SCHENGEN
PATRICK WELTER

Ein Gespräch mit Michel Gloden, dem Bürgermeister von Schengen

Seit November 2017 ist Michel Gloden Bürgermeister des bekanntesten europäischen Dorfes - Schengen. Wobei Schengen bei der Wahl 2017 schon weit über 3.000 Einwohner hatte, wurde noch nach dem Mehrheitswahlrecht verfahren - eine Folge der wenige Jahre zurückliegenden Fusion der Gemeinden Schengen (früher Remerschen), Wellenstein und Bürmeringen. Mit der Kommunalwahl 2017 schrumpfte auch der übergangsweise ausgeweitete Schöffen- und Gemeinderat von vier Schöffen inklusive Bürgermeister und 14 Räten auf das für eine Kommune von 4.900 Einwohnern übliche Maß: Ein dreiköpfiger Schöffenrat bei insgesamt elf Ratsmitglieder.

Mit einem starken Bedauern erwartet Michel Gloden die Umstellung zur Proporz-Gemeinde mit den Kommunalwahlen 2023 - also die Wahl nach politischen Listen. „Jetzt können wir auf alle Kompetenzen im Gemeinderat zurückgreifen, ohne in den Kategorien von Mehrheit und Opposition zu denken. Von den meisten der Räte kenne ich nicht einmal die parteipolitische Orientierung. Die politische Farbe ist im Moment völlig unwichtig - die Sache zählt“, so die klare Aussage des Schengener Bürgermeisters. „Bei einer strikten Trennung von Majorität und Opposition geht doch fast die Hälfte der Kompetenzen verloren!“

Nach der inneren Umsetzung der Fusion zum neuen Schengen gefragt, meint Gloden, dass es gerade im Bereich Jugend, Feuerwehr und Sport zu einem guten Miteinander gekommen ist. Aber jede Ortschaft sollte auch ihren ganz eigenen Charakter bewahren.

In Sachen CGDIS (nationales Rettungskorps) sei die Sachlage für Schengen vorerst noch unklar. Man habe genügend Mittel im Budget bereit gestellt. Derzeit sei es so, dass es ein gemeinsames Feuerwehrkorps mit dem Standort Remerschen gibt und auch die Aufgabe des „First responder“ wahrgenommen wird. Zu den Aufgaben des Korps gehört auch der Einsatz auf der Autobahn A13, für die Löschwasserversorgung im Tunnel sei ebenfalls Schengen zuständig.

Michel Gloden macht aus seiner Bewunderung für die Einsatzbereitschaft der freiwilligen Wehrleute keinen Hehl. Erst vor wenigen Tagen seien sie bei einem Großeinsatz mitten in der Nacht mit Leib und Seele und beeindruckender Professionalität im Einsatz gewesen, lobt der Bürgermeister.

Aushängeschild Schengen

Das Amt als Bürgermeister eines so bekannten Ortes wie Schengen bringe natürlich eine große Verantwortung mit sich, erläuterte Gloden. Schengen repräsentiere das Land, sei Eintrittskarte für die Großregion und Zentrum des Dreiländerecks.

Um die Marke „Schengen“ für das ganze Dreiländereck erfolgreich zu nutzen, hat Gloden für Ende März zu einem Treffen der Bürgermeister aus dem Dreiländereck eingeladen. Nicht nur die unmittelbaren „Eck-Gemeinden“ wie Schengen, Perl und Apach, sondern auch diejenigen, die drum herum liegen - von Merzig bis Mondorf. Bürgermeister von Schengen zu sein, ermöglicht es ihm „Leute kennen zu lernen, die ich sonst nie getroffen hätte.“ Allerdings sei der zeitliche Aufwand für Repräsentationsaufgaben dadurch deutlich höher als in anderen Gemeinden. Das war einer der Gründe weshalb Michel Golden lacht, als wir nach seinem Hauptberuf fragen, denn Vorsteher der Gesundheitskasse in Remich ist er nur noch montags und freitags, ansonsten gehört seine Zeit der Gemeinde Schengen.

