DELHI
VANESSA BAUNACH

Corona-Pandemie in Indien - ein Erfahrungsbericht von Quarantäne und Grenzschließung

Wie kann man in dieser unsicheren Zeit nach Indien fliegen?“ wurden mein Partner und ich vor Reiseantritt öfter gefragt. Natürlich verfolgen wir die Woche vor dem Flug die weltweiten Entwicklungen, fragen das Auswärtige Amt, das Reisebüro, die Botschaft. Niemand kann uns Genaues sagen, keiner rät uns von der Reise ab, das Geld wäre futsch. Wir sehen uns an, welche Regelungen italienische Touristen betreffen und beschließen, es zu versuchen. Wenn wir erst einmal im Land sind, müsste es klappen, so taktieren wir.

Am Flughafen in Delhi werden alle mit der Temperaturpistole empfangen. Zettel ausfüllen, Fragen beantworten, ob man in der letzten Zeit in China, Italien, Iran, Singapur war, fertig. Das Gleiche bei allen Hotels der Rundreise, sowie im Taj Mahal. Die erste Woche verläuft alles normal. Das Wetter ist schön, es sind viele Touristen unterwegs, nur ab und zu stört ein Schild über Corona das Bild. Nachdem wir wieder in Delhi angekommen sind, werden wir zum Flughafen gefahren, um in Kerala im Süden des Landes unseren Badeurlaub anzutreten. Zwischendrin erfahren wir, dass die indische Regierung für deutsche Touristen die gleichen Richtlinien wie für italienische rausgegeben hat, Inkrafttreten am Sonntag. Der Tag, an dem wir früh morgens in Kerala nach unserem Inlandsflug aufgehalten werden.

„Sie kommen aus Deutschland?“ werden wir auf Englisch gefragt. Wir bejahen, es steht schließlich in unserem Pass und auf unserem Zettel. Wir sagen, dass wir aber schon eine Woche im Land sind. Wir werden ein Stockwerk tiefer in eine fensterlose Quarantänebox geführt und sollen warten. Nach einer Stunde kommt eine Frau mit Mundschutz und fragt uns, ob wir in ein staatliches oder in ein privates Krankenhaus wollen. Wir können es nicht glauben und diskutieren, aber die Frau sagt, dass wir die Ärzte vor Ort nach einem Test fragen können. Zwei Tage, wissen wir, dauert es, bis ein Testergebnis vorliegt. Die Frau führt uns mit einem Sicherheitsbeamten an den Rand des Rollfelds, wo unsere Koffer stehen und ein Krankenwagen. Zwei Männer in voller Schutzbekleidung fahren uns mit sehr hoher Geschwindigkeit und Sirene durch die Stadt. Ich kann noch immer nicht glauben, was gerade passiert. Vor dem Aussteigen müssen wir einen Mundschutz anlegen. Im Corona-Trakt des Krankenhausgeländes befragt uns ein Arzt im Schutzanzug getrennt voneinander, woher wir kommen, wo genau wir die letzte Woche waren, ob wir Symptome haben. Ich frage ihn verzweifelt, ob wir getestet werden können, ich zahle auch dafür. Er hebt nur die Augenbrauen und führt uns auf einen Flur. Auf beiden Seiten befinden sich Zimmer, uns wird jedem eines zugewiesen. Meines ist etwa 18 qm groß. Darin ein Bettgestell mit einer dünnen Plastikmatratze und löchrigem Laken darauf, eine Holzpritsche, ein Schreibtisch und ein Plastikstuhl. Ein großes Fenster mit Moskitonetz und Gitterstäben. Über mir dreht ein Ventilator gegen die 35 Grad Hitze an. Nebenan ein Bad mit Toilette, kleinem Waschbecken, Plastikspiegel und einem Wasserhahn auf Kniehöhe. Keine Dusche, kein Handtuch, kein Klopapier. Wie soll ich hier nur zwei Tage durchstehen? Nach ein paar Stunden werden uns Temperatur und Blutdruck gemessen und Speichel und Blut für den Virustest abgenommen. 48 Stunden ab jetzt, die Zeit läuft.

