DIFFERDINGEN
SIMONE MOLITOR

Réjane Nennig über die Schwerpunkte und Herausforderungen im „Aalt Stadhaus“

Als seinerzeit beschlossen wurde, das historische „Hôtel de Ville“ der Gemeinde Differdingen nach einer umfangreichen Renovierung und Erweiterung in ein Kulturzentrum umzuwandeln, wurde ein Konzept verfolgt: Das „Aalt Stadhaus“ sollte immer zugänglich sein und Besuchern demnach nicht nur an Veranstaltungsabenden offen stehen. Klar war deshalb, dass man der Stadtbibliothek ihren Platz zurückgeben würde, den sie in dem Gebäude schon immer hatte, und ferner die Musikschule sowie ein Bistro integrieren würde. Gleichzeitig sollte aber natürlich viel Raum für die Kultur geschaffen und ein regelmäßiges Programm geboten werden. Über dieses Standbein haben wir uns näher mit der Direktionsbeauftragten Réjane Nennig unterhalten.     

In welche Richtungen gingen anfangs die Überlegungen, was das Programm anbelangt?

Réjane Nennig Zuerst haben wir uns natürlich rechts und links umgeschaut, um uns von dem bereits bestehenden Angebot zu unterscheiden. Man soll sich ja nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Dass Blues ein wichtiger Bestandteil unseres Programms sein würde, stand gleich fest, immerhin ist Differdingen ja für das Event Blues Express und auch seine Blues-Schule bekannt. Außerdem wollten wir uns auf Stand-up-Comedy und Humor im Allgemeinen spezialisieren. Ein weiterer Schwerpunkt sollte eigentlich World Music sein. Wir dachten, das wäre passend, da in unserer Gemeinde so viele verschiedene Nationalitäten leben. Das hat aber nicht wirklich funktioniert, sodass wir diese Idee schnell wieder aufgegeben haben.

Sie haben sich aber nun nicht nur auf Blues und Stand-up spezialisiert?

Nennig Nein, denn ein regionales Kulturzentrum muss mit seinem Angebot ein Publikum erreichen, das so breit gefächert wie nur möglich ist. Auch Kinder und Jugendliche gilt es, an die Kultur heranzuführen, deshalb sind Schulvorstellungen und auch partizipative Projekte seit jeher ein wesentlicher Bestandteil unseres Programms. Wichtig ist uns auf der anderen Seite, auch der älteren Generation etwas zu bieten. Viermal im Jahr laden wir beispielsweise zum „Thé dansant“, was sehr gut ankommt.

Damit hat das „Aalt Stadhaus“ also mit der Zeit seine Nische gefunden?

Nennig So ist es. Zuletzt ist besonders das Comedy-Programm gewachsen. Dazu gehören auch viele kleine nationale Theaterproduktionen, die hier eine Bühne finden und auch ein junges Publikum anziehen. Teenager sind ja eigentlich eher schwer zu erreichen. Mit jungen Theatergruppen oder Stand-up-Comedians können sie sich besser identifizieren. Wir sind auch immer gerne bereit, Koproduktionen zu machen. Das ist so erfrischend.

Und wie sieht es mit eigenen Produktionen aus?

Nennig Damit wollen wir jetzt anfangen, denn tatsächlich hat sich die Kreation in unserem Haus bisher auf Koproduktionen beschränkt. Nachdem wir nach sechseinhalb Jahren endlich unsere Konvention mit dem Kulturministerium bekommen haben, wurde uns auch ans Herz gelegt, mehr in die Produktion zu investieren. Gerade arbeiten wir an einem ersten eigenen Projekt im luxemburgischen Stand-up-Bereich. Das soll eine professionelle Inszenierung werden, die danach dann auch ins Ausland exportiert werden kann. Die Stand-up-Szene in Luxemburg war lange Zeit quasi inexistent, jetzt beginnt sie sich immer mehr zu entwickeln. Künftig wollen wir auch „Open Mics“ für Anfänger beispielsweise organisieren und so helfen, diese Szene aufzubauen. Anfangs haben wir übrigens versucht, ein Gleichgewicht zwischen deutscher und französischer Comedy zu finden, die deutsche zieht hier aber überhaupt nicht, dafür aber die englischsprachige. Gelegentlich bieten wir auch Shows auf Italienisch oder Portugiesisch, zugeschnitten eben auf die Bedürfnisse der Differdinger Bevölkerung. Zu unseren Besuchern zählen im Allgemeinen aber auch viele Leute aus der Grenzregion.

