BOTTROP
DPA

Ende einer Epoche: Steinkohleförderung in Deutschland nach 150 Jahren beendet

Mit der Förderung der letzten Steinkohle ist eine Epoche der deutschen Industriegeschichte zu Ende gegangen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhielt gestern auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop das letzte geförderte Kohlestück. „Das ist ein Tag der Trauer für Sie“, sagte Steinmeier, nachdem ihm Reviersteiger Jürgen Jakubeit am Schacht den etwa sieben Kilogramm schweren Kohlebrocken überreicht hatte. Es sei „nicht nur ein Stück Kohle, es ist ein Stück Geschichte“, das er in der Hand halte, sagte Steinmeier.

„Heute ist ein schwarzer Tag“, sagte der Chef des Bergbaukonzerns RAG, Peter Schrimpf. Die Steinkohleförderung in Deutschland werde „endgültig und unwiderruflich“ eingestellt. „Diesen Schlusspunkt zu setzen, fällt jedem Bergmann schwer.“ Es lasse sich kaum in Worte fassen, „was unsere Bergleute heute fühlen“.

„Ein großes Kapitel deutscher Industriegeschichte“

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hob die europäische Dimension des Bergbaus hervor. Ohne Kohle und Stahl hätte es den Aufbruch zur europäischen Einigung nicht gegeben. „Kohle und Wohlstand sind untrennbar“, betonte der EU-Kommissionspräsident vor Beginn des Festakts in Bottrop, zu dem 500 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeladen waren.

„Ein großes Kapitel deutscher Industriegeschichte geht zu Ende“, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in einer Videobotschaft zum Ende der Steinkohleförderung. „Gerade hier in Nordrhein-Westfalen haben wir der Steinkohle, dem „schwarzen Gold“, so viel zu verdanken: Hunderttausende Arbeitsplätze, Wohlstand für viele Familien und eine Energieversorgung, die die Industrie in unserem Land erst so stark gemacht hat“, sagte Laschet. „Das Zeitalter der Kohle ist eine Erfolgsgeschichte.“

Das Aus für die Steinkohleförderung hatten die Bundesregierung, die Kohleländer Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie die Bergbaugewerkschaft IG BCE im Jahr 2007 vereinbart. Rund 33.000 Bergleute und andere Mitarbeiter waren damals auf den Zechen beschäftigt. Zuletzt hatte der Bergbaukonzern RAG noch 3.000 Mitarbeiter. Großzügige Vorruhestandsregelungen sorgten dafür, dass es keine Entlassungen beim Personalabbau gab. In diesem Jahr förderten die Bergleute noch etwa 2,6 Millionen Tonnen Steinkohle. In der Hochzeit der Kohleförderung in den 1950er Jahren waren es mehr als 150 Millionen Tonnen pro Jahr.

Mit der Schließung der letzten Zeche ist der Einsatz der Steinkohle in Deutschland aber nicht zu Ende: Bei der Stromerzeugung und in den Stahlwerken wird sie künftig komplett durch Importkohle ersetzt. Wie viel Steinkohle in den kommenden Jahren verstromt wird, dürfte auch von den Ergebnissen der Beratungen der derzeit tagenden Kohlekommission abhängen. In diesem Jahr hat Steinkohle zu 13 Prozent der deutschen Stromerzeugung beigetragen.

220 Millionen Euro jährlich für Pumpenund andere Maßnahmen

Die Bergbaugesellschaft RAG wird mit dem Ende der Kohleförderung übrigens nicht verschwinden, sie bekommt vielmehr eine Ewigkeitsgarantie. Denn tief in den stillgelegten Zechen und in Senken, die am Erdboden entstanden sind, muss dauerhaft Wasser in riesigen Mengen abgepumpt werden, damit das Grundwasser geschützt und die Region nicht zur Seenplatte wird. Für diese Ewigkeitsaufgaben sind aber nur noch rund 500 Mitarbeiter erforderlich.

Mindestens 220 Millionen Euro im Jahr werden das Pumpen und andere Maßnahmen kosten. Eine für die Finanzierung eigens gegründete Stiftung soll dafür sorgen, dass nicht auch diese Kosten vom Steuerzahler beglichen werden müssen.