LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Der Nobelpreisträger Prof. Roger Myerson spricht über Griechenland und die Eurozone

Derzeit findet in Luxemburg die bis zum 4. Juli dauernde PET-Konferenz statt, bei der Wirtschaftswissenschaftler höchsten Niveaus ihre Thesen vorstellen. Zum Auftakt der Konferenz interviewten wir Prof. Robert Myerson, der 2007 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt. Derzeit lehrt er in Chicago. Aber Myerson kennt auch Europa- und er hatte vor rund zehn Jahren ein Treffen mit Yanis Varoufakis. Der heutige griechische Finanzminister stellte ihm damals Fragen, die Myerson sehr interessant fand.

Herr Prof. Myerson, was halten Sie von der Eurozone?

Prof. Roger Myerson Ich glaube an die Eurozone. Ich denke, sie ist gut aufgestellt, um die Unabhängigkeit der Zentralbank zu bewahren. Das ist ja etwas ganz Wichtiges. Aber es gibt natürlich andere Probleme. Wenn die Arbeitslosigkeit so hoch ist wie in Europa, sind fünf bis neun Prozent Inflation normal, denke ich. Aber es gab Probleme bei der Bankenregulierung.

Welche Probleme gab es bei der Bankenregulierung?

Prof. Myerson Die Banken haben viel zu leichtfertig das Risiko der Staatsanleihen finanziert - und sind darin noch bestärkt worden. Ich nehme ein Beispiel aus meiner Heimat. Illinois ist ein unabhängiger Bundesstaat. Aber er druckt kein Geld. Wenn der Staat Anleihen herausgeben würde, würde niemand sagen, dass diese Anleihen risikofrei sind. Tom Sargent, der 2011 den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt, hat in seiner Rede in Stockholm über die Geschichte der USA Anfang des 18. Jahrhunderts gesprochen und darüber, dass Staaten bankrott gehen können. In den USA ist das möglich. Die Regierung der USA würde dann nichts unternehmen. Aber sie würde Illinois auch nicht vorschlagen, jetzt Mitglied in einer Vereinigung Kanadas zu werden. Staaten haben das Recht, Pleite zu gehen. Genauso hat Griechenland das Recht, Pleite zu gehen und in der EU zu bleiben.

Sie selbst haben sich auch mit der Geschichte Weimars befasst...

Prof. Myerson Ja, ich habe die Geschichte der Weimarer Republik studiert und bin sicher, dass die Nazis wegen der Reparationszahlungen an die Macht kommen konnten. Damals ging es auch um eine Austeritätspolitik. Da zeigte sich schon, dass es gefährlicher ist, nicht eintreibbare Kredite an große Staaten zu vergeben als diese an kleine Staaten zu vergeben. Die Nazis haben 1929 klar gesagt: Wir zahlen nicht, wir können nicht. Das stimmte. Aber sonst sagte es keiner. Die Verluste durch die Hyperinflation aber hatte die Bevölkerung zu ertragen.

Sollte Griechenland den Ratschlägen aus Brüssel nicht folgen?

Prof. Myerson Der Rat der Gremien ist gut, good governance ist gut. Aber Griechenland ist ein souveräner Staat. Da ist es nicht an einer Kanzlerin, die von einem anderen Volk in einem anderen Staat gewählt wurde, darüber zu entscheiden, was in Griechenland geschieht. Das Griechenland mit anderen redet, macht Sinn. Ein Konkurs wäre gut. Zum Glück droht in heutigen Zeiten dann keine Invasion mehr. Die Alternative wäre ein Schuldenschnitt mit Reformen. Aber wenn eine Nation so schlimme Reformen erlebt wie derzeit Griechenland, sollte die internationale Gemeinschaft die Schulden fallen lassen.

Was glauben Sie, wird am Montag passieren?

Prof. Myerson Ich denke, dass die Griechen genau so durcheinander sind wie alle anderen. Ich würde ja, sagen, aber nicht, weil die Kanzlerin das verlangt, sondern weil ich das für eine gute Idee halte. Die meisten Beobachter wissen, dass Griechenland die Schulden nicht zurückzahlen kann, die weit höher sind als sein Bruttoinlandsprodukt. Das schaffen sie nicht.

Wieso haben die Banken soviel verliehen?

Prof. Myerson Die Banken wurden durch das Bankengesetz dazu ermutigt. Aber die hätten nie soviel verleihen sollen - und Griechenland hätte nie so viele Kredite annehmen sollen. Europa trifft auch Schuld an der Situation, auch die EZB und den IWF.

Was passiert, wenn die Griechen am Montag nein sagen?

Prof. Myerson Ich glaube, die Griechen erwarten von der EU nicht mehr viel. Wenn man versteht, dass Griechenland die Schuld nicht zurück zahlen kann, ist das ein Schritt in die richtige Richtung.