DIFFERDINGEN
PATRICK WELTER

Erstes „Agroforst“-Feld in Luxemburg - Kombination von Ökologie und Ökonomie

Im Juli 2017 war es noch Theorie, damals stellte Martine Hansen, CSV-Abgeordnete und ehemalige Direktorin der Ettelbrücker „Ackerbauschule“ eine parlamentarische Anfrage zum Thema „Agroforstprojekte“ und wunderte sich über die Zuständigkeit des Umweltministeriums für ein erstes Versuchsfeld nach dem System „Agroforst.“

Mittlerweile existiert dieses Versuchsfeld auf dem Höhenrücken zwischen Niederkorn und Lasauvage. Dort wurden 15 Hektar eines 30 Hektar umfassenden staatseigenen Geländes von der Naturverwaltung umgestaltet und neu strukturiert. Gestern wurde die erste Phase des „Agroforst“-Projektes, das auf einen Zeitraum von sechzig Jahren angelegt ist, mit dem Einpflanzen der letzten Bäume durch Umweltstaatssekretär Camille Gira und Differdingens Bürgermeister Roberto Traversini offiziell abgeschlossen.

Gewinnung von Edelholz

„Agroforst“ bedeutet nichts anderes als die Kombination von Land- und Forstwirtschaft auf einer Fläche. Auf der Ackerfläche sind in regelmäßigen Abständen lange Baumreihen auf schmalen Grasstreifen angepflanzt worden. Während sich auf diesem Acker das erste zarte Grün von Braugerste zeigt, werden die angepflanzten Bäume noch einige Jahre brauchen, bis sie Früchte tragen. Wobei diese Erträge bestenfalls Beiwerk sind. Ziel ist es, in etwa sechs Jahrzehnten die 240 Kirch-, Birnen- oder Nussbäume zu fällen und so Edelholz für die Möbelindustrie oder den Innenausbau zu gewinnen. Hier unterscheidet sich das „Agroforst“-Projekt in Differdingen
von anderen Feldern im Ausland, dort werden oft schnellwachsende Hölzer wie Pappeln angebaut.

Kombination von Ökologie und Ökonomie

Beim „Agroforst“ geht es um die Kombination von Ökologie und Ökonomie. Das Feld ist keine tote agrarindustrielle Fläche mehr, denn in den Grasstreifen unter den Bäumen und in deren Baumkronen können sich Biotope bilden, die eine vielfältige Tierwelt von Insekten bis zu Raubvögeln anziehen. Die Holznutzung verschafft dem Eigentümer, eigentlich seinen Nachfolgern, eine zusätzliche Einnahmequelle. Der Satz „Förster müssen in Generationen denken“ fiel gestern mehr als einmal, auch Bürgermeister Traversini erinnerte daran, dass vieles in der Natur ein Menschenleben überdauert.

Historischer Moment

Staatssekretär Camille Gira unterstrich die Bedeutung des ersten „Agroforst“-Feldes. „Dieser Tag und dieses Projekt gehen in die Geschichte ein.“ Ein Umdenken sei dringend nötig, so seien in Frankreich und Deutschland in den letzten Jahrzehnten 70 Prozent aller Insekten verschwunden und damit wohl auch in Luxemburg. Gira bedankte sich ausdrücklich bei dem Landwirt, der das Agroforst-Feld bewirtschaften wird und bereit sei, neue Wege zusammen mit der Naturverwaltung zu gehen. „In Luxemburgs größter Bauernzeitung werden sie dafür kein Lob ernten!“ Es sei Zeit für ein Umdenken in der Landwirtschaft, so der Grünen-Politiker weiter. Trotz des Hungers in der Welt gebe es eine landwirtschaftliche Überproduktion. „Wir müssen umdenken, und zwar jetzt!“