REMERSCHEN
CORDELIA CHATON

Stararchitekt François Valentiny führt durch seine neue Stiftung in Remerschen, plaudert über seine Kindheit und erzählt von seinen Werken und seiner Heimat

Am Ende des Gartens steht ein verglastes, verwunschenes Knusperhäuschen. Es ist rot und im Sommer blühen weiße Klematis über den gelben Stores. Erst wenn man an den Skulpturen und den Lorbeersträuchern vorbeigegangen ist, wird das Häuschen zum Haus: Immerhin rund 45 Meter ist das Büro lang. Alles ist in einem gedeckten Rot gestrichen. Es ist sein Rot. Er hat es selbst gemixt. Denn hier arbeitet François Valentiny.

Der 63-Jährige ist groß, trägt die grauen Locken ein bisschen länger und füllt den Raum mit seiner Anwesenheit. Über die Jeans fällt das legendäre weiße Stehkragenhemd. Er sieht ein bisschen aus wie die moderne Interpretation eines Adeligen, ein aus der Zeit gefallener Marquis d´architecture.

Der Stararchitekt scherzt über Handwerker und führt durch seinen halb verwilderten Garten, in dem er täglich arbeitet. Ein roter Pavillon sticht ins Auge. Er besteht aus Metallromben, die in dem gleichen Rot gestrichen sind wie sein Büro. „Das sind die, die ich beim KPMG-Sitz auf Kirchberg verwendet habe“, sagt er. „Das hier ist mein Gartenhaus.“ Drinnen stehen ein großer Arbeitstisch und ein Bett, davor lädt ein Teich zum Baden ein. „Im Sommer hat man hier Provence-Gefühle“, flachst Valentiny.

Das Büro von Valentiny Architects in Remerschen. - Lëtzebuerger Journal
Das Büro von Valentiny Architects in Remerschen.

Nach Südfrankreich würde er auch gut passen. Was macht einer wie er in einem Winzerdorf wie Remerschen mit seinen 600 Einwohnern? Immerhin unterrichtet der Mann Architektur von Trier über Wien bis Shanghai und ist eben erst in Korea von seinen Berufskollegen zu den wichtigsten hundert Architekten weltweit gekürt worden. Sein Name fällt bei den Gewinnern von Architekturwettbewerben wie der Bonner Beethovenhalle oder die Biennale in Venedig. Warum lebt er lieber in einem Haus an der Mosel statt in einem Loft? „Wo soll ich denn hin?“, grinst er. „Nein, im Ernst, ich wollte nie mehr herkommen. Ich wollte in Wien bleiben und jeden Tag in eine andere Oper gehen können. Aber jetzt ist hier alles so schön geworden.“ Hier hat er sich seine Welt erbaut.

Valentiny wurde 1953 in Remerschen als einer von zwei Söhnen eines Tischlers geboren. „Damals gab es im Ort zwei Tischler, einen Schmied, drei Metzger, fünf Wirtshäuser, einen Schuster und drei Krämer“, erinnert er sich. Jetzt prägen eher Tankstellen, die Jugendherberge, Weinhändler und ein gutes Restaurant das Dorfbild.

Fränz, wie ihn die Familie ruft, wächst zwischen der moralischen Enge und natürlichen Abenteuerspielplätzen auf. Der Lehrer in der Schule schlägt die Kinder, die die Ruten dafür selbst schneiden müssen. Wer am Sonntag nicht vier Mal in die Messe kommt, sondern in Saarlouis spazieren geht, wird abgekanzelt. Wo heute das Naturschutzgebiet Haff Remich mit Badeteich und Spazierwegen liegt, wurde früher Sand und Kies abgebaut. „Hier war in meinen Kindertagen kein einziger Teich, hier haben wir gespielt“, erinnert sich Valentiny. Genau dorthin hat er das Biodiversum gebaut, ein Gebäude, das einem umgedrehten Boot gleicht und als Informationszentrum dient. Im Sommer dieses Jahres wurde es eingeweiht. Seither ist die ganze Ecke feiner, Spazierwege aus Holz führen über das Wasser, neue Lampen erleuchten die Straße. Valentiny kommt gern her. Das beruhigt ihn.

