NIKLAS SCHMITT

Die neuen Gedichte von Guy Rewenig kommen leicht daher, wiegen in ihrer Naivität aber schwer

Von Zeit zu Zeit besprechen an dieser Stelle Gastautoren Belletristik aus Luxemburg. Als Kenner der ausländischen Literaturbetriebe werfen sie neugierige und kritische Blicke auf die heimische Literaturproduktion. Heute zu Gast: Niklas Schmitt, der unter anderem die literarische Anthologie „fff.“ sowie die literaturkritische Zeitschrift „Rezensöhnchen“ herausgibt. Er lebt und arbeitet in Bamberg und Berlin.

Gedichte stehen meist in dem Ruf, ziemlich verquaste willkürlich aneinander gereihte Worte zu sein, die man nur mit Fremdwortlexikon verstehen kann. Dass dem aber nicht immer so sein muss, beweist Guy Rewenig mit seinem neuen Gedichtband „all unsere leitungen sind leider besetzt“. Was die Sache aber nicht automatisch besser macht.

Das war ein kurzer Einleitungsabsatz, nach dem man vielleicht auf der Leitung steht, aus dem man aber auch ableiten kann, worin der Ansatz der folgenden Kritik besteht. Man könnte sich jetzt fragen: Was schreibt der Rezensent da? Was macht der so billige und willkürliche Wortspiele mit Einleitung, Ableitung, Absatz, Ansatz? Und wieso wird hier über die zu schreibende Rezension geschrieben statt eine Rezension zu schreiben? Weil Guy Rewenig es ganz genauso macht.

Gedichte schreiben ist keine leichte Sache, weil unsere mehrdeutige, oft vage Sprache dem gewünschten klaren Ausdruck im Weg steht. Deswegen sind viele gelungene Gedichte auch so schwer zu lesen. Aufpassen muss man hingegen, wenn Gedichte leicht zu lesen sind, wenn sie sich einer allzu klaren Sprache bedienen und wir sofort zu verstehen glauben, was gemeint sei. Das kommt oft bei jungen, unbedarften Autoren vor, die noch nicht geübt sind im Umgang mit der Sprache. Sie werden allzu oft vom Klang, dem naheliegenden Reim, dem gewieften Wortspiel und windigen Aufbau davongetragen. Zu jener Sorte gehört nun, auch wenn er nicht mehr gerade jung ist, Guy Rewenig. Umso schlimmer ist, was er sich erlaubt – von ihm hätte sich der Leser mehr erwarten können als diese plumpen, einfältigen, ja: gefährlichen Gedichte.

Wortspiele

Thematisch decken die etwa 130 Gedichte die Bandbreite zwischen Privatem, Politischem und Poetologischem ab. Es geht um Kindheit, Gesellschaft, um Katzen und das Dichten selbst. Die meisten der kurzen Gedichte sind ganz nett, tun niemandem weh und können deswegen getrost außen vor gelassen werden. Amüsant hingegen lesen sich die lächerlichen Stellen, wenn Rewenig ein Gedicht über Weimar mit „du meine goethe welch schillernde stadt“ beginnt. Da ging wie so oft der längst totgerittene Gaul des Wortspiels mit ihm durch. Und natürlich immer alles kleingeschrieben und ohne Interpunktion, „gegen die großkotzsprachdisziplinierer“, wie Rewenig sagt und dann auch ziemlich kleinlich und allzu häufig recht kleinlaut daher schreibt.

Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht die andere Seite dieser Wortspiele wäre, jene, die Rewenig nicht ganz im Griff zu haben scheint. Natürlich, viele Gedichte sind nicht ganz ernst gemeint, sondern sollen ironisch den Kleinbürger und seine Denke entlarven. So etwa, wenn er über „die heimatfrage“ schreibt: „wir wollen bleiben was wir sind / ihr wollt wohl bleiben wo ihr seid / ach ihr wollt werden wie wir sind / das wird nichts weil ihr nie so wart.“ Nicht nur, dass diese Verse an der Wirklichkeit vorbei gehen. Sie sind auch nicht extrem genug, weisen nicht auf die Gefahr hin, die sie anprangern wollen, jedoch in ihrer einfachen Art selbst darstellen. Oder ist das alles ernst gemeint? Neben den Gedichten, die im gleichen Ton von einer anderen Sichtweise zeugen, ist das leider nicht klar zu unterscheiden.

Einfach traurig wird es, wenn Rewenig „an die eltern eines toten freundes“ schreibt: „[E]r hat es [das Leben] euch nicht übel genommen / das genommene war nicht das gegebene / er nahm nur wie es ihm gegeben war.“ Da werden auf Kosten des wahren Grauens eines Selbstmords Kalauer gemacht, aus denen nichts als Naivität spricht. Diese Masche wendet Rewenig oft an. Hinzu kommt, wie falsch die durch diese Liebe zum schnöden Klang entstandenen Aussagen sind. Sie widersprechen sich und behaupten eine Schicksalsergebenheit, als ob man als Selbstmörder geboren werden würde. Das ist dumm und falsch. Es hätte den Gedichten gut getan, sich etwas weniger mit ihrer letztlich sehr holprigen und unbeholfenen Sprache und mehr mit der Sache selbst zu beschäftigen, die Poeme weniger ironisch auf etwas rekurrieren zu lassen und mehr zu Ende zu denken – und damit auch mehr eigene Haltung zu wagen.

Am Donnerstag in zwei Wochen, den 25. Februar, finden Sie an dieser Stelle ein Interview mit Isabel Spigarelli, die kürzlich ihren ersten Roman „Nichts zu danken“ vorgelegt hat.