LUXEMBURG
BODO BOST

François Heisbourg hat in Luxemburg sein neuestes Buch über Franz von Hoiningen Huene vorgestellt

Wenn sich ein international anerkannter Politikberater und Spezialist für Sicherheitsfragen wie François Heisbourg mit einem lokalen geschichtlichen Thema beschäftigt, dann ist die Chance groß, dass diese Lokalgeschichte doch über ein lokales Interesse hinausgeht. Auf ein entsprechend großes Publikumsinteresse ist deshalb die vorgestern vom Staatsministerium und MemoShoah organisierte Buchvorstellung von François Heisbourg über den deutschen Wehrmachtsoffizier Franz von Hoiningen Huene (1888-1973) in der „Banque du Luxembourg“ gestoßen.

Als Leiter der Passierscheinstelle der deutschen Wehrmacht in Luxemburg, konnte Franz von Hoinigen Huene, der seit 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied war, etwa 500 Luxemburger Juden, etwa ein Viertel aller Luxemburger Juden, vor der Shoah retten. Heisbourg ist es in seinem Buch „Cet étrange nazi qui sauva mon père - L’odyssée du baron Hoiningen“ gelungen, mehr Licht in das Dunkel der Widersprüche dieses mysteriösen und wenig bekannten Offiziers zu bringen. In minutiöser Kleinarbeit hat Heisbourg in den letzten Jahren, wie bei einem Puzzle, versucht, in kleinen Schritten die Persönlichkeit und den Charakter dieser nicht unumstrittenen Persönlichkeit zu ergründen. Vor allem die Frage warum Baron von Hoiningen als anfänglich überzeugter Nationalsozialist und Berufsoffizier ab einem bestimmten Zeitpunkt vom „Bösen zum Guten“ gekommen ist, durchzieht praktisch sein ganzes Buch, ohne allerdings eine hundertprozentig stichhaltige Antwort zu finden, so schillernd war eben die Persönlichkeit des Schlossherren von Limpertsberg und Thorn.

Immer wieder appellierte der Autor bei seiner Buchvorstellung in Luxemburg an eventuelle Zeuge sich zu melden, um noch mehr Licht in die dunklen Seiten der Persönlichkeit des Barons zu bekommen. Zu den dank eines Passierscheins Geretteten gehörte auch der Vater des Autors, Georges Heisbourg, ein später hoch anerkannter Luxemburger Diplomat. Bereits 1978 hatte der damalige Luxemburger Konsistorialpräsident Claude Marx, der im Archiv der Jüdischen Gemeinde Briefe des ehemaligen Luxemburger Oberrabbiners Serebrenik gefunden hatte, in denen dieser von Hoiningen als Mann nicht nur „edlen Blutes sondern auch edlen Charakters“ bezeichnet hatte, einen Antrag bei der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem gestellt, um von Hoiningen als „Gerechten unter den Völkern“ anzuerkennen. Claude Marx verwies bei der Buchvorstellung auch auf Zeugenaussagen zweier Mitglieder mit Namen Myers aus der jüdischen Gemeinde Luxemburgs, die ihm berichtet hatten, dass von Hoiningen bereits 1938 auf seinem Schloss Thorn bei Nennig saarländische Juden während der Reichskristallnacht geholfen haben soll.

Vom Nazi zum Widerständler

Auch François Heisbourg geht davon aus, dass der Gesinnungswandel des Barons bereits 1935 eingesetzt haben könnte, als er erfahren hatte, dass die NSDAP ihn aus ihrer Mitgliedsliste entfernen wollte, weil er seinen Wohnsitz in Luxemburg, also im Ausland, gehabt hätte, und deshalb eigentlich die Auslandsorganisation der NSDAP für ihn zuständig sei. In der Tat besaß von Hoiningen dank seiner Luxemburger Ehefrau, Mia de la Fontaine, zwei Wohnsitze, nämlich die Schlösser Limpertsberg und Thorn, das erstere in Luxemburg, das zweite auf der anderen Moselseite in Deutschland. 20 Jahre lang hat der Baron beide Schlösser bewirtschaftet und deshalb fast täglich die Grenzen überschritten.