Verhasste Bauverordnungen

Denn es gibt vieles, was ihn ärgert. Bauverordnungen beispielsweise. „Seit 36 Jahren setzte ich mich dagegen ein. Das ist Quatsch. Politiker verstehen das aber immer erst, wenn sie in Rente gehen und selbst bauen wollen. Da geht es um Formalien, die internationalisiert sind und weder die Kultur noch die Region berücksichtigen“, schimpft er.

Diese Enge, geistig wie moralisch, hasst er bis heute. Sie hat ihn oft daran gehindert, mit Materialien der Gegend zu bauen, die er liebt: Moselsand, Kalk, weißer Zement, Holz. „Sie sorgen für Harmonie. Das ist wichtig. Wer achtet heute noch auf Himmelsrichtungen?“, fragt er. Die Freiheit, zu machen, was er will, hat er in Belgien gefunden. Dorthin schickten ihn seine Eltern, als er zwölf Jahre alt war. „Im Internat war es anfangs schon hart“, meint er über die Abnabelung. Aber es war der Weg nach draußen.

Valentiny lernt Tischler und beschließt, doch nicht Maler und Bildhauer zu werden, sondern Architekt. Von 1975 bis 1980 studiert er erst in Nancy, dann in Wien. Der Student reist bis nach Mittelamerika, trägt die Haare lang, dazu einen Vollbart. Auf den alten Stätten der Maya kauft er sich einen Silberring mit kleinen grünen und roten Steinen. Heute kann er den Ring nicht mehr vom Finger ziehen. Die Farbe Rot muss ihn damals schon inspiriert haben, genau wie sein Studienort.

Österreich hat ihn geprägt. „Auf der Hochschule gab es 75 Professoren für 50 Schüler. Die haben in meinem Jahrgang von hundert Bewerbern nur elf genommen“, sagt er. Die Schule hat ihm viel beigebracht, sehr viel. „Nur nicht die verlogene Realität.“ Erste Bilder vom Akt bis zur akkuraten Tusche- und Rohrfederzeichnung, aber auch hunderte bunter Tagebuchskizzen stellt er jetzt aus in seiner eigenen Stiftung: Der Fondation Valentiny.

Sie steht mitten im Ort als weißes, lichtdurchflutetes Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Schulhofes. Valentiny will sich damit nicht nur ein Denkmal setzen, sondern vor allem junge Architekten unterstützen. „Ich hatte damals keine Hilfe.“ Nachmittags ab 14.00 ist das Gebäude geöffnet. „Wir wollen auch Vorträge und Zeichenkurse anbieten und es vermieten“, erklärt der geschickte Geschäftsmann.

Obwohl er immer wieder mit Rost assoziiert wird - wegen des Pavillons auf der Weltausstellung 2010 in Shanghai ebenso wie wegen des Verwaltungsgebäudes von KPMG - baut der Ex-Tischler laut eigener Aussage viel lieber mit Holz. Für das Haff Remich hat er den diesjährigen Holzbaupreis Eifel erhalten. Während er über die weißen Dielen schreitet, amüsiert er sich darüber, dass noch kein Konzern so weit ist, ein Verwaltungsgebäude aus Holz zu akzeptieren. „Dabei werden Häuser heute nicht für die Ewigkeit, sondern für einen Zeitraum von 25 bis 30 Jahren gebaut“, ist Valentiny sich sicher.

Der Verwaltungssitz von KPMG auf Kirchberg. - Lëtzebuerger Journal
Der Verwaltungssitz von KPMG auf Kirchberg.

