ANNETTE DUSCHINGER

„Eine Lüge, für die Sie sich schämen sollten“ - abgekanzelt wie ein kleines Kind wird man von Lehrergewerkschaftsvertretern, wenn man kritische Töne wagt. Der Stein des Anstoßes war die Bemerkung in einem Kommentar auf unserer Seite zwei, Lehrer könnten schon kämpfen - wenn es um ihre Arbeitskonditionen gehe, um jeden einzelnen Schüler zu kämpfen, sei dagegen eine Zumutung. Es ist ein wunderbares Privileg für Journalisten, nicht nur Berichterstattung zu liefern, bei der man sich selbstverständlich an die „Wahrheit“ des Gesagten oder Geschriebenen zu halten hat, sondern auch in Kommentaren Meinung bilden und äußern zu können. Wir trauen dabei unseren Lesern durchaus die Intelligenz zu, den Unterschied zwischen Meinung und Berichterstattung zu erkennen - zumal im „Journal“ die Seite zwei als „Meenung“ deutlich gekennzeichnet ist. Man braucht die dort geäußerten Meinungen nicht zu teilen, sie als „Lüge“ zu bezeichnen, kann man nur mit dem Kommentar versehen: Nichts verstanden. Dagegen ist es schon ärgerlich, wenn man an den Kopf geworfen bekommt: „Qu’il est facile aujourd’hui de taper sur le dos des enseignants, ces énergumènes qui ne travaillent rien et ne font que profiter de leur salaire démesuré pour partir toute l’année en vacances“, ohne mit einem Wort solche Anwürfe geäußert zu haben. Ganz im Gegenteil gönnt man jedem sein Gehalt und seine Privilegien - pardon, Arbeitskonditionen, um nicht wieder Zorn zu erregen. Wenn von Lehrergewerkschaften als Beitrag zu Einsparungen im Bildungssystem aber allen Ernstes der Vorschlag kommt, man solle nicht mehr an teuren internationalen Vergleichsstudien teilnehmen, die regelmäßig kein gutes Bild vom System zeichnen, kann man nur den Kopf schütteln. Das Problem verschwindet nicht, nur weil man in keiner Statistik mehr auftaucht. Und wenn Schüler der Abschlussklassen instrumentalisiert werden, um Druck auf die Regierung auszuüben, ist das schlicht verwerflich. Vom unsäglichen Unvermögen, sich an Grundregeln der Repräsentativität bei Verhandlungen zu halten ganz abgesehen. Dass misslungene Reformen, wie die der Berufsausbildung den Lehrern und Schülern das Leben nicht einfach machen, liegt auf der Hand - dass diese Baustelle die Zahl der Schulabbrecher rezent in die Höhe trieb, auch. Und dass der Handwerkerföderation nun der Kragen platzte und sie auf eigene Kosten das Ausbildungsheft selber in die Hand nimmt, ist eine Schande für die Politik. Aber wenn man drei Kinder durch das luxemburgische Schulsystem geschleust hat, kann man halt auch ein Lied davon singen, wie wenig Interesse manche - ich betone manche - „Proffen“ am Schulerfolg ihrer Schüler haben. Wir haben erlebt, dass bei zwei Drittel „Datzen“ bei einer Prüfung sich nicht der Lehrer verantwortlich fühlte, die Materie nochmals zu erklären und die Prüfung zu wiederholen, sondern die Schüler zusehen konnten, wie sie da wieder herauskommen. Für manche Studienräte sind Angst, schlechte Noten und Demütigungen leider immer noch ein Mittel, sich Respekt zu verschaffen. Weitergereicht werden die Schüler, die nicht mitkommen, leider allzu oft: Von einer Schule zur nächsten und bei Lernproblemen von Stufe zu Stufe bis zum „échec“. Es muss über alles diskutiert werden können im Bildungssystem. Dabei darf natürlich auch die Rolle der Lehrer kein Tabu sein.