Die rezenten Flüchtlingsdramen rücken eine grundsätzliche humanitäre Herausforderung für alle Länder rund um den Mittelmeerraum erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Allein während der letzten sechs Tage sind in Italien 11.000 Flüchtlinge eingetroffen. Deshalb lohnt sich ein näheres Hinsehen, eine Empathie für all diese tragischen Schicksale, denen wir aufgrund unserer viel gepriesenen westlichen Werte sowie ganz normaler Mitmenschlichkeit nicht einfach den Rücken kehren können.

Einerseits stellen wir eine Brutalisierung der Zustände auf den Flüchtlingsbooten fest, werden doch die Flüchtlinge manchmal einfach sich selbst überlassen, oder aber sie werfen sich gegenseitig über Bord, weil ethnische und religiöse Konflikte mit hineinspielen.

Die Aufnahme von Flüchtlingen stellt europäische Länder vor die oft komplexen Aufgaben der Integration, die allerdings Sinn machen, sowohl für die Flüchtlinge selbst als auch für die Industrienationen, die Arbeitskräfte auf allen Ebenen brauchen und den jungen Generationen ein Gesellschaftsmodell der Empathie vorleben sollten. Die reguläre Integration von Flüchtlingen in europäischen Gesellschaften bleibt jedoch für viele Betroffene ein Lebenstraum, der nicht in Erfüllung geht. Das Schicksal von Millionen Menschen, die sich ohne gültige Papiere in Europa durchschlagen müssen, ist ein gravierendes Menschenrechtsproblem, das wir alle verdrängen, und das die berühmte nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie eindrucksvoll in ihrem Roman „Americanah“ schildert. Unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften „Illegale“ in Wirtschaftszweigen, in denen keine Europäer mehr arbeiten wollen; sie arbeiten unter falschem Namen, mit Hilfe von Sozialversicherungskarten von Bekannten, und müssen tagtäglich Angst haben, entdeckt zu werden und wieder in ihr Herkunftsland zurückgeschickt zu werden.

Kürzlich machte auch der Film „Samba“ mit Omar Sy auf diese verheerenden Lebensumstände aufmerksam. Ebenso wies die rezente Ausstellung „Bitter Oranges“ in der Neumünsterabtei auf die Arbeitsbedingungen illegaler Flüchtlinge auf den Orangenplantagen in Italien hin. Demgemäß, angesichts einer millionenfachen Misere, mit der wir als Europäer direkt konfrontiert werden, müssen wir uns die Frage stellen: Was ist zu tun? Welchen Platz haben all diese Menschen auf unserer Welt? Inwiefern können wir verdrängen und wie lange noch?

Die Ausarbeitung einer EU-Strategie, eine absolut notwendige demokratische Erneuerung in den arabischen Ländern, sowie eine korrekte politische Führung in afrikanischen Ländern, kombiniert mit einer Begleitung im wirtschaftlichen Know How wären einige Wege, die beschritten werden müssten und bei denen alle Beteiligten gefordert sind. Darüber hinaus empfiehlt sich unbedingt ein Rückblick auf historische Zusammenhänge. Wenn also einige (oder viele) von uns der Ansicht sind, dass arabische und afrikanische Flüchtlinge bei uns nichts zu suchen haben, sollten wir uns daran erinnern, dass wir Europäer auch in Afrika und im Mittleren Osten gewesen sind, und zwar Jahrhunderte lang, und dass wir genau jene strukturellen Ungleichheiten mitgeschaffen haben, die heute im Nord-Süd-Dialog so schwer wiegen und jetzt zurückschlagen.

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