An der Wand defilieren Dias mit Gebäuden, die der geniale Selbstvermarkter in Luxemburg geprägt hat: Das Lycée in Diekirch, das EU-Informationszentrum mit Promenade und Säule in Schengen, die Commerzbank auf Kirchberg, das Rathaus in Bech-Kleinmacher, Vor- und Grundschule sowie Maison Relais in Remerschen, dazu Schwimmbäder wie „Les Thermes“ in Strassen oder das Stadtbad in Bonneweg. Und natürlich das „Bistro gourmand“ in Remerschen, in dem Chef Nicolas Donati auf Gault et Millau-Niveau kocht und Valentinys Vorliebe für Crème brûlée und guten Wein berücksichtigt. Die beiden haben sich nach dem Um- und Ausbau gut kennengelernt. Die Adresse mit den roten Sonnenschirmen ist so etwas wie Valentinys persönliche Kantine.

Auch weltweit hat der Architekt seine Spuren hinterlassen: Das Mozarteum im brasilianischen Trancoso, das Mozarthaus in Salzburg, die Botschaft Luxemburgs in Wien, Theater und Kongresshalle in Saarbrücken, das Friedenszentrum in Verdun, Bauten in China. „Viele denken, wir sind nur darauf aus, Kunst zu machen. Da werden wir oft in eine Ecke reingebracht“, winkt er mit leichtem Schmäh ab. Großkopfert, wie die Wiener sagen, ist er nicht. „Ich habe noch nie einen Auftrag abgelehnt. Und wir haben Preise wie alle anderen.“ Wenn ein Projekt fertig ist, fällt ihm meist noch ein, was er anders gemacht hätte.

Arbeiten ohne Illusionen

Einfach ist es sicher nicht, die beiden Büros in Wien und Remerschen mit rund 30 Mitarbeitern auszulasten. Auch seine Tochter Anna studiert Architektur in Wien. Kein Wunder, dass Valentiny sich lange sorgte. „Bis ich Mitte Vierzig war, hatte ich Angst vor dem weißen Papier“, sagt er. „Irgendwann ist es dann wie bei einem Klavierspieler. Man weiß, wie es geht.“ Heute beherrscht er die Klaviatur der Gebäude, Skulpturen und Ausschreibungen. „In diesem Beruf kann man nur überleben, wenn man keine Illusionen hat“, ist er überzeugt. „Wer zu viel an sich herankommen lässt, zerbröckelt.“

Vor den weißen Wänden stechen rote Objekte ins Auge. „Das war ein Projekt in der Mandschurei. Das hier sind Requisiten aus Oper und Theater, die ich entworfen habe. Und das ist das Modell der Beethovenhalle in Bonn. Das haben wir auch rot gestrichen“, zählt Valentiny auf. Die gedeckte, kräftige Farbe hat er sich während seiner Zeit in Dessau zusammenmischen lassen. „Damals gab es so etwas noch nicht zu kaufen.“ Seither zieht sie sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen. Rot regt an, belebt, steigert die Energie und steht in der Symbolik für Willen, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. Kurz: Die Farbe passt zu ihm. Alt fühlt er sich nur, wenn er „zum x. Mal der gleichen Dummheit begegnet“.

Auf seinen Wegen durch Luxemburg und seinen Heimatort trifft er immer öfter auf eigene Werke. „Das ist aber erst seit 15 Jahren so.“ Jetzt hat er das Renommé, ein Gebäude wie die Bibliothek der Universität in Belval bauen zu können. Deren Glas hat er bedrucken lassen - mit Bildern des Schutzes, der auf der Vorgängerhalle lag. Solche Spielereien machen ihm Spaß. Nun hat er die Freiheit, das zu tun; jetzt schränkt ihn die Enge seiner Heimat nicht mehr ein. Jeden zweiten Monat ist er in China, dazwischen in Wien, Brasilien oder sonst wo. Dann kommt er auch gern wieder. Am Ende des Wiesenwegs in Remerschen steht ein efeuumranktes Haus. Die Tür, hinter der der bekannteste Architekt Luxemburgs wohnt, ist rot.

www.valentiny-engineering.lu / www.valentiny-foundation.com

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