COLETTE MART

Die öffentliche Debatte um die Einführung eines einheitlichen Werteunterrichts in unseren Schulen, sowie die Demo, die daraufhin Tausende „fir de Choix“ mobilisierte, regt einige grundsätzliche Überlegungen über die Verflechtungen zwischen der katholischen Kirche, unserer Kultur und der Macht in unserem Land an.

Die Tatsache, dass so viele demonstrierten, zeigt, dass Religion ein Bereich ist, der an die Gefühlswelt vieler Menschen rührt, sowie an die Werte, die die Eltern ihnen mit auf den Lebensweg gaben.

Dort, wo es um Emotionen geht, die bei allen Generationen bis in die Kindheit zurückreichen, wird es schwieriger, politisch und weltanschaulich zu argumentieren, und dies ist ein objektiver Faktor dieser Diskussion, der zur Kenntnis genommen werden muss.

Darüber hinaus wird wiederholt, dass der katholische Glaube zu unserer Kultur gehört, und dies ist ohne Zweifel richtig. Geschichte, Architektur, Kunst, Philosophie und Literatur, jedoch besonders unsere Denkschemen und Mentalitäten sind bis heute zutiefst von der Kirche geprägt.

Allerdings: Auch in Frankreich gehört die christliche Kirche zur Kultur, und trotzdem ist Frankreich ein laizistischer Staat, mit dem sich die meisten Luxemburger übrigens emotional verbunden fühlen. Die Religion als kultureller und emotionaler Wert, die Religion im Herzen der Menschen, und die Religion als Teil des Staates sind also zwei verschiedene Paar Schuhe.

Im Endeffekt ist jedoch die Debatte um den Religionsunterricht eher ein Nebenschauplatz innerhalb einer dringend anstehenden Analyse über die Verbindung zwischen Religion und Kultur, Staat und Macht. Wer zum Beispiel am Tag der Schlussprozession der Oktave durch die Straßen der Hauptstadt spaziert, erkennt unzählige oberste Beamte in Sutane-ähnlichen Gewändern, also als Mitglieder religiöser Gemeinschaften wieder. Dies bedeutet, dass hohe Entscheidungsträger der Religion so nahe stehen, dass sie in Gewändern an der Schlussprozession teilnehmen.

Die Verbindungen zwischen der Religion und der Macht sind also keineswegs nur an der CSV festzumachen, sondern auch am Staatsapparat, der von der CSV über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Auch sie sind Teil unserer Geschichte.

Ob sie aber richtig sind und Gerechtigkeit garantieren, ist eine andere Geschichte. Angesichts dieser engen Verflechtungen zwischen religiösen Gemeinschaften, dem Staat und der Macht erscheint die Tatsache, dass in einem halben Jahrhundert doch zwei liberale Premierminister an die Macht kamen, wie ein kleines Wunder. In einer Zeit, in der viel und gern über Geschichte, Forschung und Zukunftsmodelle diskutiert wird, wäre es an der Zeit, über diese Verbindungen von Religion, Kultur und Macht ernsthaft zu forschen, an der Uni zum Beispiel, und aus diesen Forschungsergebnissen gerechte und demokratische Schlüsse für unsere Gesellschaft und die Zukunft unseres Landes zu ziehen. Hier müssten dann die religiösen Emotionen der Menschen, aber auch die Pluralität in der Gesellschaft, die Gerechtigkeit und der Respekt aller in Betracht gezogen werden.