LUXEMBURG
BOB DIESCHBURG

Massenets „Manon“ an der Metropolitan Opera in New York

Das unglückliche Leben der Manon Lescaut hat wie kaum ein anderes die Musik inspiriert; seit dem Erscheinen von Prévosts Roman sind wenigstens acht Fassungen bekannt. Unter den szenischen Adaptationen sticht Massenets „Manon“ hervor, die sich als musikalischer Bildungsroman versteht und die stilistischen Konventionen der „opéra comique“ nutzt, um das vielleicht scharfsichtigste Porträt der gleichnamigen Titelheldin zu gestalten. Diese findet in der Primadonna der diesjährigen Met-Produktion eine technisch und dramatisch herausragende Seelenverwandte.

„Et c’est là l’histoire… de Manon Lescaut“

Lisette Oropesa verfügt als Gewinnerin der Beverly Sills und Richard Tucker Awards über die vokalen Ressourcen, deren es zur glaubhaften Verkörperung der volatilen 16-Jährigen bedarf. So findet sie eine mühelose Balance zwischen der einfältigen Koketterie und Verletzlichkeit, die ihren Charakter so anfällig für den prädatorischen Paternalismus von Laurent Pellys Inszenierung macht: In einer von Männern dominierten Welt bezaubert sie mit Charme und Intelligenz. Dabei gelingt es Oropesa, die unterschiedlichen Facetten ihrer Rolle auch stimmlich zu illustrieren. Ihre Eingangsarie „Je suis encore tout étourdie“ singt sie mit einer Nonchalance, die den Anweisungen des Komponisten vollends entspricht. Ihre Koloraturen vermitteln ein höchstes Maß an „sprezzatura“ und die Diktion der amerikanischen Sopranistin ist bemerkenswert klar.

Ihren lyrischen Ton versetzt sie mit dramatischen Akzenten im zweiten Akt. Das reflexive Andante von „Adieu, notre petite table“ intoniert sie mit schönen Nuancen, die das emotionale Reifen der Figur Manon Lescauts untermalen. Lisette Oropesa wächst mit der Protagonistin und dem szenischen Kontext des jeweiligen Akts. Die Gavotte des Cours-la-Reine ist der unbestrittene Höhepunkt ihrer Lebensfreude, die in die fast hysterische Verführung des Liebesduetts mündet und schließlich im Schlussakt verklingt. Hier stellt die Sängerin ihre rollenpsychologische Einsicht erneut unter Beweis, als sie die Sterbende anhand der konsequenten Anwendung ihres Brustregisters profiliert.

Ein ungleiches Paar

Ihr Des Grieux erweist sich als unwürdiger Liebhaber; Michael Fabiano kann leider nur im Forte singen und übergeht die sensitiven Momente seiner Arien „En fermant les yeux“ und „Ah! Fuyez douce image“ mit brutaler Gleichgültigkeit. Als stilistischer Fauxpas erweisen sich auch die veristischen Effekte, die er zur Untermauerung seines hölzernen Spiels benutzt: Sein affektives Schluchzen passt nicht zu Massenets Gefühlspalette. Hinzu kommt ein phonetisches Unbehagen, das die französischen Vokale uniformiert und Oropesas glänzende Interpretation umso mehr ins Rampenlicht stellt.

Die Partie des Lescaut besetzt gleich mehrere der dramatisch undankbarsten Stellen im Libretto. Artur Rucinski bemüht sich um eine ausgewogenere Darstellung, die lediglich in den komischen Szenen mit Brett Polegato - in der Rolle des Monsieur de Brétigny - nicht erschöpfend wirkt. Sein Bariton wiederholt die klangschöne Phrasierung, die er bereits in der Einspielung von Nowowiejskis „Quo Vadis“ Oratorium demonstrierte. Die Nebenrollen agieren routiniert und das Dirigat Maurizio Beninis schafft einen verhaltenen und großenteils deskriptiven Rahmen zur Stimmentfaltung, in dem Oropesa als wahre Inkarnation der Manon paradiert.


Als Teil des Programms „The Met - Live in HD“

wird die Oper am 26. Oktober im Kinepolis Kirchberg,

Belval und Ciné Utopia ausgestrahlt.