Hoffnungen auf ein Hotel

Die Gemeinde erarbeitet Pläne, um in der Nähe der Baggerweiher den Bau eines Hotels, gedacht ist an eine Größe von 80 Zimmern, möglich zu machen. Dieses Hotel muss aber mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen, einerseits für Touristen interessant sein, etwa durch Wellness, anderseits muss es aber auch für Meetings und Tagungen tauglich sein, um es ganzjährig auslasten zu können. Auf weitere Details der Planungen wollte der Bürgermeister nicht eingehen, zunächst hätten die Bürger der Gemeinde ein Recht auf detaillierte Informationen.

Sorgenkind Schloss

Im Zusammenhang mit dem Thema Tourismus tut sich gleich eine andere Frage auf: Was ist mit dem Schloss? Der markante Bau gleich neben dem Europamuseum steht leer. Nach Jahren als Seminarzentrum war es kurzfristig ein Hotel, bevor es von „der Regus“-Gruppe gekauft wurde, um dort ein Schulungszentrum zu errichten. Es gab wohl hochfliegende Pläne zu einem Um- und Ausbau, dann gerüchteweise Unstimmigkeiten mit dem Architekten und noch vor der Einreichung eines PAP bei der Gemeinde „verlief das Projekt im Sande,“ wie Bürgermeister Golden feststellte. Seinen Informationen nach steht das Schloss jetzt wieder zum Verkauf. Es wird von einem Verkaufspreis von elf Millionen Euro gesprochen.

„Für die Gemeinde wäre es am besten, wenn das Schloss vom Staat übernommen wird - daran sind wir extrem interessiert!“, lautet die Aussage des Bürgermeisters zu diesem Thema. Die vor den Wahlen von den damaligen Regierungsmitgliedern Nicolas Schmit und Francine Closener vorgestellte Idee einer „Hotelfachschule der zweiten Chance“ nach französischen Vorbildern, die im Schengener Schloss eine Heimat finden könnte, sei ausgesprochen reizvoll.

Zugewinn für die Gemeinde

Die Errichtung des Shopping-Centers „Borders“ habe, trotz der Nähe zu den zahlreichen Discount-Märkten im nahen Perl, einen echten Zugewinn für Schengen gebracht. Die befürchteten Verkehrsprobleme seien ausgeblieben.

Auch in Sachen Infrastruktur sei man gut vorangekommen, sagt Gloden. Bei der Abwasserentsorgung hängen alle Ortsteile im Moseltal an der deutsch-luxemburgischen Kläranlage in Perl-Besch, nur Schengen-Dorf sei noch nicht angeschlossen - daher die Baustellen. Die ehemalige Gemeinde Bürmeringen entsorgt ihre Abwässer in die Kläranlage von Mondorf.

Zur Trinkwasserversorgung wird auf Grundwasserbrunnen zurückgegriffen. Für den Fall eines Wassernotstands hat Schengen ein Hilfsabkommen mit Perl getroffen, ab Ostern gültig, das eine gegenseitige Hilfe von bis zu 100.000 Kubikmetern Trinkwasser zusichert. Neben Perl funktioniert auch die Zusammenarbeit mit Apach (F) bestens, ebenso wie mit dem französischen Contz. Jetzt versuche man noch mehr mit Sierck-les-Bains zu machen. Eine der touristischen Ideen von Michel Gloden ist ein durchgehender Moselradweg bis Thionville. Fahrradtourismus sei ein boomender Sektor, er biete sich für ein gemeinsames Projekt an. Schwierigkeiten macht aber vor allem der lange Verwaltungsweg des französischen Zentralstaats, auf lokaler Ebene sind die Kompetenzen stark eingeschränkt, über etliche Zwischenstationen muss vieles in Paris angefragt werden.

Lieber klein statt groß

Vor wenigen Tagen traf sich in Remerschen der „Gipfel der Großregion“, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Zusammenleben der Menschen aus allen Teilregionen noch zu vertiefen. „Ich unterschreibe alles, was da gesagt wurde“, kommentiert Michel Gloden das Treffen, „aber wir müssen Europa zuerst im Kleinen umsetzen. Hier, vor Ort mit vielen kleinen Projekten.“ Die zweite Säule für ein Zusammenleben und Zusammenarbeit müsse die Mehrsprachigkeit sein. Glodens Fazit: „Es läuft nur über die Sprache!“