Die Grenzen überschritten hat er dann weiterhin, als die Wehrmacht ihn 1940, nach der Besetzung Luxemburgs, zum Leiter der Passierscheinstelle gemacht hat. Er konnte in dieser Position zusammen mit dem US-Gesandten in Luxemburg, George Platt Waller Junior (1889-1962) und der Frau des deutschen Standortkommandanten Dagmar Schmitt und den beiden führenden Persönlichkeiten aus der jüdischen Gemeinde Serebrenik und Nussbaum, vielen Luxemburger Juden zur Flucht ins neutrale Portugal verhelfen.

Nachdem von Hoiningen bei einem Treffen der Leiter der Passierscheinstellen in Paris im Dezember 1941 Hitler als Verbrecher bezeichnet hatte, wurde er zunächst nach Berlin in die Kommandantur des Ersatzheeres in den Bendlerblock versetzt, wo er Kontakte zu den Widerstandkreisen des 20. Juli 1944 in der Wehrmacht bekam. Als er sich bei einem privaten Gespräch mit dem Luxemburger Flüchtling Collart im Herbst 1942 in einem Restaurant wiederum vor Zeugen negativ über Hitler ausließ, wurde er schließlich verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung vor ein Wehrmachtgericht gestellt. Das Kommandanturgericht Berlin, unter der Präsidentschaft des damaligen Berliner Stadtkommandanten Paul von Hase, das eigentlich bei Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe hätte aussprechen sollen, ordnete nur eine Zuchthaus-Strafe von zwei Jahren an. Strafmildernd wurde in der Urteilsbegründung vor allem unterstellt, dass von Hoiningen an den „Spätfolgen einer im Ersten Weltkrieg davongetragenen Bauchschussverletzung leide, die seine innere Widerstandskraft offenbar auch heute noch beeinträchtigt“.

Hierfür hatte der bekannte Arzt Professor Sauerbruch, einer der Leibärzte Hitlers, an der Berliner Charité-Klinik ein Gutachten zugunsten von Hoiningens erstellt. Eine ebenfalls von Professor Sauerbruch veranlasste Klinikeinweisung in das Krankenhaus Berlin-Buch nutzte von Hoiningen am 10. September 1944 zur Flucht und zum Untertauchen. Er ging zunächst in die Nähe seines zerstörten Schlosses Thorn, bevor er bei Remich die Mosel durchschwamm und durch die amerikanischen Linien auf das bereits befreite Schloss Limpertsberg gelang. Nach dem Krieg ist er auch auf das weitgehend zerstörte Schloss Thorn zurückgekehrt, das er wiederaufbaute, bevor er am 1. Mai 1973 auf Schloss Limpertsberg gestorben ist.

Plädoyer für eine offizielle Würdigung des Barons in Luxemburg

François Heisbourg betonte, dass von Hoiningen die Passierscheine ohne finanzielle Vorteile ausstellte und er sich im Klaren war, dass er damit gegen Anweisungen von Oben verstoßen würde. Als Mitglied des altdeutschen, baltischen Adels hat er über starken Rückhalt auch in der Wehrmacht verfügt, der ihm bei brenzligen Situationen zugutekam. Anders als viele Mitläufer des Regimes hat sich Baron von Hoiningen auch nach dem Krieg nicht um Persilscheine bemüht, im Gegenteil. Er hat in keinster Weise von seinen Taten gesprochen oder gar damit geprahlt.

Vielen Luxemburgern war überhaupt gar nicht klar, wem sie den Passierschein und ihre Rettung zu verdanken hatten. Einer dieser Geretteten war sogar bei der Buchvorstellung anwesend. Lange Zeit galt von Hoiningen als „Mann ohne Gesicht“, weil kein Foto von ihm existierte. Erst sein Enkel, Freiherr von Hobe Gelting, der bei der Buchvorstellung neben dem deutschen Botschafter Kreft saß, hat durch die Verfügungstellung eines Fotos diese Gesichtlosigkeit beendet.

François Heisbourg plädierte in Anwesenheit von vielen Vertretern der Regierung und der Parteien für eine offizielle Würdigung von Baron Franz von Hoiningen Huene und er zeigte sich überzeugt, dass auch Yad Vashem, das trotz der bereits lang zurückliegenden Antragstellung die Akte von Hoiningen nie geschlossen hat, den Baron als „Gerechten und den Völkern“ anerkennen werde.