SAMUEL HAMEN

Mit „Der Schüttler von Isfahan“ legt Georges Hausemer erneut einen Prosaband voller Geschichten über seine Vermessung der Welt vor

Ein Zitat, das Georges Hausemer seinem neuen Prosaband mit dem kuriosen Titel „Der Schüttler von Isfahan“ voranstellt, stimmt den Leser gleich zu Beginn auf das ein, was in den Reisegeschichten zu erwarten ist. Es stammt vom kanadischen Autor Michael Ondaatje und ist gerade ob seiner bildlichen Unaufgeregtheit und Kargheit so einprägsam: „We passed around hot glasses of tea. The camels were being fed, half asleep, chewing the dates along with the date stones.“

Mehr wird dem Leser nicht dargeboten: kein funkelnder Sternenhimmel, kein Zwist unter irgendwelchen Liebenden, kein Gefühlsgedusel der Figuren. Ebendiesen reduktionistischen Schreibstil macht sich auch Hausemer für seine 66 Reiseskizzen zu eigen, die den Zeitraum zwischen 1999 und 2015 abdecken. In diesen Jahren reiste der Autor unter anderem in den Oman, nach Chile und Thailand, dann irgendwann nach Marokko, später dann nach Armenien und Syrien, und dazwischen war er noch im Senegal, in Namibia und Brasilien. Ein beeindruckendes Itinerar - Jacques Santer scheint Recht zu behalten: „Je kleiner ein Land, desto größer das Ausland.“

Die Prosaminiaturen reichen von eineinhalb bis 14 Druckseiten und bannen Eindrücke des mal spannenden, mal lahmen Reisealltags. Etwa, wie ein Fischzüchter in Vietnam stolz in Einmachgläser eingelegte Panzertiere herzeigt. Wie der Reisende auf einem Flughafen in Paraguay von einer samtenen Durchsagestimme betört wird und am liebsten seinen Flug verpasst hätte. Oder wie er ins Nirgendwo im Senegal kutschiert wird, um dort eine handelsübliche Brücke als Attraktion verkauft zu bekommen. Wer gehässig sein möchte, mag jetzt einwerfen: Das ist doch nichts als ein öder literarischer Dia-Abend, an dem der Gastgeber sich mit seinen exotischen Snapshots brüstet. In einigen wenigen Fällen sind die Texte tatsächlich wenig mehr als reizarme, berichtartige Aufzählungen, um wieviel Uhr gefrühstückt wurde, wie der Kellner hieß, der den O-Saft brachte, und von welcher Marke die Zigaretten waren, die der Taxifahrer rauchte.

In den allermeisten Fällen aber lässt sich auf den Dia-Vorwurf antworten: Wenn ein Gastgeber sich derart lakonisch, zurückhaltend und doch präzise in seinen Anekdoten gebärdet, wie es Hausemer zumeist tut, dann soll gerne auch noch die zweite Dia-Palette gezeigt werden. Die Texte etwa zu Indien oder Vietnam bestechen durch ihren gewissermaßen fairen Stil, der die fremden Menschen, Naturen und Städte nicht bloß als Kulisse für Selfies und Anekdoten denkt, sondern alles in der jeweiligen Eigenheit anerkennt und für uns Leser zu erfassen weiß. In einem Gespräch mit dieser Zeitung (03.09.2015) erwähnte Georges Hausemer einige seine schriftstellerischen Vorbilder, darunter den Polen Andrzej Stasiuk oder den Holländer Cees Nooteboom. Es ist nicht uninteressant zu wissen, dass letzterer 1978 einen Prosaband mit dem Titel „Een avond in Isfahan“ („Ein Abend in Isfahan“) veröffentlicht hat. Auch Nooteboom versammelt in seinem Buch Prosaskizzen, die von seinen Reisen berichten.

Seitens Hausemer ist das aber weniger als plagiatorische Anbiederung zu werten, sondern eher als ambitionierte Einschreibung in eine lange und sehr lebendige Tradition von Reiseschriftstellern. Als hochproduktiver Vertreter dieser Autorenriege denkt Hausemer das Reisen aber weder als erholsamen TUI-Pauschalurlaub für Gestresste noch als Wohlstandshobby, wie ihm etwa parfümierte Damen auf Kreuzfahrt nachgehen. Es ist vielmehr die Essenz einer Schreibarbeit, die der Autor in einem woxx-Interview mal wie folgt beschrieb: „Im Grunde genommen habe ich diese Reisen exakt drei Mal gemacht: Erstens bereite ich mich zu Hause auf das Reiseziel vor, sammle Informationen und recherchiere in Reiseführern. [...] Dann mache ich die Reise selbst, mit Notizblock und Fotoapparat - um mir eine Art visuelles Tagebuch zu erstellen. Schließlich breite ich das gesammelte Material auf meinem Schreibtisch aus und erlebe die Reise zum dritten Mal, indem ich darüber schreibe.“

Diesem dreifachen Reiseunternehmen ließe sich nach der Lektüre von „Der Schüttler von Isfahan“ ein viertes hinzufügen: dasjenige des Lesers nämlich, der durch die Lektüre von Hausemers Prosastücken teilnimmt an dessen weltdurchdringendem Reisen und Schreiben.

„Die Prosaminiaturen reichen von eineinhalb bis 14 Druckseiten und bannen Eindrücke des mal spannenden, mal lahmen Reisealltags“ -
Samuel Hamen
 - Lëtzebuerger Journal
„Die Prosaminiaturen reichen von eineinhalb bis 14 Druckseiten und bannen Eindrücke des mal spannenden, mal lahmen Reisealltags“ - Samuel Hamen