NIC. DICKEN

Gestern wurde die sterbliche Hülle des am Dienstag verschiedenen früheren Großherzogs von Luxemburg an seine ehemalige Wirkungsstätte überführt. In den kommenden fünf Tagen wird den Bürgern des Landes die Möglichkeit geboten, sich von jenem Mann zu verabschieden, der während 36 Jahren maßgeblich an der Ausrichtung des Landes und seiner Entwicklung beteiligt war, auch wenn er dies stets mit Zurückhaltung und Bescheidenheit zu tun bestrebt war. Großherzog Jean hat es während seiner Amtszeit nicht nur fertig gebracht, seine Position mit hoher Würde und starkem Pflichtbewusstsein zu erfüllen, er hat es in vielen Situationen auch geschafft, dem luxemburgischen Staatswesen ein menschliches und sympathisches Gesicht zu vermitteln, mit dem sich die Menschen des Landes, Einheimische wie Zugewanderte, stets identifizieren konnten.

Zu den wesentlichen Merkmalen seiner Regentschaft gehörte es, den Eindruck des stets beteiligten, besorgten und umsichtigen Staatsmannes zu vermitteln, ohne dafür in irgendeiner Weise aufdringlich oder gar herrisch bestimmend zu erscheinen. Er wurde Zeit seines Lebens mit wachem Bewusstsein und vornehmer Zurückhaltung, jenem selbst gewählten Leitspruch gerecht, der bereits das Selbstverständnis von Johann dem Blinden geprägt hatte und als Devise vom Prince of Wales übernommen worden war: „Ich dien.“

Großherzog Jean, dessen künftige Rolle als tatsächlicher Landesfürst von Luxemburg während der Kriegswirren von 1940 bis 1945 durchaus in Frage stand, hat sein Leben im Dienst des Landes als vornehme Aufgabe und als persönliche Verpflichtung verstanden, der er auch sein familiäres Leben nicht unter-, sondern zuordnete. Er war, aller adligen Geburt und aller familiären Zugehörigkeit und Privilegien zum Trotz, „einer von uns“.

Diese tiefe Verbundenheit kam gerade in kruzialen, frohen wie tragischen, Momenten der Landesgeschichte besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum Vorschein. Er zeigte in besonders erfreulichen Momenten, wie etwa den großartigen sportlichen Erfolgen von Josy Barthel und Charly Gaul, genau wie in schwierigen Momenten, etwa beim Krisenszenario der Stahlindustrie, seine tiefe Verbundenheit mit dem Land und seinen Bewohnern, ohne daraus besonderes Aufhebens zu machen. Er war stolz auf sein kleines Land, auf seine Leute und gemeinsame Errungenschaften.

Sein Engagement, etwa beim Naturschutz, bei der Pfadfinderbewegung oder beim IOC, genau wie sein klares Bekenntnis zum vereinigten Europa, machten seine Weltoffenheit und sein Verständnis für Zusammenhalt und Solidarität deutlich: Er war ein Mensch seiner Zeit, der Notwendigkeiten und Handlungsbedarf nicht nur verstand, sondern auch seinen Beitrag zu leisten bereit war. Als Mensch des 20. Jahrhunderts überließ er seinem Sohn an der Schwelle zum 21. die formale Herrscherrolle. Neben Trauer verdient er vor allem Anerkennung und ehrlich empfundenen Dank.