HAMBURG
ELISABETH DIETZ

Multitalent Rocko Schamoni im Interview über seinen Kiez-Roman „Große Freiheit“

Wolli Indienfahrer – Dealer und Dichter, Barmann und Kunstliebhaber, Puff-Boss und Kommunist. In „Große Freiheit“ erzählt Rocko Schamoni die wahre Geschichte von Wolfgang Köhler, einem Jungen aus Sachsen, der in St. Pauli zu einer ungewöhnlichen Rotlicht-Größe aufstieg. Er zeigt uns das Hamburg der Sechzigerjahre, die ersten Auftritte einer etwas ungelenken Coverband aus Liverpool und den harten Kontrast zwischen den engen Moralvorstellungen des Bürgertums und der großen Freiheit auf St. Pauli.

Wie sind Sie auf diesen Stoff aufmerksam geworden?

Rocko Schamoni Ich wollte ursprünglich ein Buch über meinen Hamburger Lieblingsmaler Heino Jaeger schreiben, der leider schon vor vielen Jahren verstorben ist. Bei der Recherche zu diesem Buch stieß ich auf Wolfgang Köhler, der mir aus seinem spannenden und teilweise bizarren Leben erzählte und dabei langsam immer mehr in meinen Fokus rückte. Als er 2017 starb, wusste ich: Ich muss zuerst mal ein Buch über ihn schreiben.

Sie haben Wolli Köhler in den letzten Jahren seines Lebens kennengelernt und waren sein Freund. Was für einen Eindruck hatten Sie von ihm?

Schamoni Er war ein alter Hippiedon, ein literaturversessener Kiffer, der über Politik – speziell Marxismus –, Fichte und Goethe, kroatische naive Malerei und käuflichen Sex fabuliert hat, selbstironisch und pointiert, die Stunden mit ihm waren anregend, aber auch ambivalent.

Inwiefern ambivalent?

Schamoni Weil er nicht durchschaubar war, manchmal wechselte er seine Meinung ziemlich abrupt und unvorhergesehen.

Welche ist Ihre Lieblingsentdeckung oder -erkenntnis während der Recherchen für „Große Freiheit“?

Schamoni Dass Hamburg tatsächlich eine der Hauptgeburtsstätten des Beat und des Pop der frühen Sechziger gewesen ist. All diese großen phantastischen englischen Musiker und Bands haben hier ihr Handwerk gelernt und der Star Club war einer der angesagtesten Clubs der Welt. Das wusste ich (und die Welt) zwar vorher auch schon, aber nicht in der Detaildichte und mit der Wissenstiefe. Außerdem war die Recherche über die Geheimsprachen von St. Pauli für mich sehr erkenntnisreich.

„Die Normalos nennen die Loddel Zuhälter und die Tillen Nutten, aber wir benutzen diese Begriffe nicht, das sind Schimpfworte, mit denen sie uns degradieren wollen. Wir haben unsere eigene Sprache, wenn du die nicht kannst, kommst du nie rein. Die Frauen heißen Damen, Huren oder Tillen. Die Männer heißen Loddel oder Luden. Und ein weiblicher Zuhälter ist ein Kessmus.“ – Onkel, Hehler und Kleinkrimineller, in „Große Freiheit“

Als der junge Wolli nach St. Pauli kam, flog ihm vieles zu – die Kunden des Dealers Duke, die Freundschaft des legendären Transvestiten Cartacala, ein Job am Tresen des Roxy … Woran, glauben Sie, lag das?

Schamoni So geht das jungen Menschen halt, man hat vor wenigen Dingen Angst, ist offen und anspruchslos, man nimmt aufheiternde Substanzen und verbrüdert und verschwestert sich schnell mit Fremden.

Randgestalten interessieren Sie eher als Zentralgestalten – warum ist das so?

Schamoni Das war bei mir immer schon so, seit meinem künstlerischen Erwachen mit etwa 14 Jahren habe ich mich für Randgestalten interessiert, vielleicht weil ich mich selber ausgestoßen fühlte, aus meiner Familie und aus der Gesellschaft.

Sie schreiben über historische Personen. Wo haben Sie verdichtet, zugespitzt, editiert?

Schamoni Ich habe sehr viel recherchiert und mich in fast allem streng an Fakten und Berichte von Zeitzeugen gehalten. Da ich aber nicht dabei war, habe ich die Dialoge zu großen Teilen interpretieren müssen.

Haben Sie den Eindruck, dass das Publikum/das Feuilleton seit der Debatte um Takis Würgers „Stella“ Fiktionalisierungen historischer Stoffe kritischer betrachtet? Beeinflusst das Ihr Schreiben?

Schamoni Ich habe diese Debatte (vermutlich zum Glück) nicht verfolgt. Abgesehen davon habe ich versucht in meinen Beschreibungen so genau wie möglich zu sein, ich beziehe mich auf umfangreiche Interviews von Hubert Fichte, Jan Frederick Bandel und mir selbst mit Wolli und glaube doch tatsächlich vieles über ihn zu wissen.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren waren die bürgerlichen Moralvorstellungen rigide, St. Pauli versprach Freiheit. Wie steht es heute um die sexuelle Freiheit?

Schamoni Das Rotlichtmilieu scheint mir heute nahezu komplett aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, es gibt nur wenige Schriftsteller und Künstler, die sich damit auseinandersetzen. Und durch die digitale Desozialisierung der Gesellschaft scheint mir Sexualität eher eine Sache zwischen dem Einzelnen und dem Netz geworden zu sein, denn als eine gesellschaftliche Sprache. Nach außen hin sind wir alle gleich und sauber, die Verkommenheit tragen wir tief in uns versteckt.

Rocko Schamoni: Große Freiheit
hanserblau, 288 Seiten, 20 Euro