LUXEMBURG/PARIS
CORDELIA CHATON

ArcelorMittal hat sich ein gigantisches, schmutziges Werk an Italiens Südspitze gekauft - und sagt nun erstmals, wie es das Symbol der Verschmutzung zum Vorzeigeobjekt machen will

Ilva ist ein Synonym, nicht nur in Italien. Das riesige, über 15 Quadratkilometer reichende Werk an der Südspitze des Landes ist für Missmanagement, Korruption, Umwelt skandale und Krankheitsfälle bekannt. Die Industriebrache wurde in den 60er Jahren gebaut, um Arbeitsplätze zu schaffen und den Anschluss an die Schwerindustrie zu finden. 1995 übernahm dann der Mailänder Konzern Riva das seither privatisierte Werk.

Es gilt als Hölle aus Staub und Schmutz, dass das Leben der Stadt Tarent und des Ionischen Meers schwer geschädigt hat. Aber wer hätte sich dagegen aufgelehnt? Die Stadt zählt 200.000 Einwohner, zuletzt arbeiteten 13.800 bei Ilva. Die Stahlfabrik war wesentlich für die ganze Provinz Apulien - und schaffte es so auch, um Auflagen und Modernisierung herumzukommen. Das ging so lange, bis das Stahlwerk ein Sanierungsfall war, in jeder Hinsicht. Nach Angaben des Nationalen Instituts für Versicherung gegen Arbeitsunfälle Inail kamen im landesweiten Vergleich in der Ilva die meisten Todesfälle am Arbeitsplatz vor. Die Böden sind verseucht, Herz-Kreislauf- sowie Lungen-Krankheiten und Krebs viel häufiger als andernorts und die Emissionen so toxisch, dass die Justiz das Höllenwerk 2012 schließlich schloss, die Unternehmensleitung unter Hausarrest stellte und die Konten der Eigentümerfamilie Riga einfror. In der Folge ging es bergab, die Verluste beliefen sich 2015 auf 918 Millionen Euro; der Verkauf stand an. Aber eine ganze Weile lang traute sich die Politik nicht; schon allein wegen der Arbeitsplätze. Schließlich kam es doch dazu, dank der Justiz.

Foto: Arcelor Mittal - Lëtzebuerger Journal
Foto: Arcelor Mittal

Zugang zum europäischen Markt

Das war der Moment, als ArcelorMittal seine Chance sah. Dem größten Stahlkonzern weltweit geht es dabei vor allem um den Zugang zum europäischen Markt, auch wenn er nicht müde wird zu betonen, wie wichtig Italien als zweitwichtigster Stahlmarkt der EU sei. Tatsächlich erhielt der Konzern mit Sitz in Luxemburg den Zuschlag vor dem indischen Konkurrenten JSW. Doch der italienische Industrieminister Luigi Di Maio von der neuen populistischen Regierung zweifelte an der Rechtmäßigkeit der Ausschreibung für Europas größtes Stahlwerk und verlangte weitere Auflagen.

Jetzt steht Matthieu Jehl, CEO von ArcelorMittal Italien, vor Journalisten und muss erklären, wie der Konzern den Wandel in Europas größtem Stahlwerk bewerkstelligen will. Er ist jung und wirkt motiviert, auch als er auf die letzten vier Jahre zurückblickt, die es gedauert hat, bis die Übernahme zum Januar 2018 stand. Nun hat er drei Prioritäten: Nachhaltigkeit und der gute Ruf samt Sicherheit am Arbeitsplatz, Leistung und Profitabilität sowie die Integration in die Gruppe.

Derzeit stellt ArcelorMittal rund 260 Leute pro Tag ein. Im Januar 2019 sollen alle diejenigen 10.700 der 13.800 ehemaligen Arbeiter, die übernommen werden, einen neuen Vertrag erhalten haben. Wer da ist, wird möglichst schnell durch das Arbeitssicherheitstraining geschickt, denn dieses Thema ist dem Stahlkonzern so wichtig, dass er sich darin sogar zertifizieren lässt.

1,5 Milliarden Euro für die Umwelt

Der Konzern will keinen Ärger, auch nicht mit jenen Leuten vor Ort, die sich für die Umwelt einsetzen. Deshalb ist eine der ersten Aktionen die Abdeckung des Rohmateriallagers durch eine neue Halle, für die sich der Konzern selbst die Struktur liefert. Sie kostet 300 Millionen Euro und soll Anfang 2020 fertig sein. Wasser, das durch den Kontakt mit den Materialien kontaminiert ist, wird aufbereitet. „Das kostet 167 Millionen Euro“, rechnet Jehl vor. Filter gegen Dioxin, Staub und Metalle schlagen mit 35 Millionen Euro zu Buche und die Modernisierung der Kokerei mit 200 Millionen Euro. „Von 2,4 investierten Milliarden Euro geben wir 1,15 Milliarden für die Umwelt aus“, unterstreicht Jehl vor der europäischen Presse in Paris diese Woche. „Danach wird ArcelorMittal Italien eine global Benchmark sein.“ Solche Investitionen von rund einer halben Millionen Euro am Tag nennt er „massiv“: „Das ist noch nie da gewesen.“

Alte Reifen und Schienen hat der Konzern schon entfernen lassen und auch das hydraulische Pumpsystem für das 600 Meter lange und 80 Meter breite Rohmateriallager steht. Vieles bleibt noch zu tun, aber im Mai 2020 soll alles fertig sein. Vor ein paar Wochen haben das Blechwalzwerk und das Warmwalzwerk ihre Arbeit aufgenommen, 130 Zulieferer wurden eingeladen und die ersten Mitarbeiter eines Forschungszentrums eingestellt.

In Genua und Tarent fanden Treffen mit besorgten Bürgern statt, 2.200 Menschen kamen. Jehl versprach dem lokalen kunsthistorischen Dienst „Soprintendenza ai beni culturali di Taranto“, sie könnten gefundene Fragmente eines Aquädukts bei ihm einlagern.

Ab 2019 will ArcelorMittal sechs Millionen Tonnen Rohstahl fertigen. Ob das alles klappt? „Die Leute sind voller Erwartungen“, sagt Jehl. „Jetzt müssen wir liefern.“