Warten, warten und nochmals warten

Ich unterhalte mich mit meinem Partner quer über den Flur und er schlägt vor, dass wir uns jede volle Stunde am Türrahmen treffen. Ich lese, löse Rätsel, mache Sportübungen, schaue ständig auf die Uhr. Das Essen, typisch südindisch, alles plastikverpackt und ohne Besteck. Die Nacht wird grausam, ich kann wegen der Luftfeuchtigkeit und lauten Geräuschen kaum schlafen. Nach zwei Tagen kommt ein Arzt und erklärt uns, dass die Ergebnisse noch einen weiteren Tag auf sich warten lassen. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Mein Optimismus schwindet. Was, wenn wir positiv sind? Wir haben zwar kein Fieber und keine Symptome, aber was heißt das schon? Am nächsten Tag kommt ein anderer Arzt, sagt, es dauere zwei weitere Tage bis unsere Ergebnisse kommen. Ich fange an, durchzudrehen. Ich könnte es durch die Fenstergitter im Bad schaffen. Doch was dann? Alle Grenzen sind dicht. Ich verzweifle immer mehr. Der Freiheitsentzug macht mir am meisten zu schaffen. So geht es also Menschen auf der Welt, die vielleicht nicht wegen gesundheitlicher Gründe eingesperrt werden, sondern einfach nur, weil sie falsche politische Gesinnung, Staatsangehörigkeit oder Glauben haben. Auf wiederholte Nachfrage bekommen wir zwei englischsprachige Zeitungen. Dadurch wissen wir immerhin, dass mittlerweile nicht nur Indien verrückt spielt, sondern praktisch auch der Rest der Welt. Am nächsten Vormittag endlich die Gewissheit: die Testergebnisse sind negativ. Die beiden anderen Insassen auf dem Flur, Inder, sind ebenfalls negativ getestet und erlauben uns, von ihrem Laptop aus eine Mail an unsere Angehörigen zu schicken. Den beiden erging es genauso wie uns. Irgendwie beruhigend, dass man hier mit Touristen und Einheimischen gleich verfährt. Samstagnacht werden wir an den Flughafen gefahren und landen drei Stunden später in Delhi. Wir wussten, dass unser Weiterflug nach Deutschland gestrichen wurde. Allerdings erfahren wir durch das Chaos am Flughafen, dass sämtliche internationalen Flüge ausgesetzt wurden. Mit der Metro fahren wir zum nächstgelegenen Hotel. Da alle Restaurants geschlossen sind, füllen wir die Hotelminibar mit dem Nötigsten von einem nahegelegenen Supermarkt auf. Ich frage eine Dame in der Lobby, ob ich ihr Handy für eine Mail benutzen dürfe und erfahre so vom Rückholprogramm der deutschen Regierung, wo ich meinen Partner und mich direkt registriere. Wie lange werden wir noch in diesem Land bleiben müssen? Am nächsten Tag lassen wir durch die Rezeption andere deutsche Touristen ausfindig machen, um uns auszutauschen und notfalls auch ihr Handy benutzen zu können. Ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft aus Delhi ruft an, wir sollen unsere persönlichen Angaben bestätigen. Er sagt, wir sollen erreichbar bleiben.

Schnelle Lahmlegung des öffentlichen Lebens

Für den folgenden Tag ist eine 24-stündige freiwillige Ausgangssperre angesagt, Züge und Metro stellen ihren Dienst ein. Premierminister Modi ruft dazu auf, sich um 17.00 auf Balkon, Terrasse oder Hof zu stellen und den Helden, allen voran medizinischem Personal, Beifall zu klatschen, was anscheinend viele im ganzen Land auch tun, Hotelpersonal inklusive. Am nächsten Nachmittag erzählen uns Gäste, dass das Hotel morgen schließt. Ein junger Mann, der uns im Aufzug begegnet, fragt, ob wir auch die Mail bekommen hätten, dass sich alle Deutschen am nächsten Morgen vor einem Hotel in der Nähe zur Registrierung einfinden sollen. Ich bitte ihn, die Mail weiterzuleiten und erfahre, dass man für eine Reservierung in besagtem Hotel unter Verweis auf die deutsche Botschaft anrufen soll, was wir auch tun. Wir bestellen für 8.00 am nächsten Morgen einen Shuttleservice und legen uns schlafen. Um halb sechs morgens klingelt die Rezeption, entschuldigt sich mehrfach und sagt, dass ohne Ausnahmegenehmigung keine Transporte mehr auf öffentlichen Straßen durchgeführt werden dürfen und wir deshalb bis 6.00 mit unserem Gepäck in der Lobby stehen sollen, damit sie uns noch zum anderen Hotel bringen können. Verrückter kann es eigentlich nicht mehr werden, denke ich. Vor den verschlossenen Toren des neuen Hotels angekommen teilt uns der Wächter mit, dass keine Hotelgäste mehr aufgenommen werden dürfen. Das andere Pärchen und der junge Deutsche stranden ebenfalls auf der Straße vor dem Hotel. Am Treffpunkt mit der Botschaft befinden sich etwa 20 Menschen, die teilweise schon die ganze Nacht auf der Straße verbracht haben. Drei Stunden später halten acht Busse vor uns und wir werden in die deutsche Botschaft gefahren. Endlich können wir uns für den ersten Repatriierungsflug nach Hause registrieren. Wir können es alle kaum glauben. Die Wartezeit bis zum nächtlichen Flug verbringen wir in einem riesigen Garten. Der deutsche Botschafter, Wolfgang Lindner, zeigt sich kurz und erhält einen langen Applaus für seine Bemühungen.

Da die Richtlinien der indischen Regierung auch für die Botschaftsmitarbeiter zu schnell kamen, um darauf reagieren zu können, mussten sie die Reste von den Hotels aufkaufen, um uns wenigstens eine Kleinigkeit zu Essen bieten zu können. Gegen 18.30 werden wir mit den ersten Bussen zu einem fast menschenleeren Flughafen gefahren. Die Angestellten, die uns dabei behilflich sind, auszureisen, haben auf ihren Schutzanzügen „Corona Warrior“ stehen. Im Flugzeug bekommen wir eine kleine Mahlzeit, denn auch hier hatte man nicht genug Zeit, um einen normalen Betrieb zu gewährleisten. Das Flugpersonal arbeitet ebenfalls wie alle anderen unter erschwerten Bedingungen. Nach sieben langen Stunden landen wir in Frankfurt. Beifall bricht aus und Jubel, mir kommen die Tränen. Keine Temperaturmessungen mehr, nur noch Erleichterung. Endlich wieder zuhause. Was es hierzulande auch für Einschränkungen gibt: es macht mir nichts aus.