Gruppe von Pilgern aus Prüm und Waxweiler, die sonst immer an der Spitze der Springprozession stehen, zu dieser Frühmesse gesellt. Gegenüber einem deutschen Fernsehteam hatten die Pilger eine einfache Begründung „Pfingsten, ohne wenigstens hier in Echternach zu sein, geht nicht. Das ist einfach so.“

Auf den Stufen vor der Basilika sitzt ein Tourist mit seinem kleinen Hund und fasst irgendwie die melancholische Stimmung des Tages bildhaft zusammen.

Weißes Oberteil, dunkle Hose als Zeichen

Die ganz überzeugten Prozessionsfreunde, die man zwischen den vielen leeren Terrassen doch ab und an sieht, fallen durch das typische „Springer-Outfit“ auf: Weißes Hemd, T-Shirt oder Bluse, kombiniert mit einer dunklen Hose. Ab und zu kann man auch einen Blick auf eines der traditionellen Dreieckstücher erhaschen, die bei der Springprozession die Verbindung zum nächsten Mitspringer sind.

Einige Terrassen sind in der Nach-Corona-Zeit noch gähnend leer, andere halbwegs besetzt. Einige Touristen scheinen auf der verzweifelten Suche nach dem großen Ereignis. Wüsste man nicht, dass normalerweise an einem Dienstag nach Pfingsten zehntausend Leute durch das kleine Städtchen ziehen, wäre es nur ein verschlafener Tag in einem frühsommerlichen Touristenort. Kurz bevor ich in mein Auto steige melden sich die Glocken der Basilika, und ihr Geläut schallt laut und fordernd über die Stadt. Wenigstens das ist wie immer.