COLETTE MART

Ein Haus für Menschenrechte, in dem alle in diesem Sinne aktiven Vereinigungen Luxemburgs unterkommen könnten? Vor kurzem wurde anlässlich einer Konferenz mit dem Menschenrechtsexperten Jean-Claude Lehners beim „Executive Club Luxembourg“ die Idee erwähnt. Sie ist sympathisch, die Chancen des Projektes stehen sicherlich nicht einmal schlecht. Obwohl die Menschenrechte, so wie sie in der UNO-Erklärung von 1948 festgehalten sind, grundsätzlich in Luxemburg angestrebt werden, lohnt sich ein genaueres Hinsehen auf unsere sozialen Realitäten. Zuerst einmal wäre zu sagen, dass das wichtige Prinzip der Würde des Menschen heute keineswegs in allen Milieus garantiert ist. Viele Menschen erleben in ihrem Alltag tagtäglich Erniedrigungen und Ausgrenzungen.

Gewalttaten gegen Frauen innerhalb der Familie, sexueller Missbrauch von Kindern sowie die immer noch fehlende Chancengerechtigkeit für Kinder in der Erziehung sind ebenfalls Probleme, die uns interpellieren müssen. Noch schwerwiegendere Phänomene sind zum Beispiel Genitalverstümmelungen kleiner Mädchen auf Luxemburger Territorium; des Weiteren machen Prostitution und Menschenhandel sowie sexuelle Ausbeutung von Kindern im Internet sicherlich keinen Bogen um unser Land. Die menschenverachtende Behandlung von Prostituierten, respektive Zwangsprostitution und Sklaverei sind europaweite Phänomene, die ganz nahe an uns heranrücken. Rassismus grassiert in Luxemburg, allerdings oft maskiert; Menschen anderer Volksgruppen, respektive mit Behinderungen sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Diese Diskriminierungen sind oft unterschwellig, manchmal aber auch ganz offen. Des Weiteren wird der soziale Graben zwischen Arm und Reich breiter. Genauso ist es eine Realität, dass es Kinder und Jugendliche gibt, um die sich niemand kümmert und die irgendwann orientierungslos im Leben stehen. Fachleute aus dem Gesundheitsbereich bezeugen außerdem, dass nicht wenige Menschen durch ihre soziale Situation von Gesundheitsleistungen ausgeschlossen bleiben. Darüber hinaus sollte auch darauf hingewiesen werden, dass trotz einer gutgemeinten Entwicklungshilfe die westlichen Industriestaaten, also auch wir, immer noch von den Ländern der Dritten Welt profitieren, weil eher keine fairen Preise auf dem Weltmarkt gezahlt werden, sondern gegen ein Almosen die Bodenschätze dort ausgebeutet werden, was das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd weiter festigt und die Menschenrechte in Entwicklungsländern untergräbt.

All diese Phänomene sollten uns zu denken geben: Die Garantie der Menschenrechte ist auch in unserem Land ein komplexes Unterfangen. In allen Bereichen, in der Schule, im Gesundheitswesen, in Unternehmen und in der Politik muss an diesen Problemen konsequent gearbeitet werden. Auch die Unterzeichnung der „Diversity Charta“ sollte nicht nur unser gutes Gewissen garantieren, sondern konsequent umgesetzt werden und daran erinnern, dass viele Menschenrechts-Fragen in Luxemburg seit langem auf eine Antwort warten.