Warum hat die Konvention mit dem Kulturministerium eigentlich so lange auf sich warten lassen?

Nennig Einem neuen Haus wird natürlich nicht sofort eine Konvention angeboten. Zuerst muss man arbeiten und beweisen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Irgendwie ist unsere Anfrage aber immer etwas untergegangen, vor allem wenn wieder ein neuer Minister am Ruder war. Zum Glück hat es jetzt geklappt, sodass wir auch ins „Réseau“ der regionalen Kulturhäuser aufgenommen werden konnten, was einem doch andere Türen öffnet.

Zum Beispiel?

Nennig Man kommt schon mal an Informationen, die wir vorher nicht so bekommen haben. Und dann gibt es natürlich eine große Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kulturhäusern. Da gab es in unserem Fall doch Berührungsängste, wenn es um Koproduktionen ging. Seit wir im „Réseau“ sind, hat sich die Interaktion gesteigert. Gerade jetzt während der ganzen Covid-Situation war die Zusammenarbeit sehr groß, am Anfang standen wir nämlich etwas alleine und verloren da. Wir mussten überall anklopfen, um herauszufinden, wie die Situation in anderen Häusern gehandhabt wird. Dieser Austausch hat das Ganze doch erleichtert, immerhin musste die Hälfte der Saison umgeplant werden. Wir haben versucht, alles zu verlegen. In der Regel bieten wir übrigens rund 80 Events pro Jahr.

Wie schlimm war es denn, nicht zu wissen, wie und wann es weitergehen würde?

Nennig Diese Ungewissheit war wirklich das Allerschlimmste, wir fühlten uns wohl alle komplett aus der Bahn geworfen. Mittlerweile hat man sich etwas mit der Situation abgefunden. In einem Kulturhaus zu arbeiten, ist, wie in einem Hamsterrädchen zu laufen. Man läuft und läuft und läuft, arbeitet 14 Stunden am Tag, und dann wird man von einem Tag auf den anderen rausgeschleudert, sitzt da und weiß nicht, was man machen soll. Der Wille, zu arbeiten, auch von den Künstlern, war aber extrem präsent. Uns ist es gelungen, relativ früh wieder zwei Theatervorstellungen zu bieten, wenngleich nur mit einem eingeschränkten Publikum. Die Freude der Zuschauer und auch der beiden Künstler auf der Bühne war riesig. Das Programm für die nächste Spielzeit steht auch schon. Wir sitzen in den Startblöcken und hoffen das Beste.  

Hat das „Aalt Stadhaus“ seinen Platz im Land gefunden?

Nennig Im Süden auf jeden Fall, im ganzen Land wäre vielleicht etwas übertrieben. In der Kulturlandschaft Luxemburgs haben wir aber definitiv Fuß gefasst. Die Gemeinde Differdingen investiert seit 15 Jahren enorm in die Kultur. Das ist nicht selbstverständlich. Die regionalen Kulturhäuser spielen ja auch im Allgemeinen eine sehr wichtige Rolle, immerhin decken sie ein Gros des kulturellen Angebots im Großherzogtum ab.

Machen sich die einzelnen Häuser denn nicht gegenseitig Konkurrenz?

Nennig Nein, überhaupt nicht. Geografisch gesehen liegen wir ja doch weit genug auseinander. Die Gemeinde Differdingen zählt über 27.000 Einwohner. Es ist die drittgrößte Stadt des Landes. Dass eine solche Stadt ein eigenes Kulturhaus hat, um alleine schon die Bedürfnisse ihrer Bewohner abzudecken, finde ich ziemlich normal.

Welche Bilanz ziehen Sie nach sechseinhalb Jahren?

Nennig Eine durchweg positive. Wir sind immer noch sehr zufrieden in unserem schönen Gebäude, wir arbeiten gerne und haben bereits eine gute Arbeit geleistet, sind uns aber bewusst, dass noch einiges zu tun bleibt, um auch die Leute anzuziehen, die normalerweise in der Kultur immer durchs Raster fallen. Das ist eines unserer Hauptanliegen. Wir wollen wirklich alle Menschen einbinden, niemanden ausgrenzen und eben nicht nur ein paar Privilegierten etwas bieten. Man kann jedoch nicht nur herumsitzen und darauf warten, dass die Leute von alleine kommen, sie müssen abgeholt werden, mit interessanten und auch partizipativen Projekten. Darauf werden wir weiterhin viel Wert legen.